Spätes Eingeständnis vom Ex-Chef der Prüffirma
von Paul Michel
Der sogenannte Stresstest sollte 2011 beweisen, dass der geplante Tiefbahnhof von Stuttgart 21 erheblich leistungsfähiger ist als der bestehende Kopfbahnhof. Vor einigen Wochen kam durch ein Interview des Filmemachers und Regisseurs Klaus Gietinger mit dem damaligen Chef des Schweizer Verkehrsberatungsunternehmens SMA, Werner Stohler, heraus: Der von der Deutschen Bahn (DB) beauftragte »Stresstest« war pure Täuschung.
Zur Erinnerung: 2011 gab es scharfe Proteste gegen Stuttgart 21. Seit November 2009 fanden wöchentlich Montagsdemonstrationen mit mehreren tausend Teilnehmern auf dem Platz vor dem Nordausgang des Bahnhofs statt. Die Teilnehmerzahlen wuchsen von Woche zu Woche an. Im August 2010 rissen Bagger den Nordflügel des denkmalgeschützten Bahnhofs nieder. Der neue Ministerpräsident Stefan Mappus eskalierte die Durchsetzung des Tiefbahnhofs. Am 30.September räumte die Polizei auf Anweisung von Mappus in einem brutalen Einsatz den Stuttgarter Schlossgarten mit Wasserwerfern, um dort die Bäume zu fällen, die dem Projekt im Weg standen. Am Folgetag, dem 1.Oktober, fand eine Demonstration mit 100.000 Menschen statt.
Während die Proteste zunahmen, wuchsen in der Bevölkerung die Zweifel an der Sinnhaftigkeit des Projekts. Schon im September 2010 ermittelte eine repräsentative Umfrage im Auftrag der Stuttgarter Nachrichten eine Ablehnungsquote von 63 Prozent im Stadtgebiet. Es zeigte sich, dass Mappus’ Eskalationskurs die Bewegung eher anspornte als bremste. Deshalb ersannen die Macher von S21 einen Schachzug. Sie erfanden die »Schlichtungsgespräche« mit Heiner Geissler als obersten Schlichter. Die Gegner von Stuttgart 21 sollten nicht länger demonstrieren, sondern sich mit den Betreibern an einen Tisch zu setzen, um zu einer gemeinsame Lösung zukommen. Damit sollte der Bewegung die Dynamik genommen werden.
Die Mehrheit der S21 Gegner:innen ließ sich auf die Schlichtungsgespräche ein. Dabei ging es vorrangig um die Frage der Leistungsfähigkeit des Tiefbahnhofs. Vereinbart, einen Stresstest durchzuführen, um die Leistungsfähigkeit eines Tiefbahnhofs zu ergründen. Eine von der Deutschen Bahn ausgedachte Simulation sollte prüfen, ob der neue Hauptbahnhof eine Leistungssteigerung von 30 Prozent erreicht.
Das Schweizer Verkehrsberatungsunternehmen SMA und Partner AG wurde ausgewählt, das Verfahren zu auditieren, also zu prüfen, ob die Bahn im Rahmen des Tests ihre eigenen Verfahren korrekt durchführte. Die SMA war nicht irgendeine Firma. Sie war eines der führenden Unternehmen für Verkehrsplanung. Ihren Ruf hatte sie sich durch innovative Verkehrskonzepte in der Schweiz erarbeitet. Auch für die Gegner:innen von Stuttgart 21 galt sie als Garant für ein seriöses Testat. SMA – das war gewissermaßen der Goldstandard in der Verkehrsplanung.
Ein gutes halbes Jahr dauerte es, bis das Ergebnis des Stresstests vorlag. Mit großem Tamtam wurde er am 29.Juli 2011 im Stuttgarter Rathaus präsentiert und live im Fernsehen übertragen. Das Ergebnis: Der Test wurde offiziell als »bestanden« gewertet. Ein Erfolg für die Deutsche Bahn und ein politischer Schlag ins Gesicht für die Kritiker von Stuttgart 21. Dem unterirdischen Durchgangsbahnhof wurde bescheinigt, er könne in der Spitzenzeit mit guter Betriebsqualität 30 Prozent mehr Verkehr bewältigen als der bestehende Kopfbahnhof: 49 statt 37 ankommende Züge im morgendlichen Berufsverkehr.
Von Anfang an Betrug
Das positive Urteil von SMA verlieh den Aussagen der Bahn eine gewisse Seriosität. Es trug maßgeblich dazu bei, dass die Bahn in der Öffentlichkeit an Glaubwürdigkeit gewann und dass bei dem von der rot-grünen Landesregierung durchgeführten Volksentscheid das Votum deutlich für die Fortsetzung der Bauarbeiten ausfiel. Seither dient es den Betreibern als politische Legitimation für das Festhalten am Projekt.
Hierin liegt nun die besondere Brisanz der Äußerung von Werner Stohler, einem 80jährigen Rentner. Er war 2011 Chef von SMA. Er ist der Mann, der damals wegen seines vermeintlich objektiven Urteils die Seriosität des Stresstests repräsentierte. Sein Eingeständnis ist ein Schlag gegen das von der Bahn bemühte Mantra von der überlegenen Leistungsfähigkeit: »Diesen Stresstest durchzuführen, war nur die Bahn selber in der Lage.« SMA habe damals die Untersuchung lediglich begleitet. »Ich habe selber nicht an diese Kapazitätsrechnungen geglaubt, weil sie für mich wissenschaftlich wertlos waren.«
Warum äußert sich Stohler nun? »Als Rentner kann man etwas freier sprechen«, erklärt Bahnexperte Hans Leister seine jetzigen Aussagen. Er fügt hinzu: »Man darf nicht vergessen: 2011, als der Stresstest durchgeführt wurde, war SMA von der Bahn abhängig. Den Großteil der Aufträge hat die Deutsche Bahn erteilt.« Das bekräftigt der frühere Geschäftsführer der SMA, Giuliano Montanaro. Im Interview mit der Stuttgarter Zeitung sagt er, er habe damals seinen Chef gewarnt, den Auftrag anzunehmen. Aber Stohler habe seinen Rat nicht angenommen, weil die Bahn für die SMA ein wichtiger Kunde war und Stohler den Auftrag als große Chance für die SMA gesehen habe. Er habe »eine Erwartungshaltung seitens der DB gespürt«. »Ich hatte den Eindruck, dass es unter diesen Voraussetzungen schwierig gewesen wäre, völlig unabhängig zu arbeiten.«
Das Bahnprojekt Stuttgart 21 war von Beginn an ein monströser Betrug. Es ist nicht aus Versehen, unvorhersehbar und unglücklicherweise komplett aus dem Ruder gelaufen – planerisch, bautechnisch, zeitlich, finanziell. Nein, die Macher wussten, was sie anrichten, und sie unternahmen alles, um die Menschen zu täuschen, zu belügen, für dumm zu verkaufen.
In der Sache ist das, was die beiden einstigen SMA-Manager erzählen, für die Gegner:innen von S21 nichts Neues. Aber natürlich ist es brisant.
Die Folgen
Eine Konsequenz zumindest scheinen die Aussagen des SMA-Chefs zu haben. Die Berichterstattung der Medien in Baden-Württemberg fällt zunehmend kritisch aus. Journalisten beim SWR und selbst der bisher pro S21 schreibenden Stuttgarter Zeitung geht offenbar allmählich ein Licht auf. Sie sind zunehmend verärgert darüber, wie sie von der Bahn systematisch belogen und für dumm verkauft werden. In der am 28.9.2026 gesendeten ARD-Dokumentation Stuttgart 21 – Die Jahrhundertbaustelle? kamen erstmals seit langem wieder Stuttgart-21-Kritiker in nennenswerten Umfang zu Wort.
Bei den Verantwortlichen selbst hat Stohlers Beichte kein öffentliches Nachdenken ausgelöst. Sie mauern wie eh und je. Auch die neue Bahnchefin, auf die auch einige S21-Gegner:innen Hoffnungen gesetzt hatten, blieb nach den Eklat auffallend stumm. Es gibt keine Anzeichen, dass sie bereit wäre, das Projekt Stuttgart 21 »nach links« zu drehen. Im Gegenteil, auf Pressekonferenzen gibt sie zum besten, sie träume von dem »Moment, an dem alle Menschen in Stuttgart sehr stolz sein werden«. Damit wird sie ihren unseligen Amtsvorgängern immer ähnlicher.
Es bleibt dabei: Die Macher und Förderer von Stuttgart 21 sind gegen Argumente immun. Ein Umdenken bei ihnen ist nur denkbar, wenn die Bewegung gegen das Projekt zur alten Mobilisierungsstärke zurückfindet. Darüber nachzudenken, wie wir dahin kommen, ist jetzt die Aufgabe der Verkehrs- und der Klimabewegung in Stuttgart und Umgebung, in Baden-Württemberg und in der gesamten Republik.
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