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MeToo

Nicht nur in den USA
von Ute Abraham

Vor mehr als zehn Jahren startete die MeToo-Kampagne in den USA. Sie wurde von der Aktivistin Tarama Burke ins Leben gerufen, die vor allem Afroamerikanerinnen mit geringem Einkommen eine Stimme geben wollte. Nach den Anschuldigungen wegen sexualisierter Gewalt gegen Hollywood-Größen wie Harvey Weinstein oder Kevin Spacey nahm die Schauspielerin Alyssa Milano diesen Hashtag wieder auf. Innerhalb kurzer Zeit berichteten Millionen Frauen weltweit über ihre Erfahrungen. Die Kampagne brachte in unterschiedlicher Intensität in vielen Ländern der Welt das Thema sexuelle Gewalt wieder auf die Tagesordnung.

Im Europaparlament wurde sexuelle Gewalt Thema, nachdem sich Mitarbeiterinnen über sexuelle Belästigung durch Abgeordnete beklagten. Namentlich wurden die Beschuldigten nicht genannt. Die Frauen fürchteten um ihren Job. Sozialdemokraten, Linke und Grüne forderten die Einrichtung einer Beschwerdestelle, fanden jedoch keine Mehrheit.

In Australien traf es überwiegend die Musikbranche. Dort veröffentlichen 500 Frauen ihre Erfahrungen in einem Offenen Brief.

An Chinas Universität Beihang wurde einem Professor gekündigt. Das zuständige Ministerium kündigte weitere Schritte an, nachdem es an weiteren 40 Universitäten Proteste gab.

In Großbritannien führten Veröffentlichungen zu einer kleinen Regierungskrise, nachdem Politiker mehrerer Parteien beschuldigt wurden, Verteidigungsminister Michael Fallon musste deswegen im letzten Jahr zurücktreten.

In Schweden löste die Kampagne einen Sturm aus. Viele Menschen gingen auf die Straße, um gegen sexuelle Belästigung zu demonstrieren. Sendungen wurden aus dem Fernsehprogramm gestrichen, nachdem schwere Vorwürfe gegen TV-Stars vorgebracht worden waren. Die Kulturministerin rief die drei großen Stockholmer Theaterbühnen zu einer Krisensitzung zusammen. Das war das Ergebnis von #wetoo, zu der sich einige Schauspielerinnen zusammengetan hatten. Innerhalb eines Tages waren es über tausend Frauen, die von Übergriffen in der schwedischen Unterhaltungsindustrie berichteten. Auch Schwedens ehrwürdige Akademie, die alljährlich den Literaturpreis vergibt, geriet ins Rampenlicht. Dem Leiter eines dem Institut nahestehenden Klubs wurden sexuelle Übergriffe zur Last gelegt. Die Vorwürfe beschränkten sich nicht auf den Kulturbereich. Unter anderem prangerten 5000 Juristinnen sexuelle Übergriffe von männlichen Richtern und Anwälten an. Die schwedische Regierung reagierte mit einer Gesetzesänderung.

In Deutschland herrscht relative Unaufgeregtheit. Zwar gibt es auch hier Vorwürfe gegen eine Person aus der Unterhaltungsbranche, aber die geringe Resonanz überrascht ebenso wie der #aufschrei gegen sexuelle Belästigung fünf Jahre zuvor. 2013 löste eine dümmliche Anmache des FDP-Politikers Brüderle in einer Kneipe gegenüber einer Journalistin eine breite Sexismusdebatte aus. Drei Jahre später startete #ausnahmslos nach der Kölner Silvesternacht. #ausnahmslos positionierte sich gegen sexuelle Gewalt und Rassismus, nachdem rechte Populisten die Vorfälle für sich instrumentalisierten. Eine erfolgreiche Kampagne, der bittere Beigeschmack bleibt jedoch. Grapschen wurde zum Straftatbestand und die große Koalition verschärfte das Asylgesetz.

Ohne weitere Vorwürfe hierzulande gegen einen Promi scheint die MeToo-Kampagne nach einer kurzen Welle wieder abzuflauen. Ersatzweise räumen die Medien denjenigen Platz ein, die kritisieren, relativieren, verharmlosen oder umkehren. Anlässlich der beschämend hämischen Berichterstattung über einen Gesetzesentwurf in Schweden sah sich der schwedische Botschafter gar genötigt, die Sachlage klar darzustellen: Nein, in Schweden muss künftig niemand vor dem Sex einen Vertrag schließen, aber Frauen müssen auch nicht mehr alleine nachweisen, dass sie deutlich Nein gesagt haben oder sich körperlich gewehrt haben. Zukünftig soll es heißen: Ja heißt ja. Aber bei den Beiträgen, Debatten und Initiativen geht es nicht nur um einen Abwehrkampf sexistischer Männer. Es geht auch um die Stigmatisierung von Feministinnen als lustfeindliche Emanzen – nach altbekanntem Muster, das auch von Frauen bedient wird.

Sexualisierte Gewalt hat nichts mit Sex zu tun, sondern mit Macht und der Demonstration von Macht. Bei sexuellen Belästigungen geht es nicht um einen Annäherungsversuch, sondern ebenfalls um Gewalt. Sexuelle Belästigung ist im übrigen im AGG, dem Antidiskriminierungsgesetz, definiert. Sexualisierte Gewalt geht auch nicht nur von Männern aus, Frauen sind auch Täterinnen, wenn auch in wesentlich geringerem Ausmaß. Die Ursachen liegen in der Geschlechterhierarchie und sind kein Beweis dafür, dass Frauen die besseren Menschen sind.

Ein Hashtag allein bringt noch keine Veränderung. MeToo hat jedoch weltweit die Debatten belebt und Menschen bewegt. In den kommenden Aktionen, wie z.B. am 14.Februar «One Billion Rising» oder am 8.März zum Internationalen Frauentag, wird das zum Ausdruck kommen.


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