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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Alles Bauhaus oder was?

Wie die inneren Widersprüche zugekleistert werden
von Dietrich Heißenbüttel*

Die Weißenhofsiedlung wurde im Bauhaus-Stil erbaut: Solche Halbwahrheiten haben zur Hundertjahrfeier der Kunstschule in Weimar und Dessau Konjunktur. Richtiger werden sie dadurch nicht. Zeit, ein wenig ­Essig in den Schaumwein zu tröpfeln.
«Das Endziel aller bildnerischen Tätigkeit ist der Bau!» heißt es imperativ im Manifest von Walter Gropius zur Eröffnung des Staatlichen Bauhauses Weimar. Von Stil ist nicht die Rede, im Gegenteil: Im Kapitel zur Vorlehre von Gropius’ programmatischer Schrift zu «Idee und Aufbau des Bauhauses» heißt es: «Jede bindende Einstellung auf irgendeine Stilbewegung wird bewusst vermieden.»
Noch deutlicher wird Gropius 1930, zwei Jahre nach seinem Rücktritt als Bauhaus-Direktor: «Das Ziel des Bauhauses war kein ‹Stil›, kein System oder Dogma, kein Rezept und keine Mode! Es wirkte lebendig, weil es nicht an der Form hing, sondern hinter der wandelbaren Form das Fluidum des Lebens selbst suchte.» Dann wird die Rhetorik militärisch: «Als erstes Institut in der Welt hat das Bauhaus gewagt, diese antiakademische Geisteshaltung schulisch zu verankern, um seine Ideen zum Siege zu führen, die wache Lebendigkeit seiner Kampfgemeinschaft zu erhalten, in der allein sich Fantasie und Wirklichkeit durchdringen können. Ein ‹Bauhausstil› aber wäre ein Rückschlag in die akademische Stagnation, in den lebensfeindlichen Trägheitszustand, zu dessen Bekämpfung das Bauhaus einst ins Leben gerufen wurde. Vor diesem Tod möge das Bauhaus bewahrt bleiben!»
Totgesagte leben länger, heißt es. Und wie die Figuren eines Computerspiels ist das Bauhaus schon eine Reihe von Toden gestorben. 1925 musste die Hochschule in Weimar schließen. Nach dem Ende in Dessau 1932 blieben ihr nur noch wenige Monate als Privateinrichtung in Berlin. Nach dem Krieg wollte die Ulmer Hochschule für Gestaltung den Bauhaus-Gedanken wiederbeleben. 1968 wurde sie von der konservativen Landesregierung geschlossen. Stattdessen gründete sich 1960 der gleichnamige Baumarkt.

Fremde Federn schmücken
Nun aber ist das Bauhaus plötzlich wieder quicklebendig: auch da wo es niemals war. «100 jahre bauhaus lädt zu einer deutschlandweiten Entdeckungsreise ein», verkündet die Website www.bauhaus100.de. «Das Bauhaus findet man nur in Berlin, Dessau oder Weimar?», fragt eine zusätzliche Seite zur «Grand Tour der Moderne» [www.grandtourdermoderne.de/orte]. Die Antwort: «Keineswegs! In ganz Deutschland gibt es herausragende Orte des Bauhauses und der Moderne.» Und im Handumdrehen ist alles, was modern ist, irgendwie auch Bauhaus.
In der Realität haben von den über 100 aufgeführten Orten die wenigsten etwas mit dem Bauhaus zu tun: wie in Stuttgart die Neue Staatsgalerie von James Stirling, die Milchbar von Rolf Gutbrod im Killesbergpark und die Hochhäuser Romeo und Julia von Hans Scharoun, die alle erst aus der Nachkriegszeit stammen. Oder die beiden Le-Corbusier-Häuser der Weißenhofsiedlung: Corbusier war nie am Bauhaus, wie alle anderen Weißenhof-Architekten mit Ausnahme von Gropius, der für die Siedlung nur ein kleines Haus entwarf, das nicht mehr erhalten ist. Ludwig Mies van der Rohe wurde erst drei Jahre später zum Bauhaus-Direktor berufen: auch aufgrund des guten Namens, den er sich mit der Weißenhofsiedlung erworben hatte.
Wie aber war es wirklich? Das Bauhaus ging aus mehreren Weimarer Hochschulen hervor, darunter der Kunstgewerbeschule, die der belgische Jugendstil-Architekt Henry van de Velde 1908 ins Leben gerufen hatte. Von ihm stammen die Gebäude der heutigen Bauhaus-Universität, er selbst hatte Gropius schon 1915 als Nachfolger vorgeschlagen. Dass sich die Hochschule dann «Bauhaus» nannte, hängt mit der revolutionären Situation nach dem Ersten Weltkrieg zusammen.
In der Novemberrevolution gründete sich der Arbeitsrat für Kunst. Sein erster Wortführer, der Architekt Bruno Taut, forderte eine Vereinigung aller Künste. Ein Unterrichtsausschuss unter der Leitung von Otto Bartning legte bereits Ende 1918 ein pädagogisches Konzept vor. Oskar Schlemmer nennt ihn den «eigent­lichen Vater des Bauhaus-Gedankens». Denn von Bartnings Konzept ging Gropius, der bald die Leitung des Arbeitsrats übernahm, in seinem Bauhaus-Programm aus.

Von der sozialen Utopie zur industriellen Massenproduktion
Das Titelblatt zum Bauhaus-Manifest zeigt einen expressionistischen Holzschnitt von Lyonel Feininger: Eine «Kathedrale des Sozialismus» sollte die Zusammenarbeit aller Handwerker wie an den gotischen Kirchenbauten des Mittelalters symbolisieren. «Meister» wurden die Bauhaus-Lehrer genannt. Anfangs gab es Holz-, Metall-, Bildhauer-, Druck-, Keramik- und Glasmalereiwerkstätten, später auch Fotografie und Werbegrafik. Besonders wichtig: die Weberei, da am Bauhaus viele Frauen studierten. Sie wurden, bestehenden Rollenmodellen gemäß, gern auf die Textilien verwiesen.
Ausschlaggebend war der Vorkurs, geleitet von Johannes Itten, der wie Schlemmer in Stuttgart bei Adolf Hölzel studiert hatte. Nur die Architekturlehre kam nicht vom Fleck, obwohl doch der Bau, wie es im Manifest hieß, das «Endziel aller bildnerischen Tätigkeit» sein sollte. Erst 1923 entstand ein erstes Bauwerk: das «Musterhaus am Horn», entworfen von Georg Muche, dem Leiter der Weberei. Eine eigene Architekturabteilung gab es erst 1927 in Dessau. Vorangebracht hat sie vor allem Gropius’ Nachfolger Hannes Meyer. Gropius tat alles, um ihn in Vergessenheit geraten zu lassen. Erst 1924 entstand Gropius’ «erstes privates Wohnhaus im Bauhausstil» – so die Verlagswerbung zum Buch über das Haus Auerbach in Jena.
Gropius erwies sich auch sonst als wandelbar. «Architekten, Bildhauer, Maler, wir alle müssen zum Handwerk zurück!», verkündet das Bauhaus-Manifest 1919, und: «Bilden wir also eine neue Zunft der Handwerker ohne die klassentrennende Anmaßung, die eine hochmütige Mauer zwischen Handwerkern und Künstlern errichten wollte!» In «Idee und Aufbau des Bauhauses» heißt es dagegen vier Jahre später: «Das Bauhaus will also keine Handwerkerschule sein, sondern es sucht bewusst die Verbindung mit der Industrie.»

Günstiger Wohnraum blieb ein Versprechen
Damit hatte Gropius sein Thema gefunden. Er wurde nicht müde zu behaupten, industriell vorgefertigte Häuser würden die Kosten senken und das Wohnungsproblem lösen. «das fix und fertig eingerichtete variable wohnhaus vom lager wird in den kommenden jahrzehnten ein hauptprodukt der industrie sein», pro­gnos­ti­zier­te er, und: «die stadt stuttgart hat mit der werkbundsiedlung 1927 die erste tat auf diesem wege vollbracht.»
Es kam freilich anders. Die Stadt Dessau war auch deshalb bereit gewesen, das Bauhaus zu beherbergen, weil Gropius versprochen hatte, in der Siedlung Dessau-Törten in großer Zahl billige Wohnungen zu erstellen: «Abkehr von der Utopie. Statt Kathedralen die Wohnmaschine», kommentierte der scharfzüngige Schlemmer. Nur: Das Versprechen ließ sich nicht einlösen. Die Häuser waren teurer als herkömmlich gebaute und zeigten gravierende Mängel. Gropius musste gehen, der Misserfolg trug zum Erstarken der Rechten bei, die schließlich das Bauhaus aus Dessau vertrieben.
Dennoch konnte Gropius seine Sicht der Dinge durchsetzen. In der Architekturgeschichte gelten er, Le Corbusier und Mies van der Rohe als das Dreigestirn der großen modernen Architekten. In den Standardwerken zur modernen Architektur, etwa von Siegfried Giedion, blieben «sämtliche traditionalistischen und neoklassizistischen Tendenzen (die immerhin den überwiegenden Teil der damaligen Bauproduktion ausmachten) kurzerhand unerwähnt», wie Vittorio Magnano Lampugnani, der frühere Leiter der Deutschen Architektur-Museums in Frankfurt, moniert.
Dies war kein Zufall. Autoren wie Giedion, vor allem Le Corbusier eng verbunden, oder Nikolaus Pevsner, der Gropius näher stand, verstanden «ihre Arbeit in erster Linie als Unterstützung, wenn nicht gar als Kampfschrift für die Avantgarde», kritisiert Lampugnani. Auch Gropius arbeitete an dieser «Historiografie der Ausschließung» nach Kräften mit, immer bestrebt, sich selbst ins beste Licht zu rücken. Nach seinem Rücktritt schrieb er über das Bauhaus nur noch in der Vergangenheitsform.
In verschiedenen, von Gropius kuratierten Bauhaus-Ausstellungen, 1930 in Paris, 1938 in New York oder 1968 in Stuttgart, kam Hannes Meyer – der tatsächlich versuchte, kostengünstigen Massenwohnungsbau zu realisieren – nicht vor. Zementiert wurde ein rückblickendes Bild, das bis heute die Vorstellungen vom Bauhaus bestimmt. «Wortreich vertrat Gropius sein Bauhaus und bekämpfte selbst oder über Mitstreiter jede Kritik und jede von seiner Sicht abweichende Erklärung», so der Architekturhistoriker Winfried Nerdinger.
Wer wissen will, wohin die Idee des industriellen Wohnungsbaus geführt hat, braucht sich nur die Gropiusstadt in Berlin-Neukölln anzusehen, ab 1962 entworfen von Walter Gropius für 18500 Bewohner. Oder die zahlreichen Plattenbau-Siedlungen, die etwa Ernst May, der Architekt des «Neuen Frankfurt», im weiten Sowjetimperium gebaut hat. Denn Gropius war mit der Idee nicht allein. Auch Le Corbusier träumte von der massenhaft fabrizierten Wohnmaschine. Doch weder May noch er hatten mit dem Bauhaus das Geringste zu tun. Im Programm «100 jahre bauhaus» dürfen sie trotzdem nicht fehlen.
Das Bauhaus bestand nur 14 Jahre. Statt so zu tun, als wäre es immer noch da, und sich selbst auf die Architekten-Schulter zu klopfen, wäre es besser gewesen, sich mit den inneren Widersprüchen zu beschäftigen, denen die Lehranstalt ausgesetzt war: zwischen Kunst und Handwerk, Handwerk und Industrie, individueller Gestaltung und Massenproduktion, dem Anspruch, bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, und der Herstellung luxuriöser Designobjekte. Diese Widersprüche erneut unter die Lupe zu nehmen, statt so zu tun, als wären sie schon gelöst, hätte ein Ansatz sein können, das Bauhaus-Jubiläum produktiv zu machen. Doch im Chor der Jubelarien gehen die differenzierten Töne unter.

* Dietrich Heißenbüttel ist Architekturkritiker, Kunsthistoriker und Journalist (www.artwritings. de). Nachdruck aus Kontext:Wochenzeitung, 16.2.2019, mit freundlicher Genehmigung des Autors.


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