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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Rudi Dutschke und die Achtundsechziger

«Der sozialistischen Bewegung das ­Unterscheidungsvermögen wiedergewinnen»
von Paul B. Kleiser

Es gibt wenige Namen und Gesichter, die mit der Bewegung von 1968 in Theorie und Praxis so eng verbunden sind wie die von Rudi Dutschke.

Aufgrund der Hetze der Springerpresse und anderer rechter Medien, die im Klima des Kalten Krieges besonders in Westberlin auf fruchtbaren Boden fiel, wurde er am Gründonnerstag 1968 Opfer eines Mordanschlags. Der Täter Josef Bachmann schoss Dutschke mit drei Kugeln nieder.

Der Münchner Journalist Ulrich Chaussy verfasste mit Die drei Leben des Rudi Dutschke bereits 1983, vier Jahre nach dessen Tod, die erste umfassende Biografie Dutschkes. Damals waren ihm die Archive des Verfassungsschutzes und der DDR noch verschlossen. Das hat sich inzwischen geändert, so dass Chaussy pünktlich zum Jahrestag eine überarbeitete und erweiterte Neuauflage seines Buches vorlegen konnte, das zudem mit etwa 50 Bildern illustriert wurde.* Kaum jemand hat sich hierzulande so lange und so gründlich mit Leben und Werk des herausragenden Studentenführers und «Achtundsechzigers» auseinandergesetzt.

Als Autor von Oktoberfest – ein Attentat hat sich Chaussy auch intensiv mit der rechtsextremen Szene und dem geringen Ermittlungseifer des Staates beschäftigt. Er betont, dass die Achtundsechziger und Rudi Dutschke «die Menschenfeindlichkeit und die Gefahr sträflich unterschätzten, die sich damals in alt- und neofaschistischen Gruppierungen wie der NPD zusammenbraute». Offenbar hatten die Behörden kein sonderliches Interesse, die Herkunft der von Bachmann verwendeten Pistole zu eruieren. Sonst wären sie auf Nazistrukturen in Niedersachsen und auf den Waffenlieferanten Wolfgang Sachse gestoßen. Dieser gehörte zum Netzwerk des Altnazis Paul Otte, der Kampfgruppen gründen und die NSDAP wiederaufbauen wollte, weil ihm die NPD zu lasch war. An den regelmäßigen Schießübungen der Gruppe waren auch Polizisten beteiligt; außerdem gab es (ähnlich wie später beim NSU) Verbindungen zum Verfassungsschutz.

Der 1940 geborene Dutschke war das vierte Kind von Elsbeth und Alfred Dutschke aus Luckenwalde. Der wegen des Krieges und anschließender Gefangenschaft abwesende Vater war ihm lange fremd; die strenge und fromme Mutter galt als die Respektsperson der Familie. Die Angst vor dem Krieg prägte die Familie. Während des Arbeiteraufstands vom 17.Juni 1953 wurde den Kindern eingeschärft, nach der Schule sofort nach Hause zu kommen und ja nicht in Gruppen stehen zu bleiben.

Dutschke wurde zwar Mitglied der FDJ, engagierte sich jedoch vor allem in der evangelischen Jungen Gemeinde. Früh schon fielen seine präzisen und geschliffenen Wortbeiträge auf. Außerdem trieb er reichlich Sport. Seine Erfahrungen mit den Schrecken des Krieges brachten ihn dazu, nach dem Abitur die «freiwillige Verpflichtung» zum «Ehrendienst bei der Nationalen Volksarmee» (NVA) abzulehnen: «Meine Mutter hat vier Söhne nicht für den Krieg geboren. Wir hassen den Krieg und wollen den Frieden.»

Aufgrund der Verweigerung des Wehrdienstes konnte er nicht studieren und machte eine Lehre als Industriekaufmann, die er mit Bestnote abschloss. Doch wieder wurde die Vergabe der Studienplätze an den Dienst in der NVA geknüpft. Daher ging Dutschke nach Westberlin und machte dort, um studieren zu können, das «Westabitur» nach. Die Welle von Enteignungen bei mittelständischen Betrieben führte zum Anschwellen des Flüchtlingsstroms in den Westen, sodass die DDR am 13.August 1961 damit begann, Westberlin einzumauern.

Statt Sportjournalismus studierte er nun an der FU Geschichte und  Soziologie. Die Reaktion der Adenauer-Zeit mit ihrem harschen Antikommunismus, der Verdrängung der braunen Vergangenheit und dem Mief von tausend Jahren hatte nicht nur die Stadt, sondern auch die Universität fest im Griff. Erste kritische Stimmen hinterfragten die Rolle der Ordinarien und der Burschenschaften und Corps. Die Berliner Zelle der in München gegründeten «Subversiven Aktion» um Dutschke und Bernd Rabehl verfasste ein Flugblatt, in dem die Geschichte der Burschenschaften und ihr Nationalismus karikiert wurden. Das SDS-Mitglied Reinhard Strecker erstellte ein umfangreiches Archiv ehemaliger Nazis, die in der BRD wieder in Amt und Würden gekommen waren. Auf ihn ging auch die spätere Ausstellung «Ungesühnte Nazijustiz» zurück.

Zunächst wollte Dutschke sich – aufgrund seiner DDR-Erfahrungen – nicht mit marxistischen Klassikern befassen, doch spätestens seit 1963 ist eine sorgfältige und intensive Beschäftigung mit Marx, Luxemburg und anderen Klassikern bezeugt. Kurz danach dürfte er mit Menschen der «Subversiven Aktion» in Kontakt gekommen sein, deren wichtigste Köpfe Dieter Kunzelmann und Frank Böckelmann waren. Sie führten im Geiste der Situationistischen Internationale eine Reihe von Happenings gegen die «repressive Konsumgesellschaft» durch. Im Mai 1964 wurden in einigen Städten, so in München, Tübingen und Stuttgart, Plakate verklebt, auf denen stand: «Mit dieser Welt gibt es keine Verständigung. Wir gehören ihr nur in dem Maße an, wie wir uns gegen sie auflehnen.»

In der Zeitschrift Anschlag beschäftigte sich Dutschke mit dem Realsozialismus und den Folgen des Stalinismus und kam zum Schluss: «Es gibt noch keinen Sozialismus auf der Erde; der Sozialismus ist weiterhin eine reale Kategorie des Noch-nicht-Seins, der durch den Kampf der revolutionären Kräfte im Weltmaßstab in die gesellschaftliche Wirklichkeit gebracht werden muss.» Chaussy schreibt: «Dutschke wollte der sozialistischen Bewegung verloren gegangenes Unterscheidungsvermögen wieder zurückgewinnen, unter anderem durch die Rückbesinnung auf die Geschichte der russischen Revolution.» Dazu studierte er auch intensiv Trotzkis Buch Verratene Revolution. Bei einem Besuch in Moskau sprach er die stalinistischen Verbrechen an, woraufhin der Professor der Uni Moskau seine Ansichten als «typisch trotzkistisch» geißelte. Außerdem meldete er dort seine Zweifel an der «sozialistischen Moral» an, die jeden technischen Fortschritt feiere, ohne auf die konkreten Arbeitsbedingungen zu achten.

Gleich vielen damaligen Linken hatte auch Dutschke große Sympathien für die Kulturrevolution in China, die als aktives Eingreifen der Massen gegen die Herrschaft der Bürokratie wahrgenommen wurde. Im Dezember 1966 gab es eine Diskussionsveranstaltung über die «Große Proletarische Kulturrevolution» und die Roten Garden. Laut Chaussy war es vor allem Ernest Mandel, der Dutschke davon überzeugte, dass es sich bei den Ereignissen in China um einen brutalen Machtkampf innerhalb der herrschenden Bürokratie handelte, wobei die Mao-Fraktion sich zur Ausschaltung ihrer Gegner an die Roten Garden wandte.

Ein weiteres Thema, das für die Studentenbewegung entscheidende Bedeutung erlangen sollte und bis heute nachwirkt, war die Lage der Dritten Welt und die Kolonialrevolution. Auf Drängen Dutschkes trat die Subversive Aktion um die Jahreswende 1964/65 dem SDS bei, wobei sie keinerlei Illusionen in dessen reformistischen Charakter hatte. Im Dezember 1964 besuchte der kongolesische Präsident Moïse Tschombé, einer der Initiatoren des Sturzes und der Ermordung von Lumumba, dem ersten Präsidenten des Kongo nach dessen Unabhängigkeit 1960, die BRD und Westberlin. Er wurde auch vom Regierenden Bürgermeister Willy Brandt empfangen. Teile des SDS mit Dutschke organisierten eine illegale Demonstration gegen den «Mörder Tschombé», zu der sich viele junge Menschen einfanden. Sie erhielt in der internationalen Presse ein erhebliches Echo.

Der SDS-Genosse Traugott König arbeitete damals an einer Übersetzung des Buches Die Verdammten der Erde von Frantz Fanon. Aufgrund der Kämpfe gegen den Kolonialismus kam er zum Schluss, für diese Länder gebe es nur die Alternative Unterwerfung oder Revolution. Das galt insbesondere für das durch das Schah-Regime und seinen mörderischen Geheimdienst Savak gemarterte iranische Volk. Der Mord an Benno Ohnesorg am 2.Juni 1967 anlässlich des Schahbesuchs wurde von der Bewegung vor diesem Hintergrund gesehen.

Im Frühjahr 1965 startete US-Präsident Johnson die «Operation Rolling Thunder», die Bombardierung Nordvietnams. Die zumeist aus den Bombenschächten der Flugzeuge gefilmten Bilder flimmerten allabendlich über eine schnell zunehmende Zahl von TV-Geräten. Niemals zuvor war man bei einem Krieg «so nah dran» und doch in Sicherheit. Die SDS-Genossen Peter Gäng und Jürgen Horlemann gründeten einen Arbeitskreis über die Hintergründe des Vietnamkriegs. Sie stellten dar, dass es nicht um den Kampf des «freien Westens gegen den Bolschewismus» ging, sondern um die nationale Unabhängigkeit eines kolonisierten Landes.

Der Vietnamkrieg und die Unterstützung der Konterrevolution in Lateinamerika (Einmarsch in die Dominikanische Republik 1965, Bekämpfung der Guerilla-Gruppen, Tod Che Guevaras 1967) veränderten – nicht zuletzt aufgrund der Berichte seiner späteren Frau Gretchen Klotz, die aus den USA stammte – Dutschkes positives Bild der USA als Befreier vom Faschismus hin zu dem einer brutalen imperialistischen Macht, die die Menschenrechte mit Füßen tritt. Doch übersah er nicht, dass es auch in den USA eine breite Bewegung für die Bürgerrechte und gegen den Vietnamkrieg gab. Viele Einberufene verweigerten den Kriegseinsatz, verstümmelten sich oder flohen ins Ausland. Kulturell orientierte man sich ohnehin stark an den USA; nicht zufällig trug Godards Film von 1966 den Untertitel «Die Kinder von Marx und Coca Cola».

Dutschke ließ seine internationalen Kontakte, z.B. zum italienischen Verleger Feltrinelli, spielen, der durch die Veröffentlichung von Boris Pasternaks Roman Doktor Schiwago reich geworden war, um für eine internationale Beteiligung am geplanten Vietnam-Kongress in Westberlin zu werben und für die Finanzierung zu sorgen. Der Kongress im Februar 1968 wurde mit 5000 Teilnehmenden zu einem großen Erfolg und Höhepunkt der Bewegung.

* Ulrich Chaussy: Rudi Dutschke. Die Biographie. München: Droemer, 2018. 528 S., 26,99 Euro.


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