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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Roller rollen für den…

… nein, nicht Sieg – für den Scheuer!
von Rolf Euler

Der Bundesautominister hat eine Marktlücke entdeckt, die ausnahmsweise mal nicht mit neuen Autos gefüllt werden soll. Nun ist eine Marktlücke immer etwas von den Herstellern Erfundenes, obwohl es hinterher immer heißt, die Verbraucher wollten es.
Wollen wir Verbraucher Elektroroller? Die Kinder meiner Generation kannten nichts Tolleres als einen «Ballon-Roller», also einen Roller mit Luftreifen, der natürlich gegenüber einem Holzroller den mobilen Aufstieg des Fünfjährigen bedeutete. Der Bürgersteig um Haus und Hof, die Wege im Dorf waren «unser». Wurde damals vielleicht die Saat gelegt, die den Elektroroller jetzt zum Kunden tragen soll?
Wenn es so einfach wäre. Erstmal die Technik: Das Ding wiegt gut 12 Kilo, soviel wie eine Kiste Wasser, also nicht gerade das, was jeder mal eben mit einer Hand hochhebt. Das Ding fährt mit Elektroantrieb in zwei Varianten: maximal 12 km/h oder 25 km/h. Reichweite: knapp 30 Kilometer – Verkaufsprospektangabe. Scheuer will für die schwächere Variante die Bürgersteige freigeben, für die andere die Radwege bzw. da wo keine sind, die Straße. Dazu müssen die Roller eine Zulassung haben.
Noch bevor die Verordnung in Kraft ist, bekommt Scheuer Gegenwind. Kein Wunder, dass genervte Fußgänger aufmucken, es handelt sich ja nicht gerade um Kinderspielzeug. Von den früheren Rollern stehen – nach einem Hype vor zehn Jahren – sicher Tausende in Kellern und Schuppen herum, weil Kinder heute kaum noch auf der Straße oder im Nahbereich einfach «rollern» können, ohne von Autos gefährdet zu werden. Soweit also das Erbe der Ballonroller aus den 50er Jahren… Auch die mit kleinen Rädern und zusammenklappbar gut transportablen Roller sollten mal als «trendy» zum allgemeinen Stadtgefährt werden. Man sieht sie so gut wie nie mehr im öffentlichen Raum.
Die neue Scheuer-Idee kommt inmitten einer allgemeinen Krise der Autogesellschaft. Dieselbetrug, CO2-Betrug, Feinstaubbelastung, Parkplatznot, Staus ohne Ende – da kommt die Erfindung des Elektrorollers dem Verkehrsminister gerade recht. Der Roller wird von ihm als Stadtautoalternative gepriesen, man könne ihn sogar in Bus oder Bahn mitnehmen. Wer bisher dachte, die Alternative zum Auto sei Fahrrad – auch E-Bike – und öffentlicher Verkehr, wird von Scheuer erneut eines Schlechteren belehrt. Kann man auf einem (E-)Roller ein Kind zum Kindergarten mitnehmen? Einen Einkauf nach Hause bringen? Eine Arbeitstasche ins Büro tragen? Bei 25 km/h auf unseren Radwegen sicher fahren? Oder auf den Stadtstraßen? In den Einkaufszonen? Wer eine dieser Fragen mit «Ja» beantwortet, gewinnt einen Preis, den Herr Scheuer noch nicht ausgelobt hat…
Wichtig ist für Scheuer offenbar, dass es so aussieht, als ob er fürs Stadtklima tätig wäre. Also: auf jeden Fall was Elektrisches, bloß nicht selber bewegen, Scheinlösungen für gar keinen erkennbaren Zweck, Spielzeug für Reiche, die es sich leisten können, und dann: ab in den Keller zum Verstauben. Vorher aber: Stromverbrauch, Ressourcenverbrauch, Mobilitätsphantastereien.
Leute: Zugreifen – der Mediamarkt bietet für nur 389 Euro schon einen 25 km/h schnellen E-Roller an. Auch ohne Zulassung: Schon mal kaufen und den Dankesbrief für Scheuer nicht vergessen!


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