… und am Ende nur heiße Luft
von Jörg Wuttke
Nach dem ersten Spitzentreffen der Sozialpartner mit dem Kanzler im Juni betonte Christiane Benner »die gemeinsame Verantwortung«, »jeder [müsse] seinen Teil beitragen«; im selben Atemzug lehnte sie jeden Sozialabbau ab. Das Treffen drehte sich explizit um Reformen der Sozialversicherungen und endete ohne Ergebnis.
Bei der Rente wurde Christiane Benner konkreter: Die von der Rentenkommission vorgeschlagene Streichung der abschlagsfreien Rente nach 45 Jahren und des Blockmodells bei der Altersteilzeit werde man »mit Zähnen und Klauen« verteidigen. Verschwiegen blieb der Rest des Pakets, u.a. Kopplung des Renteneintritts an die Lebenserwartung und eine verpflichtende Kapitalrente mit zwei Beitragssatzpunkten.
Ob Christiane Benners Ankündigung, die abschlagsfreie Rente nach 45 Jahren und das Blockmodell bei der Altersteilzeit »mit Zähnen und Klauen« zu verteidigen, mehr ist als nur kämpferische Rhetorik, zeigt der historische Vergleich: 1996, als Kohl die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kürzen wollte, demonstrierten 350000 Menschen in Bonn, 150000 traten am 1.Oktober in einen echten Streik – am Ende blieb die Kürzung in weiten Teilen der Industrie tarifvertraglich Makulatur.
Das war eine Verteidigung mit »Zähne und Klauen«. Von einer vergleichbaren Mobilisierung ist bislang nichts zu sehen. Auch die Reaktion auf die Attacke auf die 35-Stunden-Woche bei Mercedes beschränkte sich bislang auf einen Aktionstag mit wenigen Stunden Kundgebung ohne Streikgeld und ohne echten mehrtägigen Produktionsausfall. Das ist etwas grundlegend anderes.
Der Fall VW
Was es für die Kolleg:innen heißt, jeder »müsse seinen Teil dazu beitragen«, zeigt die Geschichte der VW-Standortsicherung in aller Deutlichkeit.
1993 einigten sich VW und die IG Metall auf 20 Prozent weniger Arbeitszeit bei fast gleichem Lohn, im Gegenzug für Kündigungsschutz – schon 1999 kehrte VW zum klassischen Dreischichtsystem zurück.
Die 1994 begründete, seither fortlaufend erneuerte Beschäftigungssicherung kündigte der Konzern im September 2024 einseitig auf. Nach einem 70stündigen Verhandlungsmarathon einigte man sich im Dezember 2024 auf eine neue Zusage bis Ende 2030: »keine Werksschließungen, keine betriebsbedingten Kündigungen«. Die Belegschaft bezahlte dafür mit dem Verzicht auf eine vereinbarte Entgelterhöhung von 5,5 Prozent für die gesamte Laufzeit sowie auf eine Einmalzahlung von 600 Euro. Mit dem eingesparten Geld wurde »sozialverträglich« Stellenabbau finanziert.
Im Juli 2026, keine 20 Monate später, berät der VW-Aufsichtsrat erneut über die Schließung von bis zu vier Werken und den Abbau von bis zu 120000 Stellen weltweit. Zwei Zusagen, zwei Kündigungen, keine zwei Jahre – und dazwischen ein Lohnverzicht, der am Ende nichts gesichert hat außer der nächsten Verhandlungsrunde zum Personalabbau.
Bei Porsche wiederholt sich dasselbe Muster: 5000 weitere Stellen fallen weg für eine »Standortsicherung bis 2035«, finanziert zu erheblichen Teilen aus den Einbußen der Beschäftigten, während der Konzern im ersten Halbjahr 2026 sein operatives Ergebnis von 1,01 auf 1,38 Milliarden Euro steigerte.
Wer trotz dieser Beispiele noch von der »Kraft der Tarifpartnerschaft« spricht, verwechselt einseitige Kapitulationsbereitschaft mit einem Bündnis auf Augenhöhe. Auch die Formel Benners, man müsse »gemeinsam durch die Krise kommen«, trägt nicht: Sie suggeriert ein gemeinsames Schicksal von Konzernvorständen und Belegschaften, wo in Wahrheit eine Seite die Gewinne einstreicht, während die andere die Rechnung zahlt.
Dass dies als Realismus verkauft wird, ist das notwendige Produkt einer Gewerkschaftspolitik, die sich selbst als Co-Managerin statt als Gegenmacht zum Kapital versteht. Diese Haltung lässt sich auch an der bevorstehenden Tarifrunde ablesen: Für Wachstumsbranchen wie Rüstung deutet Christiane Benner mehr Spielraum an, für die Krisenbranche Auto mahnt sie »sorgfältiges Abwägen«.
Eine Formulierung, die zugleich kämpferisch und kompromissbereit klingt, schwächt aus Erfahrung die Verhandlungsposition der Tarifkommission. Rein taktisch sollten Kompromisse erst am Ende der Verhandlungen gemacht werden, eine notwendige Taktik, die anscheinend die Arbeitgeberseite bedeutend besser beherrscht als die Gewerkschaftsspitze.
Was von Amerika zu lernen wäre
Was können deutsche Gewerkschaften vom UAW-Erfolg in Chattanooga lernen?, wurde Christine Benner gefragt. Eine Antwort gab sie nicht. Statt dessen verwies sie auf Fehlverhalten der Arbeitgeber.
Dabei liefert der Fall Chattanooga konkrete, lernbare Lektionen. Der Tarifabschluss im Februar 2026 kam erst zustande, nachdem die Belegschaft glaubwürdig mit einem echten Streik gedroht hatte – nicht mit einer einstündigen Kundgebung während der Frühschicht ohne Lohnausfall. UAW-Präsident Shawn Fain reiste eigens zum Werk, um öffentlichkeitswirksam die 20,6 Milliarden Dollar Konzerngewinn von Volkswagen der unterdurchschnittlichen Krankenversicherung der Belegschaft vor Ort gegenüberzustellen – eine zugespitzte, plakative Gewinn-gegen-Beschäftigte-Kampagne, wie man sie von deutschen Gewerkschaftsspitzen selten hört.
Das Ergebnis: 20 Prozent lineare Lohnerhöhung, Sofortbonus, Jahresbonus, verbesserter Kündigungsschutz, mit 96 Prozent Zustimmung ratifiziert. Und das nach zwei gescheiterten Organisierungsversuchen 2014 und 2019 – ein jahrzehntelanger, zäher Aufbauprozess, kein Selbstläufer.
Nichts davon erwähnte Christiane Benner. Kein Wort zur Bedeutung glaubwürdiger Eskalation, kein Wort zur öffentlichen Zuspitzung auf Konzerngewinne, kein Wort zu einem von der Basis gewählten, unabhängigen Verhandlungskomitee statt zentral gesteuerter Tarifkommissionen. Stattdessen blieb es beim Verweis auf das Fehlverhalten der Gegenseite – ein bequemes Argument, das nichts an der eigenen Praxis ändern muss.
Auch beim Lob Benners für den US-amerikanischen Inflation Reduction Act, dessen Kopplung von Fördergeldern an Tariflöhne dem deutschen Tariftreuegesetz als Vorbild dienen sollte, zeigt sich eine Lücke: Das seit Mai 2026 geltende Bundestariftreuegesetz nimmt Liefer- und Beschaffungsleistungen für die Verteidigung bis Ende 2032 ausdrücklich aus – ausgerechnet dort, wo derzeit die größten Investitionen fließen. Die IG Metall nannte das »inakzeptabel« und beließ es dabei.
Sinkende Tarifbindung, sinkende Mitgliederzahlen
Auf die sinkende Tarifbindung angesprochen, plädierte Christiane Benner für »Anreize für Unternehmen, in die Tarifbindung einzutreten« – eine bemerkenswerte Umkehrung des gewerkschaftlichen Grundprinzips: Tarifbindung soll nicht mehr erkämpft, sondern den Arbeitgebern als attraktives Angebot unterbreitet werden.
Was mit »Anreizen« gemeint sein könnte, blieb offen – naheliegend sind tarifliche Öffnungsklauseln, mit denen die IG Metall in den letzten zwei Jahrzehnten versucht hat, Unternehmen in der Tarifbindung zu halten, indem sie den Tarifvertrag selbst löchriger machte.
Auch auf die sinkende Mitgliederzahl – zuletzt knapp über zwei Millionen – antwortete Benner ausweichend: Demografie und Stellenabbau seien nicht wegzudiskutieren. Das sind Symptome, keine Diagnose.
Seit Jahrzehnten hat es in der Branche keinen nennenswerten mehrtägigen Streik mehr gegeben, der die reale Kampfkraft der Organisation unter Beweis gestellt hätte. Stagnierende Reallöhne, fortgesetzter Arbeitsplatzabbau und wachsende Leistungsverdichtung sind das Ergebnis einer Politik, die sich selbst zunehmend als Mitverwalterin des Unternehmenserfolgs versteht statt als Gegenmacht. Die sinkende Mitgliederzahl ist nur der folgerichtige Ausdruck eines wachsenden Zweifels, ob die eigene Organisation überhaupt noch konsequent auf der Seite der Beschäftigten steht.
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