›Wieder sein, was wir einmal waren‹
aus Rosalux.de
Trumps sogenannter Friedensplan für Gaza hat in eine Sackgasse geführt, aus der es politisch weder vor noch zurückgeht. Unter diesem Deckel geht das tägliche Morden am palästinensischen Volk, sein Aushungern, Dahinvegetieren, die Auslöschung seiner sozialen und kulturellen Einrichtungen weiter. Der Theaterdirektor und Schauspiellehrer Ali Abu Yassin gibt einen erschütternden Bericht von dieser Situation. Er lebt im Strand-Flüchtlingslager (al-Shati) in Gaza-Stadt, einem der größten Flüchtlingslager im Gazastreifen.
Nicht die Zerstörung der Gebäude und Straßen und nicht das Löschen zahlreicher Flüchtlingslager und Dörfer von der Landkarte sind die schwerwiegendsten Folgen des Krieges. Es ist der Mensch, der durch den Krieg am meisten zu Schaden kam, denn wir sind nicht mehr, was wir einmal waren. Ein erschütterndes Maß der Gewöhnung an ein Leben im Krieg und seine Kultur hat sich breitgemacht, die sich auf allen Ebenen und im politischen, religiösen und gesellschaftlichen Bereich tief in die Seelen der Menschen von Gaza eingegraben hat. Niemand ist verschont geblieben von den Folgen und Konsequenzen des Krieges.
Jeder Tag gleicht dem vorherigen, es gibt nichts Neues. Die Morgen, die ihrer Zeit entflohen sind, kehren zurück, verbergen sich hinter verlorenen Stunden, die vergeblich versuchen, vor Zeit und Ort zu fliehen sowie vor einer Realität, die von allen Seiten vom Wahnsinn umhüllt ist. Wie Sisyphos’ Stein: kein Ausweg und kein Entkommen, uns bleibt nichts übrig, als zu warten.
Gestern sprach ich mit einer Freundin, die in der Westbank lebt. »Verfolgt ihr den Krieg zwischen Amerika, Israel und dem Iran?«, fragte sie mich. »Aber meine Liebe, wir leben doch selbst ungeachtet des in den Nachrichten verkündeten Waffenstillstands noch immer im Krieg«, antwortete ich ihr. »Jeden Tag gibt es Tote und Zerstörung, Seelen, die noch immer von tiefer Trauer ergriffen sind. Und vielleicht ist dieses Grau, in dem wir leben, unerträglicher als der Krieg selbst.«
Es heißt, dass der Grenzübergang von Rafah in Funktion sei und täglich fünfzig Personen hinaus- und hineinkommen, unter schlimmsten und demütigsten Bedingungen. Ist das ein Grenzübergang oder der Ausgang eines Gefängnisses? Wird man vielleicht am Ausgang eines Lagers respektvoller behandelt als am Übergang von Rafah? Können wir angesichts dieser Umstände überhaupt sagen, der Grenzübergang von Rafah sei wieder in Funktion? Gewiss nicht!
Meiner Meinung nach ist der Krieg in Gaza grausamer und gewaltvoller als der im Iran und in Israel. Denn der Krieg endete nicht an dem Tag, als der Waffenstillstand verkündet wurde, sondern verwandelte sich in einen stillen Krieg, der uns von innen auffrisst, Tag für Tag, Stunde um Stunde.
Oder nimm den Gesundheitssektor: Können wir in Anbetracht der Zerstörung fast aller Krankenhäuser, der Emigration der qualifizierten Ärzte und der fehlenden medizinischen Versorgungsgüter behaupten, dass wir überhaupt einen Gesundheitssektor haben? Die Situation ist aber noch schlimmer, denn ein Patient, der auf eine einfache Operation wartet, stirbt womöglich, weil am Grenzübergang nur ein paar Fälle täglich durchgelassen werden.
Die Schulbildung aber ist die tiefste Wunde im Herzen der neuen Generation. Neunjährige, die seit Jahren keine Schule besucht haben, denn die Schulen sind entweder zerstört oder zu Flüchtlingsunterkünften geworden. Es gibt eine Art Nachhilfeunterricht in zerfetzten Zelten, aber das kommt dem Streicheln einer tiefen Wunde gleich. Die Kinder sitzen auf dem Sandboden, halten einen zerbrochenen Stift und versuchen, die Mathematik zu verstehen, während der Wind am Zelt rüttelt.
Wie sollen sie ihre Zukunft aufbauen, wenn ihre Gegenwart nur aus Warten und Angst besteht? Die Schulen sind vollgestopft mit tausenden Flüchtlingen, und der vereinzelte Unterricht für die Schüler ist reine Ablenkung. Es gibt praktisch keine Bildung, der Bildungssektor ist zerstört. Kann da jemand behaupten, wir hätten Bildung? Gewiss nicht! Was bleibt, wenn mehr als die Hälfte Gazas von der Besatzungsmacht kontrolliert wird?
Und das Wasser, dieser edle Tropfen, ist in den meisten Fällen ungenießbar. Wir trinken es, wohl wissend, dass es Krankheiten verursachen kann. Eine kleine Gallone Trinkwasser ergattern wir nur unter großen Mühen. Aber es gibt keine Alternative. Der Strom kommt nur ein paar Stunden, deshalb leuchten wir mit Kerzen oder Mobiltelefonen, um in der Dunkelheit unsere Gesichter zu erkennen, dann gehen beide wieder aus.
Nicht alle trifft es gleichermaßen
Also: keine Gesundheit, keine Bildung und keine Grundversorgung. Wie sollen wir unter solchen Gegebenheiten den Krieg in Iran oder irgendetwas anderes außerhalb von Gaza verfolgen? Selbst die Nachrichten, die uns betreffen, verfolgen wir nicht mehr, weil die Menschen in die Bewältigung ihres beschwerlichen Alltags versunken sind. Wer im Feuer verbrennt, kann sich auf nichts anderes konzentrieren als auf die eigene Löschung.
Die Neureichen, die sich vermehrt haben wie Pilze nach dem Regen, kontrollieren den Schwarzmarkt. Sie verkaufen Sachen zu horrenden Preisen, die Kosten für Brennstoff übersteigen die Kaufkraft der Mittellosen. Sie haben eine Schattenwirtschaft aufgebaut und lächeln das Lächeln des Triumphs, während die anderen verhungern. Die überwiegende Mehrheit schläft und erwacht mit der gleichen Sorge: Woher bekommen wir Essen für die Kinder? Und wie schützen wir sie vor der beißenden Kälte oder der sengenden Hitze?
Einige Familien haben immer noch keinerlei Hilfe erhalten, obwohl sie alles verloren, während andere, die von der Bombardierung nicht betroffen waren, mehr bekamen, als sie brauchen, und nun damit Handel treiben. Diese Ungerechtigkeit verbrennt die Seelen mehr als Bomben.
Der Krieg wird für die Armen zu einer tödlichen Hölle. Ich habe von vielen Menschen gehört, dass sie sich jeden Tag und jede Sekunde den Tod wünschen, weil sie nicht in der Lage sind, ihr tägliches Brot zu beschaffen und die Bedürfnisse ihrer Kinder zu befriedigen. Sogar die Hilfen, die über Organisationen und verschiedene Gremien abgegeben werden, werden nicht gerecht verteilt. Interessen und Beziehungen spielen die größte Rolle bei der Verteilung.
Zahlreiche Familien, die ihre Wohnungen verloren, leben bis jetzt auf der Straße, weil sie noch immer keine Zelte erhielten, um ihre Kinder vor schneidender Kälte oder großer Hitze zu schützen. Andere Leute haben ihre Häuser nicht verloren, wurden aber die ganze Zeit mit Zelten versorgt, bis sie anfingen, diese zu verkaufen. Im Krieg herrschen Not und Ungerechtigkeit, und die armen und einfachen Menschen sind die größten Opfer, die den doppelten Preis für die Folgen zahlen.
Hoffnung auf eine politische Lösung
Trotz all der verschiedenen und nicht endenden Tragödien und Geschichten bleibt uns die Hoffnung, an die wir uns klammern: dass eine politische Lösung umgesetzt, die Lebensrealität in Gaza verbessert und unser unabhängiger palästinensischer Staat errichtet wird und im ganzen Land Frieden einkehrt.
Nicht nur das Wasser des Meeres ist verschmutzt, auch die Luft und die Straßen sind es, sogar die Seelen der Menschen brauchen mehr Reinheit und Klarheit. Jeden Tag dreht sich die Erde um sich selbst und wartet darauf, dass die Lage sich ändert, aber sie dreht und dreht sich, und der Tag folgt auf die Nacht, außer in Gaza: Hier folgt auf die Nacht die Nacht. Wann endlich endet all diese Dunkelheit, wann geht die Sonne der Freiheit auf, auf die wir so lange gewartet haben und für die wir noch immer mit unseren Kindern und Jugendlichen, unseren Frauen und Alten bezahlen, und mit unseren Lebensjahren, die weiter schwinden, während wir auf der Suche nach einem Leben sind, das einem Menschenleben ähnelt?
Nein, liebe Freundin, wir verfolgen den Krieg nicht. Meiner Meinung nach ist der Krieg in Gaza grausamer und gewaltvoller als der im Iran und in Israel. Denn der Krieg endete nicht an dem Tag, als der Waffenstillstand verkündet wurde, sondern verwandelte sich in einen stillen Krieg, der uns von innen auffrisst, Tag für Tag, Stunde um Stunde. Der Morgen bricht so schwer an wie ein Stein, und die Nacht zieht sich so sehr in die Länge, dass sie zu einem Kameraden geworden ist, der uns nie verlässt.
Wir wachen vom Sturm auf, der an den hinfälligen Zelten zerrt, oder vom Weinen eines hungrigen Kindes, das auf der Suche nach irgendetwas ist, um seinen leeren Magen zu füllen. Und wenn wir einschlafen, sehen wir die Toten vor uns, die nach dem »Frieden« gefallen sind, oder die Verwundeten, die wegen des Medikamentenmangels einen langsamen Tod sterben.
Quelle: www.rosalux.de/news/id/54958/wieder-sein-was-wir-einmal-waren (24.Juni 2026). Mit freundlicher Genehmigung. Zwischentitel von der Redaktion.
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