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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Buchtipp: Gernot Wolfgruber: Herrenjahre

Salzburg: Residenz, 2015. 360 S., 22,90 Euro
von Dieter Braeg

Das Interesse großer Teile der Linken für die 70er und 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts ist ziemlich gering – ob es nun um damalige Kämpfe geht oder um gesellschaftliche Entwicklungen.
Dabei hat Gernot Wolfgruber genau in dieser Zeit neben Fernseh- und Hörspielen und einigen kürzeren Texten – in den in Österreich auch heute noch in erstaunlich großem Umfang erscheinenden Literaturzeitschriften – auch die Romane Herrenjahre (1976), Niemandsland (1978), Verlauf eines Sommers (1981) und Die Nähe der Sonne (1985) veröffentlicht. In diesen Romanen hat Wolfgruber jene Welt geschildert, in der es keine Happy-End-Helden gab; sie waren Opfer und der Autor war auf ihrer Seite, nicht auf der der Täterinnen und Täter.
Ja, damals ließ sich literarisch erzählen über eine Gesellschaft, die sozialen Aufstieg, Partnerschaft bei der Arbeit und Mitbestimmung vorgaukelte. Dies erklärt den erstaunlichen Erfolg der im Fischer Verlag veröffentlichten Taschenbuchreihe des «Werkkreises Literatur der Arbeitswelt», der genau von dem erzählte, was Sache war. Von der Gesellschaft und ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Die Romane und Texte von Gernot Wolfgruber passen in diese Zeit.
Der «Literaturbetrieb» heute hat sich seinen Namen verdient. Da geht’s zu wie am Fließband und herauskommen die «Mehr-Schein-als-sein-Produkte», die VW das Kreuz brechen und im literarischen Leben so viel wert sind, wie das neuerdings aus der Todeszone gerettete «neue» Literarische Quartett.
Der Verleger Jochen Jung stellte 2009 in der Zeitschrift Literatur und Kritik fest: «Gernot Wolfgruber hat die Welt immer aus der Perspektive und an der Seite nicht der Täter, sondern der Opfer geschildert. Die wiederum wollten keine Opfer mehr sein, aber auch nicht wirklich Täter werden. Sie wollten die Vorteile des sozialen Aufstiegs gewinnen, stießen sich aber ziemlich an den Stufen zu den oberen Etagen. Sie merkten, dass sie nicht allein waren, weil andere etwas von ihnen erwarteten, was sie aber überforderte. Sie versuchten, sich in einer Welt einzurichten, die sie nicht verändern konnten, der sie sich mal anpassen, mal nicht anpassen wollten, und der Leser schaute dabei ihrem mehr oder weniger verzweifelten Tun zu und machte sich darüber seine eigenen Gedanken, in denen der unterm Lesen immer wieder düpierte und immer wieder aufscheinende Veränderungswunsch, den die Praxis antrieb und nicht die Theorie, dann doch eine Ahnung von Utopie aufsteigen ließ.»
Herrenjahre – der Roman wurde auch verfilmt – erzählt einige Jahre des Lebens von Bruno Melzer, seine Lehre in einer Tischlerei: «Und seine Lehrzeit war auch eine gewöhnliche Lehrzeit gewesen. Eine Zeit, die man abschreibt. Kuschen, Wegräumen, nichts richtig machen, ja sagen. Alles schon wissen müssen. Nichts denken dürfen. Lernen, sich nicht betroffen zu fühlen, Gedanken folgenlos sein zu lassen. Nicht wehleidig sein dürfen, schon ein Mann sein müssen, Rotzbub sein. Ständig denken: nur noch soundso lang. Hoffnungen aufschieben, abschreiben.»
Die Hoffnung, nach den Lehrjahren gebe es nun ein richtiges Leben mit Herrenjahren, die gibt es nicht.
Melzer wird bald nach der Lehre heiraten müssen. Es ist Maria, «eine schiache (hässliche) Zufallsbekannte», die ein Kind von ihm erwartet. Maria ist bei Zieheltern groß geworden und will ein «besseres» Leben führen. Sie ahmt die Sitten der höheren Klassen nach, will eine gute Mutter sein, weil sie eine lieblose Kindheit erlebte. Konflikte mit der Schwiegermutter. Operation der Frau, Umzug in eine eigene Wohnung. In einer Möbelfabrik lernt Melzer die monotone Akkordarbeit kennen. Die Hoffnung, des eigenen Glückes Schmied zu sein, bleibt unerfüllt. Melzer geht fremd, weil, das braucht der Mann, um sich bestätigen zu lassen, er habe seine Freiheit nicht verloren.
Seine Frau wird ein zweites Mal schwanger und bringt einen Sohn zur Welt, und Melzer wechselt wieder den Arbeitsplatz; aber auch dort gibt es keine Aufstiegschance. Der Kehlkopf seiner Frau muss entfernt werden, dann stirbt die Mutter, und Maria wird ein drittes Mal schwanger und bringt einen Jungen zur Welt. Melzer beginnt ein Haus zu bauen; es bleibt bis zum Ende des Romans ein Rohbau. Seine Frau erkrankt an Lungenkrebs und stirbt. Melzer sucht Hilfe, um mit seinen drei Kindern in dem halbfertigen Haus ins Leben zurückzufinden. Das Buch endet:
«Wenn sich auf die Annonce eine meldet, die mich nimmt, obwohl ich nichts hab als drei Kinder und einen Haufen Arbeit daheim, ehrlich, sagt er, ich würd eine jede nehmen, ganz wurscht, wie sie ausschaut, wenn’s nur halbwegs zum Aushalten wär und mit den Kindern umgehen könnt, da würd ich’s nehmen, weil auf die Liebe oder so was, sagt er, kommt’s bei mir nicht mehr an, weil drauf darf es gar nicht mehr ankommen, das ist vorbei, sagt er, tausend Rosen, so was spielt für einen wie mich keine Rolle mehr. Weil eigentlich, sagt er, spiel ich ja selber keine Rolle mehr. Auf die erste Heiratsanzeige, die Melzer aufgegeben hat, hat er drei Zuschriften bekommen.»


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