Der Schutz der Flamingos weitet sich zur Systemkritik
von Gerhard Klas
Tag für Tag protestieren seit Ende Mai in Tirana Albaner:innen gegen ein Luxusresort, das Trump-Tochter Ivanca und Schwiegersohn Jared Kushner mit einem albanischen Investor planen. Anfangs waren es einige hundert Demonstrantrierende, mittlerweile ist es eine Massenbewegung. Manchmal sind mehrere zehntausend Menschen auf der Straße – in einem Land mit einer Bevölkerung von gerade mal 2,5 Millionen.
Was als Umweltprotest begann, ist zur Systemfrage geworden. Die albanische Nationalflagge und UÇK-Symbole wehen neben US-Fahnen und pinken Flamingos im Wind. Es geht um Natur, Korruption, Kapitalismus. Angefangen hatte alles mit einem Stück Küste. Auf der Insel Sazan will Atlantic Incubation Partners LLC, verbunden mit Kushners Investmentfirma Affinity Partners, 1,4 Milliarden Euro investieren, 4,7 Milliarden Euro sollen es bei Tourismusprojekten in der Lagune Narta bei Zvërnec sein. Beide Gebiete sind geschützt, unter anderem befindet sich dort einer der wichtigsten europäischen Rastplätze für Flamingos und andere Zugvögel. Sie sollen Hotels, Apartments, Villen und einem Jachthafen weichen.
Für die Regierung in Tirana ist das ein Prestigeprojekt: internationale Investitionen, Luxus-Tourismus, Arbeitsplätze, Wachstum. Für die Gegner:innen ist es ein Lehrstück darüber, wie die Regierung mit Albanien umgeht.
Anfangs forderten die Demonstrierenden, die Lockerungen des Gesetzes für Schutzgebiete, die 2024 kurz nach der Veröffentlichung der Kushner-Pläne erlassen wurden, wieder rückgängig zu machen. Zudem solle das Gesetz über strategische Investitionen aufgehoben werden. Damit können bevorzugte Projekte schneller bearbeitet und genehmigt werden. Atlantic Incubation Partners LLC bekam bereits den Status als strategischer Investor. Aber die Kushner-Projekte sind nur die Spitze des Eisbergs. Im ganzen Land gibt es Projekte, bei denen auf äußerst undurchsichtige Weise Grundstücke mit historischen und kulturellen Stätten sowie ökologisch geschützte Gebiete in private Hände auch ausländischer Investoren gelangen.
»Albania is not for sale« lautet die Parole, die Abend für Abend die Menschenmengen auf dem Skanderbeg-Platz in der Innenstadt und ihrem Weg ins Regierungsviertel skandieren. Sie wollen nicht länger Zuschauer:innen einer Entwicklung sein, über die andere entscheiden. Auf den Demonstrationen wehen vor allem albanische Fahnen, manchmal auch einige UÇK-Fahnen. Die UÇK, die kosovo-albanische Befreiungsarmee, gehört bis heute zum emotionalen Inventar des albanischen Nationalbewusstseins. Zugleich tauchen amerikanische Fahnen auf. Auch das wirkt zunächst widersinnig: Protest gegen ein amerikanisches Luxusprojekt – und daneben Stars and Stripes. Aber genau in diesem Widerspruch steckt die Bewegung.
Elsa Paja ist 33, visuelle Künstlerin, Grafikdesignerin und Aktivistin. Sie war von Beginn an bei den Protesten dabei. Gemeinsam mit anderen Künstler:innen organisiert sie unter anderem einen Bereich, in dem Kinder malen und ihre Gefühle zum Ausdruck bringen. »Wer die Botschaften in diesen Bildern liest, sieht, wie sehr der Konflikt sogar die Kinder bewegt«, sagt Paja. Sie malen Strände, Flamingos, Bagger, Zäune.
Die Politisierung der Proteste ging schnell: Ein umzäuntes Naturschutzgebiet, Sicherheitskräfte, die gewaltsam gegen Demonstrierende in Zvërnec vorgingen. Die Bilder der Gewalt gingen viral. »Wir durften unser Land nicht mehr betreten, das wurde klar«, so Paja. Und plötzlich ging es um die Frage, wer über dieses Land bestimmen darf.
Flamingo gegen Oligarchen
Melitian Nezai, ein 29jähriger Umweltbiologe und Aktivist, war ebenfalls früh dabei. »Das Symbol unserer Revolution ist der Flamingo«, sagt er. Der Flamingo steht nicht für eine Partei, Nation oder Führer. Er steht für einen Lebensraum. Das macht ihn anschlussfähig für eine Bewegung, die sich ideologisch kaum einordnen lässt. »Linke, Rechte, Liberale, Konservative – eine Menge Leute machen mit«, so Nezai.
Die Bewegung hat tatsächlich eine ungewöhnlich breite Koalition zusammengeführt, darunter linke Organisationen, Mitglieder der LGBTQ+-Gemeinschaft, Umweltaktivist:innen, Vertreter:innen aller vier Religionsgemeinschaften, feministische Kollektive und nicht zuletzt auch konservative, nationalistische und rechtsgerichtete Kräfte. Das führt bisweilen zu Konflikten: Eine Regenbogenfahne durfte nicht gezeigt werden, das hätte nichts mit dem Anliegen der Bewegung zu tun. Aber es weichen sich auch Grenzen auf. »Albanische Jungs tragen jetzt pink, die Farbe der Flamingos, und finden es cool«, meint Elsa Paja.
Was die Demonstrierenden eint: Sie haben genug von der Regierung unter Edi Rama, der sich selbst Sozialist nennt und die Bewegung als Bestandteil einer von außen gesteuerten, »hybriden Kriegsführung« denunziert. Auch der Oppositionsführer Sali Berisha ist für Nezai und viele Demonstrant:innen Teil des Problems: Es gehe nicht darum, die Regierung durch die Oppositionspartei zu ersetzen. Es gehe um die korrupten Eliten, die das politische System kontrollieren.
Die albanische Fahne ist omnipräsent. Auch einzelne UÇK-Symbole sind zu sehen. Aber sie sind kein Beleg für eine organisatorische Beteiligung der UÇK. Im Gegenteil: Die UÇK-Veteranenorganisation hat selbst davor gewarnt, ihre Symbole für aktuelle politische Zwecke zu instrumentalisieren. Die zahlreichen amerikanische Fahnen erklären die Aktivist:innen mit der traditionellen Nähe vieler Albaner zu den USA. Auch richtet Paja ihre Kritik nicht grundsätzlich gegen ausländische Investitionen. »Wir wollen Investitionen, die den Menschen vor Ort zugutekommen und nicht nur den Oligarchen und den Leuten von außerhalb, die sich einfach unser Land aneignen.«
Wer entscheidet?
Wer entscheidet über Land? Wer entscheidet über Ressourcen? Wer bekommt die Gewinne?
Seit Anfang der 90er Jahre bewegen diese Fragen Albanien. Nach dem Ende des Stalinismus wurde das Land einer neoliberalen Schocktherapie unterzogen. Während die Institutionen einer bürgerlichen Demokratie noch in den Kinderschuhen steckten und schwach entwickelt waren, wurde in Hochgeschwindigkeit privatisiert und das Land für ausländisches Kapital geöffnet. Wenige profitierten, es gab erhebliche soziale Verwerfungen. Die Mehrheit der Albaner:innen hatte keinerlei Erfahrung mit der kapitalistischen Marktwirtschaft und war daher empfänglich für Manipulation.
Die rasante Verbreitung von Satellitenfernsehen führte den meisten Albanern reale und vermeintliche Versäumnisse durch die über 40jährige Isolation unter dem Regime von Enver Hoxha vor Augen und nährte den Wunsch nach schnellem Reichtum. Mafiöse, hochverzinste Pyramidensysteme, in die Politiker beider Parteien involviert waren und in denen ein großer Teil der Bevölkerung seine Ersparnisse angelegt hatte, kollabierten schließlich 1997. Der Staat brach in Teilen des Landes faktisch zusammen, es gab bürgerkriegsartige Auseinandersetzungen, bei denen mehr als tausend Menschen ums Leben kamen.
Nicht der Bürgerkrieg, aber die verharmlosend als »Transformation« bezeichnete Schocktherapie hält mehr oder weniger bis heute an und ist zum Dauerzustand geworden. Die Generation, die heute demonstriert, kennt den Sozialismus nicht aus eigener Erfahrung. Aber sie lebt mit den Folgen seiner Auflösung und der anschließenden neoliberalen Schocktherapie.
Ewige Übergangsphase
»Ich bin 29 Jahre alt, und wir befinden uns bereits seit 36 Jahren in der Transformation. Mein ganzes bisheriges Leben ist eine Übergangsphase«, bringt Melitian Nezai dieses Gefühl auf den Punkt.
Persönlich hat er es noch einigermaßen gut getroffen, er arbeitet für eine Umwelt-NGO und verdient mehr als den Durchschnittslohn von 630 Euro. Altersgenoss:innen müssen sechs Tage die Woche jeweils zwölf Stunden für den Mindestlohn arbeiten, etwa als Taxifahrer: Aber der Durchschnittslohn reicht kaum zum Leben, bei westeuropäischen Lebensmittelpreisen und Kleinwohnungen, die auch in Randgebieten Tiranas noch 400 Euro Miete kosten.
Viele junge Albaner:innen verlassen deshalb das Land. Knapp fünf Millionen leben heute im Ausland – fast doppelt so viele wie in Albanien selbst. Eingerechnet sind hier allerdings auch die Albaner in den Nachbarländern Kosovo und Nordmazedonien, was allein knapp zwei Millionen sind. Gleichzeitig boomt der albanische Tourismus. Strände, Berge und historische Städte ziehen immer mehr Besucher:innen an. Neben der Bauwirtschaft ist der Tourismus heute der wichtigste Wirtschaftsfaktor.
Elsa Paja betrachtet Kapitalismus und Neoliberalismus ausdrücklich als Teil des Problems. »Während ein paar Leute profitieren, werden alle anderen ausgeschlossen«, beschreibt sie die Gesellschaft.
Wo steht die Bewegung heute? Albanische Fahnen und der Flamingo: Die Bewegung erscheint als kapitalismuskritischer Patriotismus. Es ist vor allem eine Antikorruptionsbewegung, die keine eindeutige Führung hat und von der Generation Z getragen wird. Ihr Symbol Jolly Roger, die Fahne mit Totenkopf und Strohhut, ist immer wieder auf den Demonstrationen zu sehen.
Neben den beiden etablierten Parteien, die von der Bewegung abgelehnt werden, gibt es mindestens drei kleinere Parteien, die die Proteste begrüßen.
Neben einer Mitte-Rechts und einer reformorientierten Partei ist hier vor allem Lëvizja Bashkë (»Bewegung zusammen«) zu nennen: Es handelt sich um eine junge, linksgrün geprägte radikale Kraft. Sie will die Anti-Establishment-Stimmung nutzen. Ihre Aktivist:innen waren von Anfang an bei den Protesten vor Ort, dokumentierten Vorfälle, etwa Einschüchterungen durch Sicherheitsleute und machten sie öffentlich – was die Bewegung über lokale Grenzen hinaus sichtbar machte.
Lëvizja Bashkë ist eine Art organisatorisches Rückgrat der Bewegung und hilft bei der Koordination von Demonstrationen, Reden, Transparenten und der Kommunikation – ohne sich dabei als alleinige Führung zu inszenieren. Die Bewegung fordert Neuwahlen – die linksgrüne Partei würde davon profitieren.
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