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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2018 |

Peter Zudeick: Heimat. Volk. Vaterland. Eine Kampfansage an rechts

Frankfurt a.M.: Westend, 2018. 187 S., € 18
von Paul B. Kleiser

Kampf um Worte und Begriffe

In Umbruchzeiten, wie wir sie im Gefolge der großen Krise von 2008 und der raschen Digitalisierung gerade erleben, werden bei vielen Menschen sicher geglaubte Gewissheiten und Lebensplanungen zerstört.
Dies galt erstmals in der vom Bielefelder Historiker Reinhard Kosellek so genannten «Sattelzeit» zwischen 1770 und 1850, als der Kapitalismus Einzug hielt. Die «beginnende Industrialisierung zieht eine massive Umwälzung der tradierten Ordnung nach sich, die Französische Revolution und ihre Folgen stellen Europa auf den Kopf, eine deutsche Revolution bahnt sich an, die Freiheitskriege gegen Napoleon sorgen für Unruhe. Die Kräfteverhältnisse zwischen Stadt und Land verschieben sich, Verlustangst, Verlustempfinden, ein Gefühl der Verlorenheit sind die Folgen», schrieb er. Unter diesen Bedingungen wird der Begriff «Heimat» zum Ruhepol in einer «Welt der Industrialisierung und Urbanisierung», die sich rasch umwälzt.
Der Journalist Peter Zudeick, der sonst eher als Satiriker bekannt ist, zitiert in seinem neuen Buch Heimat. Volk. Vaterland den Tübinger Volkskundler Hermann Bausinger, der ausführte, wie Heimat zur Natur wurde, zu einer Art «Besänftigungslandschaft» zum Ausgleich oder dem Abbau der durch die wirtschaftlichen und sozialen Umbrüche erzeugten inneren Spannungen.
Peter Zudeick insistiert auf die Tatsache, dass Begriffe nicht unschuldig in die Welt treten und ihre eigene Geschichte haben, die er an den Beispielen Heimat, Volk und Vaterland aufarbeitet zum Zweck einer «Kampfansage an rechts», wie der Untertitel seines Buches lautet. Denn nach dem Zusammenbruch des Ostblocks und dem Ende des Realsozialismus kam es zur «großen Regression», die (wie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg) ein buntscheckiges Feld von rechten Strömungen hervorbrachte, die sich an den verschiedenen Vorläufern des 19. und 20.Jahrhunderts orientierten. Dabei wurden häufig ambivalente oder ideologisch nicht festgelegte Begriffe in einen bestimmten Kontext gestellt und zur «Abwehr des Fremden» missbraucht. Dieses Vorgehen haben die Nazis nicht erfunden, aber darin eine gewisse (mörderische) Meisterschaft entwickelt. Die neuen rechten Bewegungen aktualisieren nur die historischen Vorbilder; so sind z.B. aus den verachteten Juden inzwischen die Muslime geworden. Diesen Neurechten möchte Zudeick bestimmte Begriffe nicht überlassen.

Heimat
Seit der Romantik gibt es in Deutschland eine «Heimatbewegung», die Tradition und Brauchtum idealisiert. Ein Teil dieser Bewegung entdeckte die «deutsche Natur» auch im Menschen und entwickelte Konzepte von «Blut und Boden», was dann für den Nationalsozialismus anschlussfähig wurde. Die Heimat (oder eher: das Vaterland) sei «rasseprägend» und müsse von heimatzerstörenden Einflüssen «gesäubert» werden. Dass bei einem solchen Verhalten nur Inzucht herauskommen kann, steht auf einem anderen Blatt. Hinzu tritt die Vorstellung von der «höherwertigen Rasse» (natürlich die Deutschen), die dem «Volk ohne Raum» das Recht verleihe, fremde Länder zu besetzen, die einheimische Bevölkerung zu vertreiben und deutsche Bauern anzusiedeln. Eben dieses Konzept wollten die Nazis nach Kriegsende in Polen und der Ukraine umsetzen. Auch die Neurechten bekämpfen die Migration, um sich gegen die «Überflutung der Heimat» zu behaupten. (Naturbilder für soziale Vorgänge liegen aber auch der bürgerlichen Presse nicht fern!)
Natürlich kann der Heimatbegriff auch von links, in einem kapitalismuskritischen Sinne besetzt werden. Die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG, deren Tätigkeit angeblich keine Grenzen kennt, wirbt mit dem Slogan: «Mein Zuhause? Die ganze Welt!» Solche Menschen sind im Grunde beziehungslose Roboter des Kapitals. Hinzu kommt, dass das Kapital mehr denn je die ökologischen und klimatischen Lebensbedingungen der Menschheit zerstört. Daher kann der «Kampf für die Heimat», also gegen die Naturzerstörungen (z.B. die Vernichtung des Hambacher Forsts durch RWE) oder gegen die industrielle Landwirtschaft durchaus mit Vorstellungen einer anderen, sozialistischen Zukunft verbunden werden. Das ist bei Zudeick nur angedeutet, er zitiert jedoch Autoren wie Ernst Bloch, Martin Sperr, Herbert Achternbusch und vor allem Edgar Reitz, die in dieser Richtung unterwegs waren: «Was die Soziologie der Beschleunigung gerne vergisst, sind Sturheit und Eigensinn von Menschen, die sich von der angeblichen ‹Unausweichlichkeit› spätmoderner Prozesse nicht abhängig und von affirmativer Wissenschaft nicht dumm machen lassen wollen.» Der Film Wackersdorf führt das gerade wieder einmal vor.

Volk und Vaterland
Schwieriger ist der Umgang mit den Begriffen Volk und Vaterland. Gegen die Parole der (linken) Arbeiterbewegung, «Mein Vaterland ist international» (von den Passagen im «Kommunistischen Manifest» über die Arbeiter ohne Vaterland erst gar nicht zu reden!), zielte das Konzept der «nationalen Identifizierung» auf die Zerstörung des «Denkens in Klassengegensätzen» – natürlich ausschließlich der Proletarier. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war der 4.August 1914, als die Führung der Sozialdemokratie den Kriegskrediten zustimmte. Dass es süß und ehrenvoll sei, fürs Vaterland zu sterben, behaupteten schon die (reichen) Römer, die natürlich andere an die Front schickten. Durch den Anschluss der DDR («Deutschland, einig Vaterland») und die beschwörende Verwendung durch Helmut Kohl hat der Begriff eine Zeit lang wieder Klassengegensätze zudecken können. Die AfD behauptet, «sozial» zu sein, «ohne rot zu werden».
Der Begriff Volk ist zumeist weniger eindeutig, wie man an Begriffen wie Volksmund, Volkslied, Volksfest oder Volksschule sehen kann. Abgesehen von einer größeren Menschenmenge (viel Volk) meint er entweder Menschen gleicher Abstammung, Sprache und Kultur (ethnos) oder aber alle Staatsbürger eines Landes (demos). In Auseinandersetzung mit der Französischen Revolution gab/gibt es in Deutschland bis heute Versuche, die Germanen als Vorläufer zu sehen und von einer zweitausendjährigen Geschichte «der Deutschen» zu schwafeln. (Stoiber und Seehofer tun dasselbe, wenn sie von der «tausendjährigen Geschichte Bayerns» reden, als seien die Agilolfinger oder Wittelsbacher «Bayern» gewesen!) Jeder Nationalismus ist um Verdampfung der zumeist nicht so edlen Realgeschichte bemüht. Die völkische Bewegung propagierte die «Vernichtung des Heterogenen», also aller, die als «blutfremd», als «Volksschädlinge» angesehen werden (als wären die Blutgruppen nicht universell!). Heute bewegt sich Pegida auf dieser Linie, wenn sie die angebliche «Umvolkung» und «Islamisierung» bekämpfen.
Gegen diesen Schwachsinn zitiert Zudeick aus dem Stück Des Teufels General von Carl Zuckmayer, wo von der «Völkermühle Mitteleuropa» die Rede ist:
«Und jetzt stellen Sie sich doch mal ihre Ahnenreihe vor – seit Christi Geburt. Da war ein römischer Feldhauptmann, ein schwarzer Kerl, braun wie ne reife Olive, der hat einem blonden Mädchen Latein beigebracht. Und dann kam ein jüdischer Gewürzhändler in die Familie, das war ein ernster Mensch, der ist noch vor der Heirat Christ geworden und hat die katholische Haustradition begründet. – Und dann kam ein griechischer Arzt dazu oder ein keltischer Legionär, ein Graubündner Landsknecht, ein schwedischer Reiter, ein Soldat Napoleons, ein desertierter Kosak, ein Schwarzwälder Flözer, ein wandernder Müllersbursch vom Elsass, ein dicker Schiffer aus Holland, ein Magyar, ein Pandur, ein Offizier aus Wien, ein französischer Schauspieler, ein böhmischer Musikant – das hat alles am Rhein gelebt, gerauft, gesoffen und gesungen und Kinder gezeugt.» Welch eine tolle «Umvolkung»!


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