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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2013 |

Sarah Kaminsky: Adolfo Kaminsky – Ein Fälscherleben.

München: Verlag Antje Kunstmann, 2012. 219 S., 19,90 Euro
von Dieter Braeg

«Als ich beschloss, das Leben meines Vaters aufzuzeichnen, hatte ich mich bewusst dafür entschieden, nur über seine Kämpfe zu berichten und die Erzählung im Jahr 1971 enden zu lassen, als er jede Untergrundtätigkeit aufgab. Ich meinte, dass sein anderes Leben, zu dem ich gehöre, nur für den engeren Kreis seiner Familie und Freunde interessant sei.»

Die Tochter des französischen Meisterfälschers Adolfo Kaminsky, der Tausenden das Leben gerettet hat, brauchte in ihrem Buch, ganz am Ende, nur zwei Seiten für das Leben ihres Vaters nach 1972. Vorher hatte sie nach zwei Jahren Nachforschung ein Leben ihres Vaters entdeckt und dann veröffentlicht, das sie nicht kannte. Bis dahin war er einfach nur «Papa».

Die Werkstatt
Adolfo Kaminsky fälschte Dokumente für KZ-Überlebende, die nach Palästina wollten, obwohl er den Zionismus als überzeugter Atheist ablehnte. Mit 18 Jahren, im Jahr 1943, begann er, mitten im Krieg, mit seiner Arbeit. Er hatte Kontakt zum französischen Widerstand bekommen. Er hatte eine Färberlehre absolviert und stand plötzlich in einem geheimen Labor, wo eine kleine Anzahl von Leuten falsche Papiere für Résistance-Kämpfer und verfolgte Juden herstellten. «Ich fiel fast um – sie entfernten den Judenstempel mit einfachem Chlor. Ich sagte ihnen, dass der Stempel in ein paar Tagen wieder gelblich aufscheinen werde. Für den Inhaber des Passes war das höchst gefährlich.»
Kaminsky wurde ganz schnell der Laborchef der Fälscherwerkstatt der jüdischen Widerstandsgruppe, die im Dachlabor in der Pariser Rue des Saints-Pères arbeiteten. Erstaunlich waren die Methoden  und Geräte, mit denen Adolfo Dokumente herstellte. Eine alte Singer-Nähmaschine wurde in ein Stanzgerät für Passbildklemmen umgebaut und verwendet.

Alle zwei Minuten ein Pass
Kaminskys Leben ist mit dem Buchtitel «Fälscherleben» richtig beschrieben, aber er führte ein Lebensretterleben und noch dazu eines mit ganz klaren politischen Entscheidungen. Im Jahr 1944 versucht er, den biegsamen und doch festen Schweizer Pass nachzumachen. Sogar im Schlaf verfolgt ihn das Problem. Menschenleben waren von seinen Fähigkeiten abhängig: «Schließlich träumte ich, wie ich vorgehen musste, um die richtige Papierqualität zu erhalten. Ich flocht eine Mullbinde in den Kartonmix, was ihr genau die richtige Elastizität verschaffte.»
In Holland, Belgien und Frankreich halfen gefälschte Papiere, Leben zu retten, Widerstand gegen das verbrecherische Naziregime ein wenig gefahrloser zu gestalten. Wie viele Pässe es waren? «10000 Dokumente für Kinder, bedeutend mehr für Erwachsene», schätzt er. Pro Stunde dreißig Blankopässe konnte er herstellen, das bedeutete Rettung von Leben für  jede Stunde mehr Arbeit. «Mein größter Feind war nicht die Gestapo, sondern die Müdigkeit.»
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war seine Tätigkeit nicht beendet. Viele Jahre später war sein Können wieder gefragt, er stellte Papiere für die algerische Widerstandsorganisation FLN her, die für die Unabhängigkeit von Frankreich kämpfte. Bald hatte er seinen neuen Lebensmittelpunkt in Algerien und war dort nicht nur Fotograf, sondern auch Fälscher. Später, wieder in Paris, half er den Antiapartheidkämpfern aus Südafrika, ebenso den Kämpfern gegen die Diktaturen in Griechenland, Spanien oder einem Dutzend lateinamerikanischer Staaten.
Auch in dieser Zeit war es notwendig, seine Aktivität nicht nur vor dem französischen Geheimdienst zu verbergen. Seine Ehefrau Leila, Tochter eines algerischen Imams, war über viele seiner Tätigkeiten nicht informiert. Seine Geschichte, die nun in diesem Buch erzählt wird, war nur möglich, weil seine Tochter Sarah irgendwann wissen wollte, welchen geheimen Tätigkeiten er im Laufe seines Lebens nachgegangen war. Kaminsky war schon über 80 Jahre alt, seine Fälscherarbeit längst Vergangenheit, als er in zwanzig Gesprächen mit seiner Tochter sein Leben erzählte

Spärliche Anerkennung
Oskar Schindler hat es zu einem Film gebracht. Kaminsky der zehnmal mehr Juden und Widerstandskämpfer gerettet hat, kann mit diesem Vergleich nichts anfangen. Nie hat er für seine Hilfe Geld genommen. Selbst Daniel Cohn-Bendit reiste 1968 als Illegaler mit einem Kaminsky-Papier. Wer nun aber hofft, in diesem Buch eine Gebrauchsanweisung zu bekommen, wie man fälscht, kann sich den Kauf sparen.
Hier wird, viel zu spät, öffentlich, warum Kaminsky, trotz der Gefahr für sein eigenes Leben, aktiv war: «Wenn jemand ohne Verteidigung ist, kann man nicht wegschauen. Solange andere Leute Probleme haben, bin ich nicht berechtigt, mich für etwas anderes zu interessieren.»
Die spärliche Anerkennung, einige algerische oder französische Ansteckorden liegen «irgendwo in einer Schublade verlegt» erklärt der, der nie nahm, sondern nur gegeben hat.


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