Zahlensalat
von Wolfgang Pomrehn
Die Preis für Erdöl und Erdgas machen weiter wilde Berg- und Talfahrten. Seit dem erneuten Angriff Israels und der USA auf den Iran bewegt sich der Börsenpreis für ein Fass (Barrel, 159 Liter) der europäischen Standardsorte Brent um 30 bis 50 US-Dollar über dem Anfang 2026 erreichten Niveau. Das lag seinerzeit bei rund 60 US-Dollar pro Barrel, stieg dann für kurze Zeit auf etwas über 110 US-Dollar, sackte wieder für rund zwei Wochen auf etwa 70 US-Dollar ab und pendelte zuletzt für längere Zeit um die 100 US-Dollar pro Fass.
Noch dramatischer ist die Entwicklung beim Erdgas an den europäischen Börsen. In der EU ist Erdgas seit Jahresbeginn um 150 Prozent teurer geworden. Das dürften die Verbraucher mit den nächsten Abrechnungen schmerzhaft zu spüren bekommen – jeder zweite Haushalt heizt mit Erdgas, weitere gut 14 Prozent mit Fernwärme aus Kraftwerken, die meist noch mit Gas befeuert werden. Zumal zu Beginn der Heizperiode die Speicher auf einem besonders niedrigen Füllstand sind. Voraussichtlich wird das schon bald dazu führen, dass kurzfristig Gas nachgekauft werden muss, und zwar zu Preisen, die mit der Nachfrage weiter steigen.
Dafür geht ein herzlicher Dank der daran prächtig verdienenden Energiekonzerne an Springer Presse, Union und AfD für deren massive Fake-News-Kampagne, mit der in den letzten Jahren vielen die Wärmepumpen madig gemacht wurden. In ihrem Programm für die Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt hat die Partei mit dem offen faschistischen Flügel übrigens die »Abschaffung des Wärmeplanungs- und Gebäudeenergiegesetzes« gefordert.
Das heißt, sie ist nicht nur gegen die Förderung von Sanierung und Wärmepumpen – letztere lässt die Bundesregierung allerdings ohnehin gerade auslaufen –, sondern auch gegen den gezielten Ausbau der Fern- und Nahwärme. Die AfD möchte also, dass wir, ob im eigenen Haus oder in der Mietwohnung, noch möglichst lange den Launen des Weltmarkts und den steigenden Gas- und Ölpreisen ausgeliefert bleiben: 25 Prozent der Haushalte heizen noch mit Öl.
Nicht, dass Union und SPD eine grundsätzlich andere Politik verfolgten. Mit den jüngsten Änderungen des Gebäudeenergiegesetzes haben sie dem Druck von Immobilienlobby und Rechtsaußen weitgehend nachgegeben. Unter anderem ist den Vermietern nun wieder erlaubt, neue Gasheizungen einzubauen und damit die Mieter:innen den Energiekonzernen auszuliefern.
Einzig für die Fahrer dicker Stadtpanzer zeigt die Berliner Koalition mit der Neuauflage des Tankrabatts ein wenig Herz: Vielfahrer und -verbraucher werden mit einem Nachlass auf die Energiesteuer für ihr unsoziales Verhalten belohnt. Rund 2,5 Milliarden Euro ist dem Bund das wert. Davon strichen nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin die Energiekonzerne in der ersten Woche nach Einführung 25 bis 33 Prozent ein. Die Steuersenkung wurde an der Zapfsäule nicht im vollen Umfang weitergegeben.
Der Zuschuss für das Deutschlandticket wird hingegen nicht erhöht und bleibt bei drei Milliarden Euro. Wer also auf die vernachlässigten öffentlichen Verkehrssysteme angewiesen ist – etwa 13 Millionen Erwachsene und 14 Millionen Kinder und Jugendliche haben keinen Führerschein, acht von 41,1 Millionen Haushalten kein Auto –, geht wieder einmal leer aus.
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