Handel/Banken 26. September 2026

Eine tickende Zeitbombe
von David Stein

Als Private Credit oder Private Debt wird die Bereitstellung von Fremdkapital an Unternehmen durch Kreditgeber bezeichnet, die keine Banken sind. Es handelt sich um Direktkredite, die weder ein Bankkredit noch eine am Markt gehandelte Anleihe sind. Als Kreditgeber agieren speziell aufgelegte Fonds, in die professionelle oder institutionelle Anleger wie Pensionsfonds, Versicherungen oder reiche Private ihr Kapital investiert haben.

Bislang handelte es sich vorwiegend um ein US-Phänomen. Dieser Markt boomte in den vergangenen Jahren und umfasst heute nach vorsichtigen Schätzungen weltweit ein Fonds-Volumen von 2,5 Billionen US-Dollar, rund 80 Prozent davon wohl in den USA.
Andere Regionen, einschließlich Europa und Asien, erleben jedoch laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) »eine ähnliche Wachstumsdynamik«. Er schätzt das Volumen in Europa auf 430 Milliarden Euro. Im Vergleich zum globalen Finanzsystem, das rund 486 Billionen US-Dollar verwaltet, ist der Private-Debt-Markt zwar noch klein, aber er wächst jährlich um etwa 10 Prozent.
Die Kredite werden hauptsächlich an mittelgroße Unternehmen der Realwirtschaft vergeben. Diese Schuldner sind für Kleinbanken meist zu groß und für Großbanken zu klein. Hinzu kommt, dass sie oft eine eingeschränkte Bonität besitzen.
Dass dieser Markt so gewachsen ist, liegt auch daran, dass die Regulatoren nach der Finanzkrise von 2008 die Anforderungen an Banken für die Vergabe von Darlehen erhöht haben. Diese Finanzierungslücke nutzen spezialisierte Fonds aus. Mit für sie profitablen Risikoaufschlägen in einem Markt mit mangelnder Regulierung.

Fonds nutzen Aufsichtslücken
Private-Credit-Fonds finanzierten sich zunächst fast ausschließlich aus dem Kapital ihrer Investoren. Anders als Banken nahmen sie keine Spar- und Giroeinlagen von der Allgemeinheit entgegen, trugen ihre Liquiditätsrisiken selbst und sind nicht von einer staatlichen Einlagensicherung erfasst. Das bedeutet: Gewinne fließen direkt an die Investoren selbst. Gehen die Unternehmen pleite, denen der Fonds Kredite gegeben hat, ist das investierte Kapital verloren.
Private-Debt-Fonds übernehmen zwar bei der Kreditvergabe Aktivitäten, die der typischerweise Banken vorbehalten sind – etwa Kreditprüfung, Risikoübernahme und fortlaufende Begleitung der Schuldner. Für die Kreditnehmer gelten aber deutlich geringere Anforderungen. Sie werden in der EU wie Investmentfonds und nicht wie Banken behandelt.
Das erscheint beiden Seiten vordergründig attraktiv. Ein Vorteil für Unternehmen als Kreditnehmer: schnellere Entscheidung, flexible Strukturen, oft nur ein Verhandlungspartner statt eines ganzen Bankenkonsortiums. Der Nachteil für die Schuldner: Die Kredite sind meist teurer. Es müssen höhere Risikoprämien bezahlt werden.
Für die Investoren bedeutet dies höhere Renditen im Vergleich zum traditionellen Finanzmarkt. Das Problem für sie: Da keine Pflicht besteht, Anleger umfassend zu informieren und keine börsliche Notierung erfolgt, bleiben viele Details der Kreditbeziehungen im Dunkeln. Diese Flexibilität ist für sie ein Informationsnachteil – das Risiko zeigt sich erst, wenn Unternehmen ihre Kreditverpflichtungen nicht mehr fristgerecht bedienen können.

Staat im Blindflug und Meister im Wegsehen
Da das Geschäft kaum reguliert ist, haben Aufseher weniger Informationen und Daten. und also keinen Durchblick über die intransparente Branche. Risiken von Private Debts können nur schlecht bewertet und nicht frühzeitig gegengesteuert werden. Dass Privatkreditfonds künftig direkt und risikoangemessen reguliert werden, ist jedoch kaum zu erwarten. Der richtige Weg wäre, das Produkt Direktkredite ganz zu verbieten, doch das steht noch weniger auf der Agenda. Aufseher beschränken sich gegenüber Fondsinvestoren und offenen Fonds auf bloße Appelle, sich des Risikos dieser Anlageklasse bewusst zu sein.
Staatliche Regulatoren dulden weltweit, dass Banken damit begonnen haben, Private-Debt-Fonds zu finanzieren, und Versicherer verstärkt in solche alternativen Kreditstrukturen investieren. So entstehen sehenden Auges Verflechtungen mit dem Bankensystem. Zuletzt haben die Fonds ihre Investments immer häufiger mit Schulden »gehebelt«.
Sie sammeln also nicht nur Eigenkapital bei Anlegern ein, sie nehmen zusätzlich Fremdkapital als Hebelkapital auf, etwa über Bankkredite oder Anleihen, um das investierbare Volumen zu erhöhen. Übersteigt die Rendite der vergebenen Kredite den Zinssatz für das geliehene Kapital, steigt die Rendite für die Investoren. Fallen aber Kreditnehmer aus, verstärkt der Hebel die Verluste ebenso.
Zu den Kreditgebern der Private-Credit-Fonds gehören vor allem große US-Banken wie J.P.Morgan, Bank of America, Citigroup oder Versicherungen, die einen Teil der Altersvorsorge ihrer Kunden investieren. Insgesamt haben Banken nach Schätzungen Ende 2025 Kredite bis zu 500 Milliarden US-Dollar an solche Fonds vergeben. Auch die Deutsche Bank gehört zu den Financiers der Fonds – eigenen Angaben zufolge mit 26 Milliarden Euro. Die Allianz Versicherung hat ein Gesamtengagement von mehr als 20 Milliarden Euro offengelegt.
Durch diese Verflechtungen entstehen Risiken, die in den traditionellen Finanzsektor überspringen und damit die Finanzstabilität bedrohen können. Nicht nur in den USA.
Der Finanzstabilitätsbericht der Europäischen Zentralbank vom Mai 2026 weist darauf hin, dass dieser Sektor zwar dem Volumen nach eine deutlich geringere Bedeutung hat als in den USA und deshalb isoliert betrachtet kein systemisches Risiko darstellt. Undurchsichtigkeit, Konzentration und das Potential für Ansteckungseffekte würden jedoch Anlass zu Sorge geben.

Die Angst vor einer neuen Finanzkrise
Seit einigen Monaten geht die Angst um, die Investments der Fondsanleger und die Kredite der Banken an diese Fonds könnten auch an Firmen geflossen sein, die in Zahlungsschwierigkeiten sind bzw. kommen können. Die Ratingagenturen und Kreditgeber haben sich die Ausfallraten näher angeschaut und festgestellt, dass diese mit sechs Prozent weitaus höher liegen als ursprünglich angenommen. Das wird noch zunehmen, da den Schuldnern aktuell das Problem der Anschlussfinanzierungen unter den Nägeln brennt. Wer zu günstigen Konditionen einen mehrjährigen Kredit aufgenommen hat, muss ihn aktuell in einem Markt mit höheren Zinssätzen verlängern, in dem die Risikoprämien wieder steigen.
Viele Investoren versuchen deshalb, ihr Kapital aus den Fonds abzuziehen, was aber nicht oder nur zu einem Bruchteil gelingt. Die Mehrzahl der Private-Credit-Fonds sind als geschlossene Fonds organisiert. Anleger verpflichten sich zu einem Kapitalbetrag, der über mehrere Jahre abgerufen und in verschiedene Kredite investiert wird. Ein Großteil der Anteile ist in langen Laufzeit (durchschnittlich fünf bis sieben Jahre) gebunden und kann nicht kurzfristig abgerufen werden. Dies führt zu einer temporären Illiquidität der Investition. Pro Quartal können Anleger in der Regel nur fünf Prozent des Investitionsvolumens abziehen. Wenn immer mehr Aktiva nicht mehr werthaltig sind, können Investoren dem Wertverlust ihrer Investments nur untätig zusehen. Sie haben keine Möglichkeit, darauf zuzugreifen.

Private-Credit-Krise und KI-Blase
Die Krise der Private-Credit-Märkte hat bereits Auswirkungen auf die KI-Märkte. Viele Private-Credit-Fonds haben in den vergangenen Jahren Softwareunternehmen finanziert, deren Geschäftsmodelle durch den rasanten Vormarsch künstlicher Intelligenz (KI) und den KI-Hype unter Druck geraten könnten. Das schürt Zweifel an der Rückzahlungsfähigkeit bezüglich der vergebenen Darlehen. Laut Schätzungen der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sind in diesem Sektor 30 Prozent oder mindestens 200 Milliarden US-Dollar über Private Credits investiert. Das gilt u.a. für Software-as-a-Service-Unternehmen. Software as a Service (SaaS) sind cloudbasierte Programme, die über das Internet als Abo bereitgestellt werden. Diese Programme galten lange Zeit als profitabel. Doch wenn künftig immer öfter auch KI-Agenten diese Aufgaben übernehmen, gerät das Geschäftsmodell ins Wanken.
Die Krise der Private Credits wiederholt sich derzeit – in viel größerem Umfang – bei Investments in die KI. Ob der KI-Hype anhält und die prognostizierte Nachfrage nach KI nicht auf tönernen Füßen steht, ist nämlich völlig offen. Fest steht nur, dass die großen KI-Player wie Open AI oder Anthropic aufgrund astronomischer Kosten, die beim Bau von Rechenzentren, der Energieversorgung und für Hochleistungschips anfallen, einen riesigen Kapitalbedarf haben, aber bisher nur Geld verlieren.
Der große Aufschwung bei Technologie- und KI-Aktien scheint ins Stocken geraten zu sein. Kreditierende Banken beginnen teilweise schon damit, kein Fremdkapital mehr für diese gigantischen Projekte zur Verfügung zu stellen. Dies betrifft bisher vorwiegend Schuldner (etwa Start-ups), die nicht wie Meta oder Amazon einen guten Zugang zu den Kapitalmärkten haben.
Die großen KI-Anbieter haben bereits 1,9 Billionen US Dollar investiert, und Banken haben bis Ende 2025 Kredite in Höhe von 450 Milliarden US-Dollar an KI-Unternehmen vergeben. Zusätzliches Fremdkapital muss deshalb über Privat-Credit- oder Immobilienfonds (für die Rechenzentren) kommen. Gerade bei Private-Credit-Fonds sinkt jedoch aus den genannten Gründen die Bereitschaft und Fähigkeit, risikoreiche KI-Projekte zu finanzieren. Niemand kann derzeit garantieren, dass die Krise im Private-Credit-Markt nicht auf den gesamten KI-Sektor überspringen wird und eine weitere Finanzkrise mit gewaltigen Verwerfungen vor der Tür steht.

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