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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 07/2017 |

Ulrich Brand, Markus Wissen: Imperiale Lebensweise. Zur Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus.

München: Oekom, 2017. 224 S., 14,95 Euro
von Rolf Euler

Die Autoren greifen ein unter politisch Interessierten hinlänglich bekanntes, aber gesellschaftlich «gern» verdrängtes Thema auf, dessen Bedeutung für die zukünftige Entwicklung der Welt nicht unterschätzt werden kann: die Hegemonie des westlichen Kapitalismus nicht nur als ökonomische Tatsache, sondern auch als gesellschaftliche Belastung, insofern die schädlichen Folgen der Profitwirtschaft das tägliche Leben in immer größerem Umfang durchdringen. Dabei legen Brand und Wissen den Finger in viele Wunden. Sie sprechen ausdrücklich nicht (nur) von der Produktionsweise, die weltweit Schäden verursacht, sondern ebenso von der Lebensweise, die sich daraus ergibt, und die, ausgehend von den USA und Europa, inzwischen in vielen anderen Ländern als nachahmenswertes, anzustrebendes Ziel gilt.

Das Buch schildert, wie das krisenhafte, aber weiterhin ungebremste Wachstum der kapitalistischen Wirtschaft die soziale und die natürliche Umwelt verändert. Seit 40 Jahren und mehr gibt es dazu Analysen und Prognosen, wissenschaftliche Studien ohne Ende, die die Bedrohung der Natur und der Gesellschaft aufzeigen, ohne dass sie ernsthaft politische Folgen hätten.

Der sich selber regulierende Markt, dem die Demokratie angepasst werden soll, wird weiterhin die natürlichen Ressourcen als Gratisproduktivkraft nutzen, die Senken mit Müll und Überresten füllen, ohne dass aus den Profiten dafür bezahlt wird. Im Gegenteil, es werden staatliche Haushalte dafür herangezogen, und die Bevölkerungen bezahlen mit dem Verlust ihrer Umwelt, Heimat, Arbeit oder gar ihres Lebens.

Das Buch spannt den Bogen zur mehrheitlichen Lebensweise der Bevölkerung in den entwickelten Ländern, die von der Warenwelt profitieren, Leben und Freizeit zu günstigen Preisen gestalten können, sich aber auch vielfach innerlich von dem Wachstums- und Warenangebot bestimmen lassen. «Im Alltag mit seinen Selbstverständlichkeiten und Routinen … der Nutzung des Automobils, dem Traum vom eigenen Haus, dem Kauf von günstigen Unterhaltungs- und Kommunikationstechnologien» steckt der oft unbewusste Teil der «imperialen Lebensweise», angeheizt durch die Werbung.

Schon erreichte Energieeffizienz oder Ressourceneinsparungen werden überkompensiert durch das Wachstum der Menge an verbrauchtem Boden, Bodenschätzen, Materialien und menschlicher Arbeit zu prekären Bedingungen. Trotz zunehmenden Krisen- und Umweltbewusstseins werden Meeresverschmutzung und Klimawandel in Kauf genommen, wird weder die Zahl der Flugreisen, noch der Kreuzfahrten, noch der Privatkraftfahrzeuge eingeschränkt.

«Der Begriff der imperialen Lebensweise verbindet den Alltag der Menschen mit den gesellschaftlichen Strukturen. Er beansprucht, die sozialen und ökologischen Voraussetzungen der vorherrschenden Produktions- und Konsumnormen sowie die Herrschaftsverhältnisse, die in diese Voraussetzungen eingelassen sind, sichtbar zu machen.» Diesem Anspruch wird das Buch gerecht, indem die Autoren sowohl die theoretischen Zusammenhänge erläutern als auch aufzeigen, wie Herrschaft verschleiert wird, sodass das Nord-Süd-Verhältnis, die Klassen- und Geschlechterverhältnisse oder rassistische Trennungen hinter der täglichen Erfahrung «verschwinden» oder zumindest als nicht änderbar hingenommen werden. «Daran kann der einzelne ja doch nichts machen», ist ein oft gehörter Spruch.

Dem setzen Brand und Wissen nicht nur die kritische Aufdeckung von Zusammenhängen entgegen. Sie schreiben, «der zentrale Ansatzpunkt von Veränderungen [liegt] auch nicht darin, ‹selbst Verantwortung zu übernehmen› und eine persönliche Entscheidung ‹zwischen moralischem und unmoralischem Verhalten› zu treffen, sondern primär [darin,] auf die gesellschaftlichen Strukturen und Ungleichheitsmuster zu verweisen, welche die imperiale Lebensweise reproduzieren». Wie andere Autoren auch (siehe z.B. Ulrich Grobers Buch Der leise Atem der Zukunft, SoZ 12/2016) verweisen sie auf Beispiele solidarischer Lebensweise, die sich heute entwickeln. Und es heißt programmatisch:

«Daher halten wir politisch und analytisch daran fest, dass es angesichts zunehmender Verwerfungen und brutaler werdenden Externalisierungen dringend echter Alternativen hin zu einer solidarischen, gerechten, sozialökologischen, friedlichen und demokratischen Lebensweise bedarf.»

Ein umfassender Quellen- und Literaturteil kann von interessierten Lesenden als Schulungs- und Diskussionsmaterial genutzt werden, sicher stehen die Autoren auch als Referenten zur Verfügung.


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