Nordafrika/Nahost 26. September 2026

›Oma, was hast du während des Genozids in Gaza gemacht?‹
Musa Kaplan im Gespräch mit Bar Zvirin

Bar Zvirin ist 18 Jahre alt und kommunistische:r Aktivist:in im besetzten Palästina. Bar wird bald den Kriegsdienst verweigern und dafür ins Gefängnis gehen. Das Interview führte Musa Kaplan.

Wieso verweigerst du den Militärdienst? Wann hast du dich dafür entschieden?

Ich bin in einem liberalen Haushalt aufgewachsen. Als ich jung war, hat mein Bruder sich als trans geoutet. Ich habe mich schon früh viel mit queeren Rechten beschäftigt und während meiner Schulzeit erkannt, dass ich auch queer bin. Ich bin nichtbinär. Damit entwickelte ich ein gewisses politisches Bewusstsein über mein Land und die Welt um mich herum. Ich wurde aktiv in der israelischen queeren Jugendorganisation IGY und war dort einige Jahre lang organisiert.
Während eines Protests gegen die Regierung und für die Rückführung der Geiseln vom 7.Oktober lernte ich eine Gruppe junger Menschen kennen, die sich als »Block gegen die Besatzung« organisieren. Sie waren sehr herzlich und einladend zu mir.
In der Mittelschule wusste ich schon, dass ich mich nicht zum Militärdienst melden würde.
Damals wusste ich noch nicht, dass ich verweigern würde, oder dass ich das aus einer politischen Motivation heraus tun würde. Ich erinnere mich an eine alte Frau, die ein Schild zu ­einem Protest mitgebracht hatte. ­Darauf stand: »Oma, was hast du während des Genozids in Gaza gemacht?« Ich dachte mir, wenn meine Enkel mich das einmal fragen sollten, dann wäre ich stolz ihnen zu sagen, dass ich aufgrund meiner Verweigerung verhaftet wurde. Dass ich nicht Teil dieser schrecklichen Kriegsmaschine war. Da habe ich mich für die Verweigerung entschieden.

Wie bereitest du dich darauf vor?

Es gibt eine Organisation namens Mesarvot. Sie unterstützt Jugendliche bei der Verweigerung, indem sie Anwält:innen vermittelt und die Gemeinschaft einbezieht. Zuerst fragen wir, ob es öffentlich oder anonym passieren soll. Die meisten entscheiden sich, anonym zu verweigern.
Für Leute wie mich, die es öffentlich machen wollen, planen wir eine Kampagne. Das heißt, ich treffe Anwält:innen und bespreche mit Nimrod die weitere Medienarbeit. Außerdem tausche ich mich mit meinen Freund:innen aus, von denen bereits einige verweigert haben und ins Gefängnis mussten. Sie fragen mich, wie es für mich ist, und erzählen mir, was ich wissen muss, bevor ich reinkomme. Welche Regeln sollte ich dort brechen, welche lieber nicht? Die Gemeinschaft ist ein großer Teil meiner Vorbereitung. Sie gibt mir Kraft. Sie ist mein Zuhause.

Wie reagiert die israelische Gesellschaft auf Menschen, die den Militärdienst verweigern?

Israels Gesellschaft basiert auf Zionismus. Den Militärdienst zu verweigern ist, wie einen Finger in die Augen der gesamten Maschinerie zu drücken. Das greift das Fundament an, auf dem unsere Gesellschaft aufbaut. Wer das tut, erfährt viel Hass, Druck und manchmal auch Gewalt. Während meiner Schulzeit bin ich mit meinen politischen Ansichten und meinem Aktivismus offen umgegangen. Dafür wurde ich bedroht. Nachdem ich mehrere Mal angegriffen und verletzt wurde, musste ich die Schule verlassen.
Das ist die eine Seite. Andererseits schreiben mir Kinder und Jugendliche Nachrichten auf Instagram, um sich bei mir zu bedanken: »Hey, wegen deinen Posts werde ich nicht zur Armee gehen. Danke, dass du das machst.« Viele linke Jugendliche sind alleine mit ihren Ideen. Wenn sie mir schreiben, dass sie sich wegen mir weniger allein fühlen, dann bedeutet mir das viel.
Deshalb ist es mir wichtig, diese Kampagne öffentlich zu machen. Ich hätte vor den Bullys und dem Hass klein beigeben können. Aber ich habe mich dagegen entschieden. Unsere Ideen sind größer als der Schaden, den sie mir oder anderen zufügen können.

Wie bist du auf Mesarvot aufmerksam geworden?

Bevor ich Aktivist:in wurde, war ich Punk. Die Punk-Szene ist sehr politisch. Damals gab es eine Reihe von Shows, die Blacklist hieß. Ein rechter Metal-Typ, der ehemals Teil der Szene war, hat eine Liste von Punk-Bands, die sich für Palästina und gegen Zionismus ausgesprochen haben, gepostet. Er sagte, sie sind alle scheiße und nannte es »die Blacklist«.
Die Bands auf dieser Liste organisierten dann eine gemeinsame Tour mit drei unglaublich guten Shows. Bei einer der Shows kam Nave Shabtay Levin auf mich zu. Nave hat im März 2023 verweigert und saß dafür im Knast. Er fragte mich, ob ich von der kommunistischen Jugendorganisation BANKI gehört habe. Hatte ich nicht, aber ich wollte sie gerne kennenlernen. Seitdem rief er mich jede Woche an, dass ich dazukommen sollte, bis ich endlich dazukam. Dort lernte ich, dass die anderen auch alle Refuseniks und Teil von Mesarvot waren, und beschloss, auch Teil von Mesarvot zu werden.

Kannst du mehr über die Arbeit von Mesarvot sagen?

Mesarvot ist in verschiedene Bereiche aufgeteilt. Einmal gibt es die Kampagnen für Refuseniks. Dafür organisieren wir Proteste und versuchen, die Verweigerung in die Mainstream-Medien zu bekommen. Diese Arbeit ist nicht schwer zu planen. Es hängt viel davon ab, wer sich wann für die Verweigerung entscheidet. Manchmal gibt es vier öffentliche Refuseniks in einem Monat. Manchmal vergeht ein halbes Jahr ohne.
Dann gibt es noch den Verweigerungsbrief. Wir haben die Tradition, dass Oberstufenschüler:innen einen Brief schreiben, warum sie verweigern werden, und sammeln weitere Unterschriften von Jugendlichen. Bei der aktuellen Aktion haben zuletzt 130 Teenager unterschrieben. Angesichts der politischen Situation in unserem Land finde ich das eine beeindruckende Zahl.
Dann gibt es öffentliche Aktionen. Am ersten Schultag haben wir ein »Die-In«, ein »gemeinsames Sterben«, inszeniert. Einige Aktivist:innen haben sich auf den Boden gelegt und wir schütteten Blut auf sie. Wir sind auch auf ein Hauptgebäude in Tel Aviv geklettert und haben dort einen Bannerdrop gemacht. Auf dem Banner stand: »Wir verweigern den Militärdienst« und ein Link zu unserem Offenen Brief.
Wenn es grade keine offenen Briefe oder Kampagnen gibt, organisieren wir Proteste, kümmern uns um unsere Medienarbeit und so weiter. Mesarvot ist das, was wir Aktivist:innen daraus machen.

Habt ihr Verbündete? Wie ist die politische Landschaft?

Es gibt hundert Organisationen hier, die von den gleichen zwanzig Menschen getragen werden. Es gibt Mesarvot, BANKI und die Friedensorganisation The Peace Partnership. Am Ende des Tages findest du überall dieselben Menschen. Es geht nicht darum, ob wir miteinander verbündet sind oder nicht. Im Vordergrund steht, dass wir radikale Linke sind, und dass uns niemand hier mag.
Wir sind nicht viele, und viele sind inzwischen erschöpft. Jedesmal, wenn wir auf die Straße gehen, werden wir angegriffen, verhaftet und verletzt. Wir werden mit Flaschen voller Pisse beworfen. Ich habe Freunde, die vor mir aktiv wurden und die jetzt keine Proteste mehr organisieren. Sie versuchen, andere Wege zu gehen. Das respektiere ich.
Sie hören nicht auf mit Aktivismus. Aber die Straßen hier sind hart und du musst einen Weg finden, wie du das aushalten kannst. Wenn wir eine Aktion planen, dann wissen wir, was das heißt. Einige von uns sind dazu bereit. Andere nicht. Beides ist verständlich.
Die Lage wird immer schlimmer. Die Rechten sind am gewinnen. Sie sind stärker, organisierter und mehr als wir. Das ist schlimm und damit müssen wir einen Umgang finden.

Wie sind eure Beziehungen zu palästinensischen Organisationen?

In BANKI arbeiten viele Palästinenser:innen, die sind zum Beispiel in Farkha gut organisiert. Außerdem machen wir viel Solidaritätsarbeit mit Palästinenser:innen und gehen dafür regelmäßig ins besetzte Westjordanland. Ich wäre gerne schon öfters gegangen. Das wäre aber riskant für die Palästinenser:innen gewesen, weil ich noch minderjährig war. Nächsten Monat werde ich das erste Mal nach Masafer Yatta gehen.

Was gibt dir Hoffnung und die Kraft, weiterzumachen?

Solange die Palästinenser:innen nicht aufgeben, werde ich auch nicht aufgeben. Sie erleben viel schlimmere Dinge als ich. Wenn ein Soldat mir ein Bein bricht, dann schießt ein anderer auf sie. Dennoch bleiben sie stark und kämpfen weiter. Solange Palästina nicht frei ist und solange Kapitalismus und Zionismus weiterbestehen, werde ich nicht aufgeben.

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