Stadtteilarbeit als Teil einer längerfristigen revolutionären Strategie
von Wolfgang Pomrehn
Wie kann fernab von Parteiaufbaukonzepten und Parlamentarismus revolutionäre Arbeit an der Basis der Gesellschaft, in den Stadtteilen und Nachbarschaften organisiert werden? Diese Frage stellen sich inzwischen relativ viele, meist junge Menschen, und in den letzten zwei oder mehr Jahrzehnten wurden darauf in verschiedenen Städten erste Antworten mit revolutionären Stadtteilläden gefunden. Eines der ältesten Projekte dieser Art ist die Organisierte Autonomie (OA), die Kollektive in Nürnberg, Stuttgart und Schwäbisch Gmünd vereint.
Schon in den 1990er Jahren haben sich ein paar autonome Gruppen in Nürnberg zusammengetan und mit gemeinsamer Stadtteilarbeit begonnen. In anderen Städten gab es ähnliche Ansätze, und schließlich wurde über einen längeren Diskussionsprozess 2023 eine städteverbindende Organisation geschaffen.
In Nürnberg wurden die ersten Schritte seinerzeit im einst selbstverwalteten und in den 1980er Jahren bundesweit bekannt gewordenen Jugendzentrum KOMM gemacht. Die Stadt hatte es nach längeren Kämpfen übernommen, und ein Teil der dort tätigen Gruppen musste sich eine neue Heimat suchen.
Nach den Jahren der Kämpfe um das Komm war das eine Niederlage, aber für einige auch eine Chance. Man suchte sich einen Stadtteil, auf den sich konzentriert werden sollte. Wie bei vielen ähnlichen Projekten fiel die Wahl auf eines der alten, von den Behörden vernachlässigten Viertel der Arbeiter:innenklasse.
Zusätzlich spielte eine Rolle, dass Großbetriebe wie AEG massiv entließen oder ganz schlossen. Die Arbeit differenzierte sich aus, die Bedeutung der großen Kollektive der Industriearbeiterschaft ging erheblich zurück, in Nürnberg wie in vielen anderen Städten. In den Großbetrieben war die politische Arbeit und das Organisieren einfach gewesen. Nun mussten neue Wege gesucht werden.
Solidarität von unten
Das Viertel ist der Ort, in dem die vielfältige Klasse zusammenkommt. Dort, so der Ansatz, können solidarische Kämpfe geführt, Menschen politisiert werden. Das solle kein Ersatz sein, meinen einige OA-Mitglieder im Gespräch mit der SoZ. Die Arbeit im Betrieb sei weiter sehr wichtig, auch wenn sie meist viel schwerer geworden ist. Heute seien Genossinnen und Genossen in den kleineren Betrieben oft vereinzelt. Aber die OA sieht in den Stadtteilen einen wichtigen zusätzlichen Ansatzpunkt, der zunehmenden Individualisierung durch die neoliberale Zurichtung der letzten Jahrzehnte etwas entgegenzusetzen. Auch dort müsse Klassenbewusstsein entwickelt werden, um gesellschaftliche Gegenmacht aufzubauen.
Dazu werden politische Veranstaltungen gemacht, Sozialberatung organisiert, beim Stress mit Vermieter:innen geholfen. Gemeinsame Gegenwehr gegen Stadtentwicklung von oben herab, zum Beispiel bei der Umgestaltung von Plätzen, spielt eine Rolle. Nicht zuletzt geht es darum, einen Raum zu schaffen, in dem die Menschen aus der Nachbarschaft sich begegnen können, wo auch Leute mit schmalem Geldbeutel einfach mal mit anderen zusammen sitzen und was trinken können.
Auch Kultur im weiteren Sinne spielt in der Arbeit eine Rolle. Ausstellungen werden organisiert oder auch einmal im Jahr ein Stadtteilpicknick. Menschen sollen zusammenkommen, die einander sonst vielleicht nicht treffen. Dabei kann Gemeinsames entstehen, das Bewusstsein, dass wir alle zur Klasse gehören, auch wenn wir unter sehr unterschiedlichen Bedingungen leben und arbeiten, jeder für sich in seinem kleinen Mikrokosmos.
Gegen Krieg und seine Folgen
Thematisch spielt der Antimilitarismus in den letzten Jahren eine große Rolle, oder genauer: die Verbindung zwischen Aufrüstung, Sozialabbau und Rechtsentwicklung. Diese herzustellen, ist den Genossinnen und Genossen der OA wichtig. Man könne eine Gesellschaft nicht militarisieren, ohne zugleich Rechte einzuschränken. Daher wird sich an den entsprechenden lokalen wie überregionalen Mobilisierungen beteiligt, die gemeinsame Fahrt zu Demos organisiert, und mitunter werden massenweise Flyer im Stadtteil verteilt.
Und wo geht die Reise hin? Es geht um die klassenlose, befreite Gesellschaft. Die meisten in der OA sehen sich vermutlich eher in der kommunistischen als in der anarchistischen Tradition, aber so wichtig scheint die Unterscheidung nicht zu sein, bleibt als – sympathischer – Eindruck vom Gespräch zurück. Die Autonomie im Namen heißt, dass die eigene Politik nicht von irgendwelchen Geldtöpfen abhängen soll, dass die Gruppe unabhängig bleibt, aber auch, dass die Arbeiter:innenklasse politisch selbständig bleibt, sich organisiert, ihre Interessen eigenständig definiert und durchsetzt.
»Unsere Aufgabe als revolutionäre Linke, als bewusst kämpfender Teil der zur Lohnarbeit gezwungenen Klasse muss es sein, in kontinuierlichen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen die Köpfe und Herzen für eine revolutionäre Perspektive zu gewinnen – und das auf ideologischer, politischer wie auch kultureller Ebene«, heißt es in den Grundsätzen der OA. Das hätte so auch in den Gründungsdokumenten der inzwischen verblichenen VSP stehen können, die vor 40 Jahren einmal diese Zeitung gegründet hat.
https://stuttgart.organisierte-autonomie.org
https://www.red-side.net
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