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Von Berggruen zu Benko

Schlechte Perspektiven für Karstadt-Beschäftigte

von Helmut Born

Ende August wurde Gewissheit, was seit Monaten die Spatzen von den Dächern pfiffen. Der Finanzinvestor und Freund des ehemaligen Bundeskanzlers Gerhard Schröder, Nicolas Berggruen, gibt den Stab bei Karstadt an den österreichischen Immobilien- und Finanzspekulanten René Benko weiter.

Nachdem Benko mit seiner Gruppe Signa schon 2014 die Mehrheit an den Karstadt Sport- und Premiumhäusern übernommen hatte, hat er jetzt auch noch für den symbolischen Preis von 1 Euro die 83 Karstadt-Warenhäuser und den 24,9%-Anteil von Berggruen an den Sport- und Premiumhäusern übernommen. Auch die Namensrechte an Karstadt sollen an Benko übergegangen sein.

Damit sind jetzt alle Karstadt-Geschäfte wieder in einer Hand. Berggruen hatte die Karstadt-Gruppe ja in die oben genannten Vertriebslinien aufgegliedert. Die profitablen Teile hatte er für 300 Millionen Euro an Benko veräussert und die Verlustbringer, die 83 Karstadt Warenhäuser, erst einmal behalten. Es gab mehrere Versuche, mit neuen Konzepten die Warenhäuser attraktiver zu gestalten. Andrew Jennings, bis Ende 2013 Vorsitzender der Geschäftsführung von Karstadt, hatte sich mit einem hochpreisigen und exklusiven Sortiment von der Konkurrenz abheben wollen. Das ist gründlich in die Hose gegangen. Die Kundschaft reagierte äußerst reserviert und mied die Karstadt-Häuser zunehmend.

Hohe Verluste wurden eingefahren und Jennings musste seinen Hut nehmen. Die ehemalige Ikea-Managerin Sjoestedt übernahm das Ruder. Berggruen hatte sie wohl für den Job gewonnen, indem er ihr Investitionen versprach. Als sie jedoch merkte, dass dafür kein Geld zu erwarten war, warf sie nach nur vier Monaten die Brocken hin.

Die seit mehren Jahren vor allem auf den Wirtschaftsseiten der Zeitungen geführte Debatte um einen Zusammenschluss von Karstadt mit dem Konkurrenten Kaufhof mag eine andere Option für Berggruen gewesen sein. Nachdem aber der Eigentümer von Kaufhof, die Düsseldorfer Metro Group, von ihren Verkaufsabsichten abgerückt ist, hat sich diese Option erledigt.

Es ist Platz für zwei – und mehr

Das Hauptaugenmerk von Finanzinvestoren wie Berggruen liegt darauf, mit Investitionen möglichst viel Profit zu machen. Da hat er sich mit den 83 Kaufhäusern eine schwere Hypothek ans Bein gebunden. Berggruen kassierte zwar jedes Jahr etwa 10 Millionen Euro für die Namensrechte und mag auch an den Mieteinnahmen beteiligt gewesen sein.

Außerdem ist nach wie vor unklar, was mit den 300 Millionen Euro, die er für den Verkauf der Mehrheit an den Sport- und Premiumhäusern kassiert hat, passiert ist. In der Öffentlichkeit wurde berichtet, sie hätten in die Karstadt-Häuser investiert werden sollen. Da dies offensichtlich nicht passiert ist, wird Berggruen sie wohl eingesackt haben, womit sich das Karstadt-Engagement für ihn mehr als gelohnt haben dürfte. Um die Karstadt-Häuser wieder profitabel zu machen, hätte er kräftig in ihre Modernisierung mit einem für die Kunden attraktiven Konzept investieren müssen. Dafür wollte er aber offensichtlich keine Gelder zur Verfügung stellen.

Nun wird, losgetreten vom Handelsblatt, wieder die Debatte um eine Deutsche Warenhaus AG, also den Zusammenschluss von Kaufhof und Karstadt, geführt. Offensichtlich können sich die Wirtschaftsjournalisten kaum vorstellen, dass in der Bundesrepublik durchaus zwei Warenhauskonzerne bestehen können. Auch aus dem wissenschaftlichen Bereich werden solche Thesen häufig vertreten.

Schaut man sich aber die Einzelhandelslandschaft etwas genauer an, sieht die Welt ein wenig anders aus. Es gibt nicht nur diese beiden Warenhauskonzerne mit einem breiten Sortiment, es gibt auch noch P&C, C&A, Breuninger und viele regionale Warenhäuser mit oftmals nur einer Filiale. Offensichtlich verstehen es diese Unternehmen, sich mit einem oft sehr hochpreisigen Sortiment im Markt zu behaupten. Sicher kommt der Einzelhandel durch den Handel im Internet in Bedrängnis. Aber das gilt nicht nur für die Warenhäuser, sondern viel mehr noch für den Vertrieb von Technik und Büchern. Dass es aber auch auf diesem Feld sehr wohl möglich ist, sich zu behaupten, beweist gerade der Kaufhof mit seinem Internetportal Galeria.de, das sehr hohe Wachstumsraten zu verzeichnen hat und momentan dabei ist, die beiden Vertriebslinien, den stationären und den elektronischen Handel, miteinander zu verzahnen.

 Nur die Immobilie zählt

Was wird Benko nun mit den 83 Karstadt-Warenhäusern machen? Den Investitionsstau gibt es nach wie vor. Öffentlich ist die Rede von einer Milliarde Euro, die investiert werden müssten. Diese Summe ist viel zu hoch gegriffen. Unstrittig bleibt, dass erhebliche Mittel aufgebracht werden müssen, um die Häuser zu modernisieren.

Genauso wichtig wie die Modernisierung der Häuser ist jedoch ein attraktives Konzept. Nachdem Benko jetzt praktisch die ganze alte Führungsschicht losgeworden ist, muss er mit neuen Leuten versuchen, ein solches zu entwickeln. Ob er aber, wie in der Öffentlichkeit häufig behauptet, bis zu 30 der 83 Häuser dicht macht, bleibt abzuwarten. Häuser zu schließen kann teurer werden, als sie zu sanieren. Da Benko auch im Besitz mehrerer Karstadt-Immobilien ist, wird er ein Interesse daran haben, seinen Profit über die Vermietung von Flächen zu steigern. Ob er seinen Schnitt mit der Vermietung der Karstadt-Häuser macht oder ob er aus den Immobilien Einkaufscenter macht, dürfte ihm dabei ziemlich egal sein. Deswegen ist eher damit zu rechnen, dass die Zahl der Schließungen in einem überschaubaren Rahmen bleibt.

Interessant in diesem Zusammenhang ist die im Vorfeld der Aufsichtsratssitzung vom 11.September von Benko genannte Gründung der KaDeWe Group (Kaufhaus des Westens), in der die drei sogenannten Premium-Häuser KaDeWe (Berlin), Oberpollinger (München) und Alsterhaus (Hamburg) aufgehen sollen. Mit dem Namen KaDeWe soll offensichtlich eine Neupositionierung dieser und weiterer Häuser durchgeführt werden.

Es ginge auch anders

Die Krise bei Karstadt ist nichts Neues. Vor fünf Jahren stand das Unternehmen praktisch auf der Kippe und Berggruen wurde, selbst von den Beschäftigten, geradezu als Retter gefeiert. Dass Karstadt als einziges Unternehmen der Karstadt-Quelle-Gruppe erhalten werden konnte, zeigt an, in welch schwieriger Lage der Konzern sich damals befand.

Die Beschäftigten von Karstadt verzichteten damals (und bis heute) durch den von Ver.di ausgehandelten Sanierungstarifvertrag auf 700 Millionen Euro. Berggruen trat zudem aus dem Arbeitgeberverband und damit aus der Tarifbindung aus – die Beschäftigten haben deshalb in den letzten beiden Jahren auch keine Lohnerhöhung bekommen. Mehrere Gespräche von Ver.di mit dem Vorstand führten zu keinem greifbaren Ergebnis.

Bei Karstadt zeigt sich einmal mehr, dass Lohnverzicht nichts bringt, vor allem keinen Schutz vor dem Verlust des Arbeitsplatzes. Den Beschäftigten, ihren Betriebsräten und der Gewerkschaft ist nur zu empfehlen, über die bisherige Politik einmal kritisch nachzudenken. Die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes oder der Pleite des Unternehmens hat bei Karstadt zu einer weitgehenden Lähmung geführt. Offensichtlich hofften die Beschäftigten und ihre Gewerkschaft durch eine weitgehende Anpassung die Arbeitsplätze erhalten zu können. Dabei sind bisher tausende von Arbeitsplätzen vernichtet worden.

Empfehlenswert wäre, doch einmal darüber nachzudenken, ob bei drohender Schließung einer Filiale diese nicht in Eigenregie weiter betrieben werden könnte. Vielleicht wäre auch zu überlegen, ob nicht die Beschäftigten ein Konzept für Karstadt entwickeln sollten, das einem Konzept, das nur der Steigerung des Profits dient, entgegenzusetzen wäre. Vor allem aber muss jetzt mal Schluss sein mit Sanierungstarifverträgen, Lohnverzicht und dem Verlust von Arbeitsplätzen. Das geht nur, indem die bisherige Verzichtspolitik aufgegeben wird. Es braucht eine Umkehr zu einer kämpferischen Gewerkschaftspolitik.


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