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Nigeria: Ein Land auf Öl

Obwohl Nigeria dank seines Ölreichtums die größte Volkswirtschaft Afrikas ist, kommt bei den Armen wenig davon an.
von Klaus Engert

Am Morgen des 18.Juni 2014 zog eine gigantische schwarze Rauchsäule von der Lagune der Lagos vorgelagerten Insel Ilora in Richtung Victoria Island. Eine Flamme stach weit sichtbar in den Himmel. In der Nacht zuvor war eine Pipeline, die den offshore angelieferten Sprit über die Inseln aufs Festland befördert, in die Luft geflogen – nicht zum ersten Mal.

Der Saft des Reichtums…

Nigeria ist ein Paradebeispiel für eine kollektive Suchterkrankung, es hängt am Öl wie der Junkie an der Nadel. Und es ist gleichzeitig ein Paradebeispiel dafür, wie Öl ein Land ruinieren kann. Über 80% des Staatshaushalts und 88% der Exporteinnahmen stammen aus der Erdölförderung. Das Land ist reich und seit 2014 die größte Volkswirtschaft Afrikas, aber davon kommt bei der Masse der Bevölkerung nicht viel an. Der amtliche Mindestlohn (der aber selbst von staatlichen Institutionen gelegentlich unterlaufen wird) liegt bei 18000 Naira monatlich, das entspricht knapp 90 Euro. Davon kann man aber nicht leben, denn insbesondere in den Großstädten wie der 20-Millionen-Metropole Lagos ist das Leben nicht billig.

Im sogenannten «Inequality-adjusted Human Development Index» liegt Nigeria demzufolge auf Platz 153, noch hinter so bettelarmen Ländern wie Bangladesh oder dem Senegal. Die Arbeitslosigkeit liegt (offiziell) bei über 20%.

Der Reichtum kommt nur bei einer kleinen Minderheit an. An vorderster Stelle stehen dabei die wenigen reichen Familien, die sich nach der Privatisierung der Ölindustrie dieses Geschäft unter den Nagel gerissen haben. Die mit ihnen eng verbundenen Politiker, die je nach Bedarf zwischen den beiden großen Parteien hin und her wechseln, bedienen sich großzügig aus den Staatseinnahmen – Nigeria ist eines der korruptesten Länder der Welt (und hat die höchsten Parlamentariergehälter, ein Senator bekommt ca. 1 Million Dollar pro Jahr). Und natürlich verdienen auch die internationalen Ölfirmen, die die Förderung kontrollieren, kräftig an dem noch für mindestens fünfzig Jahre fließenden schwarzen Gold.

 …der Bewegung…

Dass letztere so gut verdienen, liegt nicht nur an der Ölförderung. Nigeria verfügt bisher nur über vier Raffinerien, von denen zwei in der Regel nicht richtig funktionieren. Deshalb muss der größte Teil der Treibstoffe, die für die fast ausschließlich automobile Verkehrsstruktur gebraucht werden, zu Weltmarktpreisen reimportiert werden – eine interessante Version des ungleichen Tausches. Daran verdienen wiederum die Ölkonzerne, aber auch die nigerianischen Spritunternehmen. Der Staat verwendet dann einen Teil seiner (Öl-)Einnahmen dafür, die Spritpreise auf ein für die Bevölkerung gerade noch erträgliches Maß herunterzusubventionieren.

Denn Sprit braucht man in Nigeria nicht nur zur Fortbewegung. Die Stromversorgung ist praktisch nie durchgehend gewährleistet, in vielen Gegenden nur für einige Stunden am Tag, wenn überhaupt, und so hat jeder, der es sich leisten kann, einen mehr oder weniger großen Kerosin- oder Dieselgenerator im Einsatz. Geht man über den Waterside-Markt in Lagos, dann steht dort vor fast jedem der winzigen Läden ein brummender (und stinkender) Generator, der den Strom für die fensterlosen Ladenlokale liefert. Aber auch die produzierenden Unternehmen stellen ihren Strom großenteils mit riesigen Dieselgeneratoren her, die ihre Abgase großzügig in die Luft blasen, von Filteranlagen ist keine Rede.

Aber den größten Teil des Sprits verbrauchen die Unmengen an Last- und Tankwagen und die klapprigen Sammeltaxis. Nigeria ist sozusagen der größte fahrende Autofriedhof Deutschlands. Alles was in Deutschland (und anderen westlichen Ländern, aber Deutschland ist der Hauptimporteur) nicht mehr auf die Straße gelassen wird, findet man hier. Nach Angaben des deutschen Geschäftsführers von Con-Truck Logistic GmbH, einer Spedition zur Verschiffung von Fahrzeugen und Nutzfahrzeugen aller Art nach Westafrika, ist Nigeria der größte Markt für Nutzfahrzeuge in Westafrika, mit stetig steigenden Zahlen. Gefragt seien technisch einfache – also alte – Modelle, der Kilometerstand sei egal, nur billig müssten sie sein. Zwar ist jetzt ein Gesetz in Kraft getreten, das besagt, dass Fahrzeuge, die älter als 15 Jahre sind, nicht mehr importiert werden dürfen, aber zu sehen ist davon nichts – die Umgehung von Gesetzen ist in Nigeria grundsätzlich nur eine Frage der Höhe des Bestechungsgeldes. Hinzukommt, dass die Tanklaster häufig Ex-Staatsbeamten und -Militärs gehören, die ihr zusammengerafftes Vermögen darin investieren und beste Beziehungen haben.

 …und des Todes

Der Pipelineunfall vom Juni schaffte es gerade einmal in die regionale Presse. Derartige Ereignisse kommen regelmäßig vor, und diesmal hielt sich der Schaden in gewissen Grenzen – es gab zwischen acht und zwanzig Tote, wobei die Angaben zwischen 0 (Polizei) und 20 (Anwohner) schwankten. Der größte Pipelineunfall ereignete sich 1998 im Nigerdelta mit 1200 Toten, in Lagos gab es in den Jahren 2000, 2004 und 2006 gleichartige Katastrophen – 2006 waren es zwei Explosionen, bei der größeren von beiden starben bis zu 500 Menschen. Genaueres ist meist nicht zu erfahren, weil Betreiber und Behörden die Zahlen in der Regel schönen.

Verursacher der Unfälle sind fast immer Treibstoffdiebe, die nachts die Pipelines mit Bohrern anzapfen. Dann genügt ein Funke und es kommt zu Explosion und Brand. Da die Bewohner der umliegenden Gegend sofort, sobald jemand die Leitung angezapft hat, mit Kanistern dorthin strömen, um von dem unverhofften Segen etwas abzubekommen, und überdies die Pipelines teilweise oberirdisch, teilweise unterirdisch durch Wohnviertel verlaufen, sind die Folgen jeweils verheerend.

Lagos leidet unter chronischem Verkehrsstau. Hauptursache sind die tausende von Tank- und sonstigen Lastwagen, die Waren und Treibstoffe aus dem Hafen befördern – über 60% der Importe werden über den Seehafen von Lagos ins Land gebracht. Da die einzige existierende Bahnlinie zum Hafen außer Betrieb ist, wird der gesamte Transport über die Straße abgewickelt, dabei versuchen die monströsen Trucks, meist uralte Mack, MAN oder Mercedes in desaströsem Zustand, auch schon mal, die stundenlangen Staus über kleine Nebenstraßen zu umgehen. Das geht nicht immer gut, im Januar fiel ein Kerosintanker in dem dicht besiedelten Stadtteil Ajegunle um und explodierte, ein halber Straßenzug mit Verkaufsständen und ein Bankgebäude brannten komplett aus, offiziell wurden acht Tote vermeldet, aber das dürfte ebenfalls geschönt sein.

In der Hafengegend ist der Boden mit Öl und Benzin buchstäblich getränkt – um überhaupt noch sauberes Wasser fördern zu können, muss man schon teilweise über hundert Meter tief bohren.

Schlimmer noch sieht es in den (ehemaligen) Ölfördergebieten aus. Zwar hat Shell wegen des Widerstandes der lokalen Bevölkerung die Förderung im Nigerdelta seit langem eingestellt und pumpt nur noch offshore, aber der Streit über die Beseitigung der Folgeschäden hält immer noch an. Weite Teile des Deltas sind komplett zerstört und biologisch tot, aus den ehemaligen Anlagen und den maroden Pipelines läuft permanent Öl, und auch hier versuchen die bettelarmen, durch die Zerstörung des Deltas ihrer einstigen Lebensgrundlagen beraubten Einheimischen, aus der Situation das (für sie) beste zu machen: Sie zapfen die alten Leitungen und die Pipelines an und betreiben illegale Kleinraffinerien. Das Öl wird im Freien über Feuer erhitzt und auf diese Weise grob in Diesel, Benzin und Kerosin getrennt. Das wird dann fassweise verkauft. Die lokale Polizei schaut gegen einen Anteil am Fasspreis hartnäckig weg, sodass die Regierung wegen des Umfangs, den der Öl- und Spritdiebstahl inzwischen angenommen hat, eine spezielle Task Force gegründet hat. Für das Jahr 2013 gab die nigerianische Regierung den Verlust durch Öldiebstahl und daraus resultierende Förderausfälle bzw. Lecks landesweit mit mehr als 300000 Barrel an – pro Tag wohlgemerkt.

Aber auch das muss relativiert werden. Shell behauptet, dass die Verluste und die Verschmutzung fast ausschließlich auf Öldiebe zurückzuführen seien, die in den Pipelines Lecks hinterlassen würden. Tatsache ist aber, dass ein Teil der Anlagen schlicht marode, resp. nicht auf dem neuesten technischen Stand ist, und deshalb immer wieder Rohrbrüche auftreten. In einem Fall hat Shell nachgewiesenermaßen einen technischen Defekt als «Vandalismus» deklariert.

Hinzukommt, dass in Ermangelung ausreichender Verflüssigungsanlagen das bei der Ölförderung anfallende Gas zum größten Teil einfach an Ort und Stelle abgefackelt wird – auch das mit entsprechenden Folgen für die Umwelt und die lokale Bevölkerung: Im Nigerdelta ist die Lebenserwartung mit Abstand am niedrigsten.

Keine Besserung in Sicht

Da die in Zeiten der britischen Kolonialmacht herangezogene, jetzt die politische und wirtschaftliche Szene beherrschende kleine superreiche Oberschicht von dem derzeitigen, ausschließlich ölbasierten ökonomischen System hervorragend lebt, ist eine wirkliche Änderung nicht in Sicht.

Statt einer Abkehr von der Ölbasierung wird in neue Ölkraftwerke und in eine «Gas-City» in Yenagoa investiert; statt in den Umbau der Verkehrsinfrastruktur hin zu Massentransportmitteln wird der größte Teil des Verkehrsetats in den Fernstraßenbau gesteckt.

Und das Agrarland, das früher noch eine Selbstversorgung gewährleistete (bis zur Unabhängigkeit war Nigeria von Nahrungsmittelimporten unabhängig, jetzt muss es etwa 60% importieren), wird zunehmend von exportorientierter Plantagenwirtschaft dominiert bzw. an ausländische Landspekulanten verhökert.

Wenn keine radikale Änderung eintritt, wird, wenn einmal das Öl versiegt, ein Land übrigbleiben, in dem die Subsistenzbedingungen zerstört, weite Teile des fruchtbaren Südens verwüstet und durch die Folgen der ebenfalls mit dem Ölboom zusammenhängenden Landflucht die sozialen Zusammenhänge völlig desintegriert sind.

Nur das Öl, das wird es dann nicht mehr geben…

Der Autor lebt und arbeitet derzeit in Lagos.


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