Kurz & Klima 3. September 2026

von Wolfgang Pomrehn

Die Klimakrise entfaltet sich vor unseren Augen: über 50.000 Waldbrände in den USA bisher in diesem Jahr, mehr als 15.000 Hitzetote allein in Deutschland, Ernteausfälle in weiten Teilen Europas und gewaltige Waldbrände in Indonesien sowie demnächst vermutlich eine weitere katastrophale Dürre im Amazonas, ausgelöst durch einen El Niño von „historischen Ausmaßen“.

Besonders zu spüren bekommen die Folgen der Erhitzung zurzeit mal wieder Menschen, die am wenigsten zu ihr beigetragen haben: An der Grenze zwischen China und Nepal, im Himalaja, ist es am 26. August 60 Kilometer nördlich von Katmandu zu einem folgenschweren Gletscherabbruch gekommen.

Eis und Geröllmassen schossen mit einer derart großen Wucht zu Tal, dass seismische Stationen ein Erdbeben registrierten. Zugleich wurden große Wassermassen freigesetzt, die mit einer Geschwindigkeit von 50 Metern pro Sekunde, Geröll mitführend, das Tal des dortigen Grenzflusses hinabschossen.

Dutzende Dörfer und Kleinstädte wurden verheert. Betroffen war auch der Grenzübergang Gyirong, Nerpals wichtigste Verbindung zum Nachbarn im Norden. Videos zeigen, wie dort zahlreiche Busse und andere Fahrzeuge von einer gewaltigen Lawine aus Schlamm, Steinen, Eis und Wasser von der Straße geschleudert und Häuser eingerissen wurden.

Die internationale Hilfsgorganisation Oxfam berichtet, dass noch viele Orte durch zerstörte Brücken und Straßen von der Außenwelt abgeschnitten sind und entsprechend nicht versorgt werden können. Die Opferzahl haben, beide Länder zusammengerechnet, inzwischen 1100 überschritten. Rund 4500 Personen gelten noch als vermisst, darunter einige hundert ausländische Touristen und etwa 900 Arbeiter, die mit Staudammprojekten beschäftigt waren.

‚Nepal verursacht nur 0,1 Prozent der weltweiten Emissionen. Dennoch zahlen die Menschen im Land einen verheerenden Preis für die wachsenden Klimarisiken‘, sagt Santosh Pandey, humanitärer Einsatzleiter von Oxfam in Nepal. ‚Die Überschwemmungen in Nepal müssen ein Weckruf für Regierungen und Geberländer sein. Wir dürfen nicht immer erst handeln, wenn die Katastrophe bereits eingetreten ist. In einer Welt, die sich immer weiter aufheizt, werden solche Klimaschocks hier häufiger auftreten. Die Menschen brauchen die nötigen Mittel, um sich vorzubereiten, sich anzupassen und widerstandsfähiger zu werden – bevor die nächste Katastrophe eintritt.‘
Oxfam

Die unmittelbare Ursache für den Gletscherabbruch und vor allem die Herkunft der enormen Wassermassen sind noch nicht geklärt, wie das geowissenschaftliche Fachblatt Eos anmerkt. Klar ist allerdings, dass die engen Gebirgstäler in einer Zeit sich zurückziehender Gletscher – ein weltweites Phänomen, das von der globalen Erwärmung verursacht wird – besonders gefährdet sind. Die britische Zeitung Guardian schreibt, dass nepalesische Wissenschaftler seit 2000 eine Verdopplung des jährlichen Eisverlusts im Himalaja festgestellt haben.

Nach einem Bericht des US-amerikanischen Senders CNN sprechen nepalesische Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler davon, dass es in den Tagen vor dem Abbruch verschiedene Anzeichen wie die Verfärbung des Schmelzwassers und sich ausbreitende Risse in den benachbarten Berghängen gegeben habe.

Ein Frühwarnsystem hätte nach Ansicht der Expertinnen und Experten viele Menschen im Tal retten können. Tatsächlich haben chinesische und nepalesische Behörden vor einigen Monaten begonnen, diese Frage zu diskutieren. Auch Oxfam betont diesen Aspekt:

‚Die Lehre aus Nepal ist eindeutig: Resilienz rettet Leben‘, sagt Einsatzleiter Pandey. ‚Wenn wir Hilfsmaßnahmen erst nach einer Katastrophe finanzieren, sind wir immer einen Schritt zu spät. Die Menschen vor Ort brauchen dauerhafte Investitionen, um sich auf die absehbaren Extremereignisse vorzubereiten.‘ Oxfam fordert deutlich höhere Unterstützung aus Deutschland für Frühwarnsysteme, Katastrophenvorsorge, die Anpassung an die klimatischen Veränderungen und widerstandsfähigere Infrastruktur – jetzt kurzfristig für Nepal nach der Katastrophe, aber auch insgesamt für Länder, die nur wenig zu den weltweiten Emissionen beigetragen haben und gleichzeitig besonders durch die Klimakrise bedroht sind.
Oxfam

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