Klima 28. August 2026

Verheerende Energiepoltik
von Wolfgang Pomrehn

Ein wahrhaft dystopisches Panorama breitet sich in diesem Sommer vor uns aus: Von Ostasien über Europa bis nach Nordamerika überall neue Hitzerekorde, und über 15.000 Hitzetote allein in Deutschland (aktualisiert). In Indien beträgt die Opferzahl vermutlich ein Vielfaches, aber die dortige, extrem rechte Regierung versucht, die entsprechenden Statistiken geheimzuhalten, wie der britische Guardian berichtet.

In Kanada und rund ums Mittelmeer fliehen Hunderttausende vor Wald- und Buschbränden, während hierzulande Ernteverluste in Milliardenhöhe drohen. Auch in Sibirien brennen die Wälder, teils in Gebieten, die noch vor wenigen Wochen unter nie zuvor gesehenen Niederschlägen und Überschwemmungen litten.
Derweil verschafft in West- und Mitteleuropa die große Dürre den Flüssen und Kanälen rekordverdächtig niedrige Wasserstände, was nicht nur für Wälder und Landwirtschaft zum Problem wird, sondern auch die Wirtschaft massiv beeinträchtigt. Die Bauwirtschaft und die Grundstoffindustrie werden oftmals mit Binnenschiffen versorgt, die derzeit – wenn überhaupt – nur noch mit deutlich verminderter Ladung fahren können. Das steigert die Transportkosten und treibt letztlich die Inflation an, während die Landes- und Bundesregierungen vor allem über Schnellschusslösungen zulasten von Umwelt und Beschäftigten diskutieren: etwa die Aufhebung des Lkw-Sonntagsfahrverbots oder die Vertiefung der Fahrrinnen in den Flüssen.
Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di macht in dem Zusammenhang darauf aufmerksam, dass durch das Niedrigwasser die Arbeit der Binnenschiffer erheblich stressiger wird. Der vermehrte Straßentransport würde außerdem den Druck auf die ohnehin schon unter hohem Zeitdruck und belastenden Arbeitsbedingungen leidenden Berufskraftfahrer:innen weiter erhöhen und ihnen auch noch die gemeinsamen Ruhetage mit Freunden und Familie rauben.

Wie blanker Hohn klingt es da, wenn die Blau-Braunen in ihrem Landtagswahlprogramm für Sachsen-Anhalt tönen, »die Klimapolitik vernichtet unseren Wohlstand«. Das »weltweite Klima« lasse sich »weder in Deutschland und schon gar nicht in Sachsen-Anhalt retten«. Die rechtsextremen Wissenschaftsfeinde fordern nicht nur ein Weiter-so, sondern gar ein Zurück in die Vergangenheit. Während rundum die Ernten verdorren, Atomkraftwerke aus Kühlwassermagel abgeschaltet und die wirtschaftlichen Schäden des ausgebliebenen Klimaschutzes unübersehbar werden, während Klimaforscher:innen wieder und wieder unterschiedlichste Nachweise für den Zusammenhang zwischen Dürren, extremen Stürmen und Starkregen einerseits und den Treibhausgasemissionen andererseits vorlegen, will die AfD den Kohleausstieg stoppen, noch mehr Dörfer und fruchtbares Land für die Braunkohle vernichten und den Klimawandel weiter vorantreiben. Vielleicht hofft sie ja, das eine oder andere sachsen-anhaltinische Städtchen zum Nordseebad machen zu können.
Als sei das nicht absurd genug, behaupten die blau-braunen Misanthropen, sie könnten mit der Sabotage der Energiewende und mit neuen Atomkraftwerken die Energiepreise senken, während tatsächlich neue Solaranlagen uns inzwischen viel kostengünstiger als neue Kohlekraftwerke mit Strom versorgen. Ins gleiche Horn rechter Volksverdummung stoßen dieser Tage der Chemiekonzern Evonik sowie die Industrie- und Handelskammer Köln, die den nordrhein-westfälischen Kohleausstieg bis 2030 in Frage stellen. Der sollte eigentlich Mitte August endgültig bestätigt werden, doch das CDU-geführte Bundeswirtschaftsministerium zögert den dafür nötigen Prüfbericht hinaus. Gas-Ministerin Katherina Reiche scheint auch in der Frage des Kohleausstiegs Energiekonzernen wie RWE, dem Betreiber landschaftsfressender Braunkohlegruben, aufs Engste verbunden.

In der gegenwärtigen schweren Dürre – nicht die erste und sicherlich nicht die letzte – bekommt die Braunkohlegeschichte noch eine besondere Note. Über 2030 hinaus verlängerte Kraftwerksnutzung hätte nämlich zur Folge, dass die bestehenden Tagebaulöcher noch tiefer ausgebaggert würden. Noch mehr Wasser wäre nötig, sie zu befüllen. Wasser, das aus dem Rhein kommen müsste. Eigentlich. Doch angesichts der viel zu geringen Niederschläge ist schon die bisher geplante Menge wenig realistisch. Überdies bedeuten neue Tagebauseen, dass im Sommer noch mehr Wasser verdunstet. Das könnte in Zukunft vor allem für die Spree zum Problem werden und damit auch für Städte wie Frankfurt an der Oder und Berlin, die für ihre Versorgung vom Spreewasser abhängen.
Angesichts all dessen sind die fortgesetzten Angriffe auf den Umbau der Energieversorgung, von denen die AfD viel redet, während die Berliner Koalition sie mit Gaskraftwerken, LNG-Terminals sowie Behinderung von Sonnen- und Windkraft umsetzt, besonders zynisch. Statt den dezentralen Ausbau von Solar- und Windenergie mit aller Macht voranzutreiben und damit Wertschöpfung, Jobs und Wohlstand nicht zuletzt in strukturschwachen Regionen wie Sachsen-Anhalt zu fördern, wird auf Importe von teurem, klimaschädlichem Frackinggas aus den USA gesetzt. Zum Wohle von RWE & Co. wird unsere und unserer Kinder Zukunft verspielt. Und Letztere sollen zudem auch noch in die Schützengräben des nächsten großen Krieges getrieben werden. Höchste Zeit für einen heißen Herbst der anderen Art.

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