Die Bewegung der Kakerlaken
von Sushovan Dhar
Das Land habe »Jugendliche wie Kakerlaken« erklärte im Mai der Oberste Richter Indiens während der Verhandlung eines Routinefalls gegen Personen, die mit gefälschten Qualifikationen als Rechtsanwälte tätig waren. Es wären zu viele junge Menschen, die, da sie keine Arbeit fänden, als Medienleute und Aktivist:innen unterwegs seien und jeden angriffen. Sie seien »Parasiten der Gesellschaft«. Am nächsten Tag stellte er klar, dass er damit nur die Betrüger gemeint habe. Da hörte ihm aber schon niemand mehr zu.
Innerhalb eines Tages gründete ein Hochschulabsolvent in seinen Zwanzigern die Cockroach Janta Party (CJP), eine direkte Parodie auf den Namen der regierenden Bharatiya Janata Party (BJP). Mitgliedschaftskriterien: arbeitslos, faul, ständig online. Und dazu fähig, professionell zu meckern. Ihr Slogan: »Stimme der Faulen und Arbeitslosen«. Innerhalb von drei Tagen hatte die Partei drei Millionen Follower; innerhalb von fünf Tagen mehr als die Regierungspartei; im Juli waren es 22 Millionen.
Am 25.Juli trat Indiens Bildungsminister zurück. Es war das erste Mal in zwölf Jahren Regierung Narendra Modi, dass eine Straßenbewegung ein Kabinettsmitglied aus dem Amt gedrängt hat. Die Organisation, die ihn zu Fall brachte, war acht Wochen alt und hatte keine Mitglieder, keine finanziellen Mittel, keine Büros, keine Registrierung als politische Partei und kein Programm jenseits der Satire.
Nicht der Rücktritt bedarf einer Erklärung – es war ein taktischer Zug –, sondern die Frage, wie ein Witz die Macht erlangte, einen solchen zu erzwingen.
Der Auslöser
Der unmittelbare Auslöser war eine Prüfung. Im Mai war der Prüfungsbogen für Indiens nationale Aufnahmeprüfung für das Medizinstudium durchgesickert und im voraus verkauft worden. Rund 2,3 Millionen Kandidaten hatten daran teilgenommen und um etwa 130.000 Studienplätze konkurriert. Die Prüfung wurde abgesagt und sechs Wochen später wiederholt.
Das ist kein Einzelfall. In sieben Jahren sind rund siebzig öffentliche Prüfungen durchgesickert, sie betrafen etwa siebzehn Millionen Kandidaten in fünfzehn Bundesstaaten. Aus dem Geschäft mit den Prüfungen hat sich in mittlerweile auf Kosten der Studierenden eine profitable Industrie entwickelt: Prüfungsdienstleister, Druckereien, Transportunternehmen, Nachhilfe. Jedes Glied in dieser Kette ist ein Ort, an dem die Prüfungsunterlagen verkauft werden.
Am 6.Juni besetzten Studenten Jantar Mantar, den einzigen Ort im Zentrum von Delhi, an dem Proteste gesetzlich erlaubt sind, und forderten den Rücktritt des Ministers. Sie zogen sich nicht zurück. Ein Aktivist trat in einen zwanzigtägigen Hungerstreik, bevor die Polizei ihn gegen seinen Willen ins Krankenhaus brachte. Am 20.Juli versuchten etwa 20.000 Menschen, zum Parlament zu marschieren, sie stießen auf Barrikaden, Schlagstöcke, Tränengas und eine von der Regierung angeordnete Internetsperre. Fünf Tage später trat der Minister zurück.
Modis Regierung hat drei Reaktionsweisen auf die Opposition, und alle drei hatten ein Jahrzehnt lang funktioniert.
Die erste ist die Delegitimierung. Die Bewegung wurde als antinational und aus dem Ausland finanziert erklärt; ihr Konto wurde aus Gründen der nationalen Sicherheit gesperrt; Fernsehmoderatoren kamen zu der üblichen Hypothese über ausländisches Geld. Die Studierenden antworteten darauf, indem sie feierliche Geständnisse filmten, dass China ihnen sechzig Rupien für die Busfahrt und Pakistan vierzig für das Mittagessen überwiesen habe – insgesamt etwa einen Euro. Sie machten sich erst gar nicht die Mühe, diese absurde Verleumdung zu widerlegen, sondern trieben sie ironisch auf die Spitze.
Als zweites wäre die strafrechtliche Verfolgung zu nennen. Indiens Enforcement Directorate, eine Behörde zur Bekämpfung von Finanzkriminalität, leitete innerhalb eines Jahrzehnts Verfahren gegen 193 Politiker ein und erwirkte zwei Verurteilungen. Eine Verurteilung war nie das Ziel. Der Ablauf ist folgender: Vorladung, eingefrorene Vermögenswerte, manchmal Jahre in Untersuchungshaft. Das ständige Angebot, dass die Akte geschlossen wird, wenn der Politiker die Partei wechselt. Das diszipliniert Menschen, die eine Karriere, Eigentum und eine Zukunft zu schützen haben. Auf Teenager und Twens, die genau das nicht haben, hat es keinen Einfluss.
Als Drittes das Warten. Proteste sind teuer; den Studierenden geht das Geld aus, sie bekommen Hunger. Hitze und Langeweile erledigen den Rest. Dies schlug fehl, weil Unterstützer:innen aus anderen Städten und Ländern über Liefer-Apps Essen an den Ort bestellten.
Was blieb, war Gewalt, und Gewalt war der Fehler. Der brutale Polizeieinsatz vom 20.Juli lieferte die Bilder, die aus einer studentischen Unruhe eine nationale Bewegung machten. Aus vier Blickwinkeln gefilmt und gegen junge Menschen gerichtet, die die Regierung in ihrer eigenen Rhetorik als Säulen einer sich entwickelnden Nation bezeichnet, war die Gewalt Werbung für die Gegenseite.
Wachstum ohne Beschäftigung
Die Wirtschaft boomt. Das Bruttoinlandsprodukt Indiens ist um fast sieben Prozent gewachsen, die Inflation liegt bei knapp zwei Prozent, die Unternehmensgewinne liegen auf Rekordniveau. Zerbrochen ist die Verbindung zwischen diesem Wachstum und den Menschen, die davon leben sollen.
Weniger als sieben Prozent der männlichen Hochschulabsolventen finden innerhalb eines Jahres nach ihrem Abschluss eine feste Anstellung; 3,7 Prozent finden eine Stelle im Angestelltenbereich; rund 40 Prozent sind überhaupt nicht erwerbstätig. Indien hat die Hochschulbildung bewusst weitaus schneller ausgebaut als die Beschäftigung, denn Abschlüsse sind für den Staat billig zu vergeben, Arbeitsplätze hingegen nicht. Das Ergebnis ist ein Überschuss an Menschen mit Hochschulabschluss: noch nicht proletarisch, aber schon der Sicherheit ihrer Eltern beraubt und sich dessen mit 19 Jahren bewusst.
Deshalb entzündete sich die Explosion an einer Prüfung und nicht am Lohn. Wo der Staat aufgehört hat, Arbeit zu versprechen, verspricht er immer noch fairen Wettbewerb um das Wenige, das übrig bleibt. Auf 130.000 Studienplätze kommen 2,3 Millionen Bewerber. Der Absolvent, der keine Arbeit findet, erlebt ein Urteil über sich selbst, das durch ein scheinbar neutrales Verfahren gefällt wird.
Die Indiskretion zerstört diesen Vorgang. Das Urteil entlarvt sich als Transaktion, und die Scham wechselt den Adressaten. Die Indiskretion gibt den jungen Menschen das Recht zurück, wütend zu sein.
Auslöser einer Klassenbewegung
Ein Vergleich mit den Jugendaufständen der letzten zwei Jahre in Asien und Afrika ist unangebracht. Diese Bewegungen haben Regierungen zu Fall gebracht. Die Kakerlakenbewegung stellt sich einem faschistischen Regime entgegen: der Partei mit der größten Mitgliedschaft der Welt, gestützt auf eine jahrhundertealte Kaderbewegung, die in Zehntausenden von Dörfern präsent ist, auf kontrollierte Rundfunkanstalten, einen bewährten Rechtsapparat und etwas, wofür es in Kathmandu oder Antananarivo kein Äquivalent gibt: eine Hegemonie, die einen Großteil der indischen Jugend in ihr Projekt eingebunden hat und ihr den Stolz daraus als Ausgleich für das Fehlen eines Lohns bietet.
Die Regierung hat eine Person geopfert und die Struktur beibehalten: keine Reform der Prüfungsbehörde, kein durchsetzbares Prüfungsgesetz, nichts in bezug auf die Beschäftigung. Doch außerhalb des Verhandlungsraums ist aus einem Prüfungsskandal eine nationale Debatte über Arbeit geworden.
In Bihar schoss die Polizei in die Menschenmenge, in der Landeshauptstadt ging sie mit Schlagstöcken vor und veröffentlichte Fotos von hundert Demonstranten mit der Aufforderung an die Öffentlichkeit, diese zu identifizieren. Eine linke Studentenorganisation reagierte mit einem Generalstreik, der den Bahn- und Straßenverkehr im gesamten Bundesstaat lahmlegte.
Am 10.August füllten die landesweiten Gewerkschaften und die Bauernbewegung die Gefängnisse mit einer Liste von elf Forderungen; allein in einem kleinen Bundesstaat wurden 12.000 Menschen festgenommen. Tage zuvor ging ein Sitz, den die Regierungspartei seit 1995 innegehabt hatte, an einen Neuling verloren – in der Stadt, in der die Repression am stärksten gewesen war.
In Indien herrscht ein faschistisches Regime, und es hält sich durch ein Angebot, nicht allein durch Gewalt an der Macht. Den Menschen, die es nicht beschäftigen kann, verkauft es den Stolz der Mehrheit als Ausgleich für das Fehlen eines Lohns: Keine Arbeit, keine Zukunft, aber die Nation gehört euch und ihr dürft jeden verachten, der nicht dazu gehört. Millionen haben diesen Tausch akzeptiert.
Die Studierenden haben nun ein Gegenangebot gemacht. Nichts von dem, was sie fordern, ist im Rahmen der bestehenden Ordnung erreichbar. Eine faire Prüfung ist ohne die Zerschlagung der privaten Prüfungsindustrie nicht möglich. Arbeitsplätze gibt es nicht, ohne ein Modell in Frage zu stellen, das ein Jahrzehnt lang Gewinne ohne Beschäftigung hervorgebracht hat.
Diese jungen Menschen gehen nicht von einer Klassenanalyse aus; sie gelangen dorthin, indem sie die Versprechen des Staates selbst ernst nehmen bis sie damit scheitern. Das ist noch keine Klassenbewegung. Es ist jedoch der Beweis dafür, dass eine solche Bewegung möglich ist – für jeden, der bereit ist, die versperrte Karriereleiter von Hochschulabsolventen mit der fehlenden Sicherheit für Gelegenheitsarbeiter in Verbindung zu bringen.
Am 10.August waren die Gewerkschaften und die Bauern bereits auf der Straße.
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