Buch 26. September 2026

Der neue Roman von Slobodan Snajder
von Gerhard Klas

Slobodan Snajder: Engel des Verschwindens. Wien: Zsolnay, 2026. 496 S., 28 Euro

Von den nationalistisch-konservativen Eliten in Kroatien wird er geschnitten, in der internationalen Literaturszene hoch geschätzt: der Schriftsteller Slobodan Snajder. Am Beispiel eines Mietshauses und seiner Bewohner in Zagreb lässt Snajder in seinem neuen Roman die Geschichte des 20.Jahrhundert vorbeiziehen.

Nach der Verfolgung der Serben wird das Haus Zeuge der Entrechtung und Deportation seiner jüdischen Bewohner, erlebt die deutsche Besatzung und schließlich den sozialistischen Neubeginn. Später übernimmt eine Frau die Chronistenrolle: Anda Berilo. Sie wächst als einfache Dienstbotin auf, schließt sich Titos Partisanen an und wird zu einer Figur, die nie aufhört, Fragen zu stellen – auch den eigenen Leuten gegenüber.
Snajders Figuren sind nicht bloß Opfer der Geschichte. Sie treffen Entscheidungen. Während sich Anda für den Widerstand entscheidet, schließt sich der Hausmeister Mile der faschistischen Ustasa an.
Mit besonders viel Spott überzieht Snajder Figuren wie den Ustasa-Führer Paveli?, der 1945 noch im Angesicht der Niederlage seine Anhänger auffordert, bis zum letzten Mann zu kämpfen, um sich wenige Stunden später, getarnt in Frauenkleidern, selbst auf die Flucht vor den Partisanen zu begeben. Snajder macht einen deutlichen Unterschied zwischen dem jugoslawischen Sozialismus, dessen Umsetzung er kritisiert, und der nationalistischen Engstirnigkeit, die er grundsätzlich ablehnt. Auch Anda bleibt nicht bei der Heldenerzählung des Partisanenkampfes stehen. Sie hinterfragt die Rache der Sieger nach dem Zweiten Weltkrieg und landet deswegen in einem Umerziehungslager.
Der Roman handelt von der Versuchung, komplexe Wirklichkeit auf nationale Mythen zu reduzieren. Von der Bereitschaft, Nachbarn zu Feinden zu erklären. In einer Zeit, in der Nationalismus, Militarisierung und Männlichkeitskult wieder Konjunktur haben, erinnert Snajder daran, wohin solche Entwicklungen führen können. Mit Ironie, großer erzählerischer Kraft und einem tiefen Vertrauen in die Literatur als Ort des Erinnerns.

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