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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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30 Jahre Wackersdorf

Lieber nachvollziehen, als am Mythos stricken – Ein Zeitzeuge erinnert sich
von Theo Völkl

Dieser Tage ist ein Film über den Widerstand gegen die Wideraufbereitungsanlage (WAA) in Wackersdorf in den 80er Jahren angelaufen. Letztlich konnte die Anlage verhindert werden, doch war dies nicht allein das Verdienst der Bewegung – es kam viel zusammen. Ein Lehrstück für den Hambacher Forst?
Gestoppt wurde die WAA nicht durch den Widerstand. Im Dezember 1980 bewarb sich Bayern u.a. mit Wackersdorf um den Bau der WAA. Im November ’82 kam es zu den ersten Probebohrungen, ’87 war der Zaun fertig und das Eingangslager stand – es wird heute von BMW als Teil des Logistikstandorts genutzt und gegen jeden Hinweis auf die WAA-Geschichte abgeschirmt. Im darauffolgenden Jahr sollten die ersten Castortransporte rollen.
Am 3.Oktober 1987 kam es zu einer Großdemonstration mit etwa 25 000 Leuten, der Zaun sollte demoliert werden. Wildgewordene Berliner Polizeieinheiten verhalfen uns jedoch zu blutigen Köpfen.
Danach waren wir in den Bürgerinitiativen (BI) am Ende und wussten nicht mehr weiter. Wir hatten alles gegeben, doch trotz Massendemonstrationen wurde gebaut. Bis auf einen Bauern hatten alle aufgegeben und ihre Sperrgrundstücke verkauft. Wir hatten immerhin eine Verzögerung von drei bis vier Jahren erreicht, doch trotz Tschernobyl 1986 ging der Bau weiter. Der letzte große Termin für den Widerstand war der Abbruch des Erörterungstermins trotz 881 000 Einwendungen im Jahr 1988.
Dann starb Franz-Josef Strauß. Anfang 1989 erklärte der VEBA-Manager Bennigsen-Löffler, dass die WAA sich ökonomisch nicht lohnt und die Industrie aussteigt. Am 31.Mai erklärte der bayrische Ministerpräsident Streibl das Ende des Baus. Wir waren völlig geplättet. Wir feierten, sahen es aber nicht als unseren Sieg. Erst danach wurde es zum Mythos, wie jetzt wieder.
Ich denke, bei den 2-plus-4-Verhandlungen zur Wiedervereinigung wäre mit der WAA sowieso Schluss gewesen. Denn eine der Hauptargumentationslinien gegen die WAA war ja, dass es Strauß und dem Stahlhelmflügel der CDU um die deutsche Atombombe ging.

Voraussetzungen
Der Widerstand, der die Verzögerung gebracht hat, beruhte auf seiner praktisch-politischen Hegemonie in der Region und auf der Einbeziehung fast aller Widerstandsformen, auch der von anreisenden Autonomen. Trotz Hausdurchsuchungen bei Schlafplatzgebern und vieler Verhaftungen war das ein Konsens. Der zerfiel 1987 nach der Erschießung zweier Polizisten an der Startbahn West. Danach waren wir in der Krise, aber wirklich.
Praktische Hegemonie bedeutet nicht, dass wir eine Mehrheit bei einer Abstimmung bekommen hätten – das wäre vielleicht wie bei Stuttgart 21 ausgegangen. Ein Indiz dafür sind die Wahlergebnisse der CSU in dieser Zeit. Die CSU hat in der Region keine wirklich großen Schäden wegen der WAA eingefahren. Hegemonie heißt, dass sich die Bürgerinitiativen in fast jedem bürgerlichen Wirtshaus versammelten, dass die regionalen Zeitungen recht positiv zur Bewegung standen, dass sich die Befürworter der WAA in der Bevölkerung kaum öffentlich zeigten und dass mit den regionalen Polizeikräften ein Auskommen auf Augenhöhe möglich war und öfters Tips durchgestochen wurden.
Wie kamen die Leute zum Widerstand? Es gab die 68er, die wieder in der Provinz lebten. Es gab eine Unmenge von Ökobauern und -projekten. Es gab die Friedensbewegung, die Anti-Atom-Bewegung und noch Überbleibsel der alten Arbeiterbewegung, linke Sozialdemokraten und DKPler. Im Oktober ’81 wurde die BI Schwandorf gegründet. Schon vorher gab es eine BI in Weiden aus der Jugendzentrumsbewegung heraus, die aber wieder einging. Im März ’83 gründete sie sich neu aus einem breiten Spektrum aller Altersgruppen von Emmaus, Spontis, Falken, Gewerkschaften, SPD, Terre des hommes bis zum Bund für Vogelschutz etc. Im Dachverband der BIs waren mehr als 15 Gemeinden im Umkreis von 60 Kilometern vertreten. Das zentrale Büro in Schwandorf war immer von mehreren Leuten besetzt. Alle arbeiteten nur mit Telefon und Briefen.

Aufbruch
Es gab eine große alternative Aufbruchstimmung in diesem vergessenen Zonenrandgebiet Ende der 70er Jahre. Wir sind ’83 allein aus Weiden mit drei Bussen zur Demo gegen den NATO-Doppelbeschluss nach Bonn gefahren. Die Provinz hinkt halt immer einige Zeit hinter den Zentren hinterher, und die Oberpfalz fühlte sich gegenüber dem Rest Bayerns vergessen, war aber auch eigenbrötlerischer. Wir hatten die Amis in Grafenwöhr und die Grenze, doch die Industrie starb. Wir konnten aber auch mehr machen als woanders, denn es interessierte sowieso niemanden.
Dann kam Strauß 1980 und sagte, was in Niedersachsen nicht durchsetzbar ist, machen wir bei den Deppen in der Oberpfalz. Das war eine Fehlkalkulation der CSU aus Unkenntnis des ganzen Landstrichs, wo sie immer nur die traditionellen 55 Prozent Stimmvieh sah. Deshalb kam diese Gemengelage unterschiedlichster sozialer und politischer Gruppierungen so schnell zusammen. Die Stimmung war: Es reicht! Wer denken die, wer wir sind?
Doch leider wurden diese fast zehn Jahre des Aufbegehrens schon bald ohne nennenswerte Rückstände vergessen. Zu vielen erscheint heute die AfD als Aufbegehren – deren wahrscheinlich zukünftiger Landtagsabgeordneter aus Weiden ist Betriebsratsvorsitzender des größten Metallbetriebes (800 Beschäftigte) und wettert gegen den Atomausstieg und die Klimaabkommen.
PS. Thema Braunkohle: Sie war einer der Gründe, warum die WAA nach Wackersdorf sollte. Der Tagebau in Wackersdorf war gerade endgültig stillgelegt worden, die einst 3000 Arbeitsplätze waren weg. Deshalb waren die Mehrheit der Gemeinde, der SPD-Bürgermeister, die SPD und die Gewerkschaften dort immer für die WAA. Drum gibt es auch heute noch in Wackersdorf tiefste Feindschaften. Wackersdorf selbst versprach sich mehrheitlich bis zum Schluss eine «strahlende» Zukunft nach der Braunkohle.


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