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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Der Poststreik

Vom Aufbruch zur Niederlage
Violetta Kühn in Gesprächen

Vielfach wird nicht nur das Ergebnis des Poststreiks kritisiert, sondern auch die geringe Einbeziehung der Ver.di-Mitglieder in die Durchführung und Strategiebildung. Für alle, die den Streik selbst nicht hautnah miterleben konnten, soll folgendes Beispiel zeigen, wie es empfunden wird, wenn sich Kolleginnen und Kollegen in ihrem Streiklokal dafür entscheiden aktiv zu werden, eine Dynamik von unten in Gang kommt, und diese dann gebremst wird. Violetta Kuhn hat den Streik vor allem in den letzten beiden Wochen solidarisch begleitet und dabei Gespräche mit Kollegen geführt.

Phase 1: Streikverwaltung
Innerhalb kürzester Zeit kündigt die Post an, ganze Bereiche auszulagern, und den Beschäftigten wird klar, das könnte unsere Zukunft sein. Ver.di beruft Verhandlungen ein, erste Warnstreiks – ohne Ergebnis. Es wird klar, von allein wird der Postvorstand nicht nachgeben. So beginnt der unbefristete Streik. Das ist für viele Beschäftigten eine ganz neue Erfahrung. Die ersten beiden Wochen sind daher von Eindrücken geprägt, und man wartet, was da kommen mag. Doch es wächst auch die Befürchtung, dass sich von allein nichts bewegt. «Organisatorisch war alles top, was die Vorbereitung betrifft, das Streiklokal, die Streikerfassung, das Essen, Kundgebungen in der Innenstadt. Aber was die Auseinandersetzung betrifft, auch die inhaltliche, da wird irgendwie still gehalten. Das ist eher Streikverwaltung», beschreibt ein Kollege die ersten beiden Wochen. In der dritten Woche steigt daher langsam der Unmut, und die Moral beginnt bei manchen zu sinken.

Phase 2: Vom Aufbruch zum Streik im Streik
Deshalb übernehmen in der vierten Woche Kolleginnen und Kollegen aktiv den Streik. Erst beginnt alles ganz normal. Es ist Montag. Die Leute tragen sich in die Streikliste ein, nehmen ihr Frühstücksbrötchen und der Sekretär hält eine Rede mit dem Ziel, die Moral hoch zu halten: «Ich bin stolz auf euch!» Da ergreift eine Frau das Wort, bei der sich Frust angestaut hat. Sie ist anerkannt unter den Kollegen, fühlt sich durch ihre lange Betriebszugehörigkeit verbunden mit der Post.
Und gerade aus dieser Identifizierung entspringt Empörung. Sie ergreift das Wort und redet Tacheles, dass man einen Kampf so nicht gewinnen kann, dass man ihm mehr Nachdruck verleihen muss, der Öffentlichkeit zeigen muss, dass man es ernst meint mit der Forderung, die historische Umstrukturierung der Post aufzuhalten. Und da bricht der Damm. Die Diskussion beginnt, viele gehen ans Mikro, bringen Ideen und man beginnt sich zu organisieren. Wie wollen wir die Woche gestalten? Welche Arbeitsgruppen brauchen wir? Welche Aktionsformen? Wie erreichen wir die Öffentlichkeit oder gar noch schwächer aufgestellte Standorte?
Die Woche ist schnell gemeinsam geplant. Der Sekretär versucht einzulenken. Man müsse doch bedenken, dass… Das sei nicht so einfach, weil… Er ist überrumpelt. Die ganze Zeit hat er doch aktiv den Streik begleitet, ist anerkannt für sein Engagement, Transparente und Aktionen mit anderen Streikbetrieben zu organisieren. Aber nun entwickelt sich eine Dynamik, bei der ihm die Kontrolle zu entgleiten droht. Und wenn etwas schief geht, ist er derjenige, der es vor der nächsthöheren Ebene rechtfertigen muss.
Die Kollegen geben nicht nach und machen die Aktion am nächsten Tag einfach selbst vor einem Poststandort. Die Nachricht hat sich über Whatsapp schnell verbreitet. Über hundert Beschäftigte beteiligen sich daran und sind ermutigt, dass sie aktiv streiken, dass es ihr Streik ist. Hochgefühle bei den Teilnehmenden. Es geht! Wir können den Streik ausweiten, die Moral halten, wir ziehen das durch.
Am nächsten Tag soll es weitergehen. Morgens um fünf stehen die Kollegen bereit für einen größeren aktiven Streikposten. Doch dann heißt es plötzlich von Ver.di: Ihr müsst direkt ins Streiklokal fahren, wir können das so nicht machen. Enttäuschung bei den einen, Verwirrung bei den anderen. Darauf, dass das einfach abgeblasen wird, ist man nicht vorbereitet, man hatte keinen Plan B mit Telefonketten, eigenen Ansprechpartnern, Kontaktlisten der Kollegen… Die Wut wendet sich nun nicht nur gegen die Post, sondern auch gegen Ver.di. Das Gefühl: «Ich befinde mich im Streik im Streik».

Phase 3: Niederlage und wieder Aufbruch?
Mit den Nachrichten ab Sonntagabend wird die Befürchtung, dass es zu Ende ist, zur Gewissheit. Dass die ganze Energie, die man in den letzten Wochen aufgewendet hat, die tausend Gespräche, die man geführt hat, um Schwankende, Streikbrecher, genervte Kunden von der eigenen Sache zu überzeugen, umsonst war. Ja, es gibt kleinere Gewinne, vor allem für die Kernbelegschaft. Aber das Ziel wurde nicht erreicht, und das Ohnmachtsgefühl ist erstmal viel größer. Nun wird jeder vereinzelt in seinen Standort gehen und dort erklären müssen, dass es die ganze Repression, die dort zu erwarten ist, wert war. Da helfen auch nicht die Reden der Ver.di-Vertreter am Montag auf der letzten Streikversammlung.
Für einige Beschäftigte aber steht fest: Man wird sich wieder treffen, sauber auswerten, und überlegen, wie man als nächstes vorgeht. Denn auf die Gewerkschaftsführung kann man sich nicht verlassen. Diese Erfahrung hat man gemacht und muss nun darum kämpfen, dass sie nicht in Resignation, sondern in Organisierung von unten umschlägt. Beteiligung heißt eben, selber das Ruder in die Hand zu nehmen und eine demokratische Gewerkschaft einzufordern. Die Überzeugung, dass das geht, hat – trotz allem – der unbefristete Streik ermöglicht.


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