250 Jahre Unabhängigkeitserklärung in den USA
von Ingo Schmidt
Im März 1776 erschien das Hauptwerk von Adam Smith, Der Wohlstand der Nationen. Vier Monate später erklärten 13 nordamerikanische Kolonien ihre Unabhängigkeit von Großbritannien.
Die Plantagenbesitzer, Händler, Spediteure und Reeder der nordamerikanischen Kolonien waren schon lange der Meinung, die britische Krone, britische Bankiers und Händler strichen einen ungebührlichen Teil der aus transatlantischen Geschäften gezogenen Gewinne ein. Die Boston Tea Party 1773 gab dem Unmut darüber spektakulären Ausdruck.
Smith wiederum konnte nicht ahnen, dass sein Wohlstand der Nationen nicht lange nach seinem Tod zu einer Art Manifest der aufstrebenden industriellen Bourgeoisie werden würde – überall dort, wo Kapitalisten nach Klassenherrschaft auf der Grundlage industrieller Produktion strebten.
Dass die USA einmal an die Stelle Großbritanniens als globale Führungsmacht treten würden, war bei ihrer Gründung nicht absehbar. Zur Rechtfertigung dieser Macht griff die amerikanische Bourgeoisie immer wieder auf Smith zurück. Sie präsentierte ihn als Verkünder der reinen Marktlehre, sich selbst als Verkörperung dieser Lehre, wich in der Verfolgung ihrer Geschäftsinteressen aber immer wieder von ihr ab.
Sklaverei und Baumwollimperium
In der Tradition der schottischen Aufklärung hatte Smith ein theoretisches System der natürlichen Freiheit begründet. Dem stellte er die merkantilistische Praxis gegenüber. Diese förderte den Export von Fertigwaren aus den imperialen Zentren und beschränkte die entsprechenden Importe, um die Manufakturproduktion in den Zentren anzukurbeln. Zu diesem Zweck wurden Zölle erhoben und den Kolonien Steuern auferlegt. Beides füllte die Schatzkammern der absolutistischen Herrschaft.
Sklaverei und Schuldknechtschaft auf den Zucker-, Kaffee-, Tee- und Tabakplantagen versorgten die Reichen und Mächtigen in den Zentren mit Genussmitteln. Unter dem Druck von Überkapazitäten und somit sinkender Profite, aber auch der, nicht zuletzt von der Aufklärung inspirierten, abolitionistischen Bewegung zog die britische Krone die Abschaffung der Sklaverei in Erwägung.
Smith lieferte den Abolitionisten Argumente gegen die Sklaverei. An nüchtern kalkulierende Geschäftsleute gewandt, erklärte er im Wohlstand der Nationen, Sklavenarbeit sei weniger produktiv und profitabel als Lohnarbeit. Die amerikanischen Plantagenbesitzer widerlegten sein Argument jedoch: Die Umstellung von der Herstellung von Genussmitteln für die Gutbetuchten auf Baumwolle, die, in England maschinell weiterverarbeitet, die Massen in allen Teilen der Welt kleideten, war enorm profitabel – für die amerikanischen Plantagenbesitzer ebenso wie für die englischen Industriellen. Der Markt schien grenzenlos. Nicht zuletzt, weil die Kombination englischer Massenproduktion und erzwungener Marktöffnung die Textilproduktion in Indien zerstörte.
Dem Schicksal der »De-Industrialisierung«, sofern man diesen Begriff auf die in Indien vorherrschende Manufakturproduktion anwenden möchte, wussten sich die Textilfabrikanten in den Vereinigten Staaten jedoch zu entziehen – durch Zölle, die Großbritannien zur Förderung heimischer Manufakturen selbst erhoben, der indischen Kolonie aber verweigert hatte.
Schutzzölle und Lohnsklaverei
Smith brachte den Freihandel als Alternative zum Merkantilismus ins Spiel. Letzterer nutze mit der Förderung von Exporten und der Behinderung von Importen zwar Fabrikanten und absolutistischen Herrschern, nicht aber der Nation.
Freihandel wurde zur Leitlinie britischer Politik, nachdem die industrielle Revolution den Fabrikanten des Landes ein globales Monopol verschafft hatte. In den USA verfochten die Plantagenbesitzer des Südens den Freihandel. Die Zölle, die von den aufstrebenden Industriellen des amerikanischen Nordwestens gefordert wurden, um sich ihren Anteil am weltweiten Textilmarkt gegen die überlegene britische Konkurrenz zu sichern, lehnten die Plantagenbesitzer ab. Sie fürchteten britische Gegenzölle, die ihre Baumwolllieferungen an die dortige Industrie verteuern und damit Absatz und Gewinne verringern würden. Über diese Frage kam es zum Bürgerkrieg. Der Sieg der Nordstaaten bahnte dem Aufstieg der USA zur Industriemacht den Weg.
Zölle schützten die amerikanische Industrie vor ausländischer Konkurrenz, das Ende der Sklaverei öffnete ihr eine neue Quelle billiger Arbeitskräfte. Die unter dem Namen »Jim-Crow-Gesetze« eingeführte Rassentrennung sorgte dafür, dass schwarze Arbeiter deutlich schlechter bezahlt wurden als weiße Arbeiter. Sie war eine Quelle dauernder Extragewinne für die amerikanische Industrie und eine Art ökonomischer Wiedergutmachung für die Plantagenbesitzer des Südens, die mit ihren Sklaven einen Teil ihres Betriebsvermögens verloren hatten.
So hatte sich Smith den Wohlstand der Nationen nicht vorgestellt. Profit, Grundrente und Lohn galten ihm als unterschiedliche Einkommensquellen von Fabrikanten, Grundbesitzern und Lohnarbeitern. Dass die einen sich auf Kosten der anderen bereicherten, widersprach seiner Vorstellungswelt. Deshalb mokierte er sich auch über Gesetze, die Arbeitern gewerkschaftliche Zusammenschlüsse verboten, während Unternehmer bei jeder sich bietenden Gelegenheit Absprachen zur Erhöhung von Preisen und Profiten träfen.
Er war auch der Meinung, dass der Wohlstand einer Nation sich an der Steigerung der niedrigsten Einkommen bemisst. In seiner Vorstellungswelt führte Freihandel zu größeren Märkten und einer fortschreitenden Arbeitsteilung. Dadurch würden Produktivität und Einkommen steigen. In allen Einkommensklassen.
Davon konnte in den USA auch nach dem Ende der Sklaverei und dem industriellem Aufschwung keine Rede sein. Die Expansion nach Westen, verbunden mit einem neuerlichen Völkermord an der indigenen Bevölkerung, versorgte die Industrien des Nordwestens mit Rohstoffen. Mit der zweiten industriellen Revolution entstanden neue Industrien. Sie waren mit der Entstehung großer Konzerne und einer enormen Konzentration des Reichtums verbunden. Ihr gegenüber stand die Armut nicht nur schwarzer Arbeiter, sondern auch jüngst aus Süd- und Osteuropa eingewanderter Arbeiter. Dazwischen versuchten sich Farmer, Handwerker und Ladenbesitzer bzw. Manager sowie eine aus den Nachfahren nordwesteuropäischer Einwanderer rekrutierte Arbeiteraristokratie zu behaupten.
Das Versprechen, jeder, vielleicht sogar jede, könne es vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen, schuf einen ideologischen Konsens, an dem unzählige Appelle an die Solidarität der Arbeiter abprallten. Dieser »Wer-will-der-kann«-Konsens geht nicht zuletzt auf die »freihändlerisch-individualistische« Interpretation von Smith zurück, die Ideologen und Propagandisten der amerikanischen Bourgeoisie in immer neuen Varianten unters Volk brachten.
Antikommunismus, Freihandel und Sozialreform
Es bedurfte der Weltwirtschaftskrise, um diesen Konsens zu erschüttern. Aus dem Ersten Weltkrieg waren die USA als wahrer Sieger hervorgegangen. Ihre politische Elite betrat die weltpolitische Bühne unter dem Banner von Demokratie, nationaler Selbstbestimmung und Kapitalismus – ins Spiel gebracht als ideologische Alternative zum Kommunismus, der in Russland nach Krieg und Revolution zu einer realen Macht geworden war.
Sie blamierte sich zunächst an der Wirklichkeit. Denn sie konnte den Aufschwung des antidemokratischen Nationalismus, insbesondere in Italien und Deutschland, nicht stoppen. In Folge der Großen Depression kam es zu einem Aufschwung gewerkschaftlicher Organisierung und Kämpfe, der nationalistische und rassistische Spaltungen in der Arbeiterklasse überwand – und damit zu einer Herausforderung kapitalistischer Herrschaft wurde, die einer Politik des keynesianischen Klassenkompromisses den Weg bereitete.
Beschritten wurde dieser Weg aber erst, nachdem der politische Gewalt gewordene Nationalismus und Rassismus Europas einen zweiten Weltkrieg ausgelöst hatte, in dessen Folge sich die kommunistische Herrschaft bis nach Berlin, Peking und Pjöngjang, schließlich auch Havanna und Hanoi ausdehnte.
Endlich machte Washington mit dem Freihandel ernst: Um Absatz- und Anlagemöglichkeiten in der gesamten nichtkommunistischen Welt zu schaffen. Nicht nur für US-Firmen, sondern auch für Firmen aus den Ländern, die sich einem antikommunistischen Block unter seiner Führung zusammenschlossen. Nach innen wurde er durch soziale Reformen abgesichert, die üblicherweise mit dem Namen Keynes verbunden werden, aber durchaus in Smiths Weltsicht passen, sofern diese nicht auf eine staatsfreie Marktutopie zurechtgebogen wird.
Dieser Weg führte nicht weit, weil er den Kapitalisten alsbald als Weg in die Knechtschaft galten. Der unter Ronald Reagan und Margaret Thatcher begonnene Kampf gegen den Keynesianismus endete mit einem globalen Sieg der reinen Marktlehre, nachdem die Sowjetunion zusammengebrochen und die KP Chinas sich auf die in Washington geschriebenen Regeln des Welthandels eingelassen hatte.
Als die unter dem Namen Globalisierung versprochene Prosperität jedoch ausblieb, gesellten sich die Gespenster der amerikanischen Geschichte zu dem auf unregulierte Märkte zurechtgestutzten Adam Smith: der Rassismus aus den Zeiten der Sklaverei, der Nationalismus aus den Zeiten der Masseneinwanderung aus Süd- und Osteuropa und der Antikommunismus aus der Zeit des Kalten Krieges gegen die Sowjetunion. Mit der Tea-Party-Bewegung nahm die Verschiebung vom selbstbewussten Globalismus zu einem verängstigten, sich auf nationale und rassische Überlegenheit berufenden Liberalismus ihren Anfang, mit Donald Trump zog sie ins Weiße Haus ein.
Smith taugt weder als Kronzeuge des Globalismus noch der Tea Party oder Trumps. Linke, die Smith nicht als Apostel der reinen Marktlehre missverstehen, könnten bei ihm Anknüpfungspunkte finden.
Ingo Schmidt ist marxistischer Ökonom und lebt in Kanada und Deutschland.
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