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Ein Schritt in die richtige Richtung?

Der Tarifabschluss der IG Metall verfestigt die geschlechtsspezifische Arbeitsteilung
von Gisela Notz*

Freilich ist es ein großes Verdienst, dass die IG Metall nach über 30 Jahren die Diskussion um Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit wieder aufgenommen hat. Dafür – nicht nur für die Erhöhung der Löhne – sind «die MetallerInnen» massenhaft in den 24-Stunden-Warnstreik gegangen.

Vor allem Schichtarbeiter und Menschen mit «Familienpflichten» sollten entlastet werden. «Die Beschäftigten wollen selbstbestimmte Arbeitszeiten, die zu ihrem Leben passen, und wir wollen einen Anspruch darauf durchsetzen», sagte IG-Metall-Chef Jörg Hofmann.

Das gefiel auch Andrea Nahles, bis vor kurzen Arbeitsministerin. Sie verwies darauf, dass in vielen Familien heute beide Partner arbeiten und immer mehr Menschen sich wünschen, dass sie ihre Arbeitszeit «selbstbestimmt flexibler gestalten können». Die Wirtschaft müsse den Arbeitnehmern entgegenkommen, wenn sie den Fachkräftemangel wirksam bekämpfen wolle. Die SPD hatte im Wahlkampf dafür geworben, dass Berufstätige, die wegen ihrer Kinder oder wegen der Pflege von Angehörigen im Job kürzertreten wollen, eine finanzielle Unterstützung vom Staat bekommen sollten, die zumindest einen Teil des Lohnausfalls ausgleicht. Auf dem Sozialflügel der CDU fand das Ansinnen der IG Metall, flexible Arbeitszeitmodelle zu etablieren, ebenfalls Zustimmung: «Denn klar ist doch auch, viele Berufstätige brauchen in bestimmten Lebensumständen mehr Zeit, beispielsweise für die eigenen Kinder oder für die Pflege der eigenen Eltern», sagte CDA-Chef Karl-Josef Laumann. Es sei gut, wenn nicht der Staat diese Regeln setzen müsse, sondern die Sozialpartner selbst zu tragfähigen Lösungen kämen.

Mit allgemeiner Verkürzung der Erwerbsarbeitszeit hat das nichts zu tun. Es geht um den «demografischen Wandel», den Pflegenotstand und die Kinderwunschpolitik. Von «Arbeitszeitverkürzung» sprachen auch im Vorfeld der Tarifverhandlungen bald nur noch die Politik-, Sozial-, Wirtschaftswissenschaftler, Theologen und Künstler, die die Forderungen der IGM wichtig fanden und mit einer Petition unterstützten. Die IG Metall ist vom Ziel der allgemeinen Arbeitszeitverkürzung im Bereich der Vollerwerbsarbeit abgerückt.

 

Wunsch und Wirklichkeit

Dem Argument, dass nur noch wenige Menschen erwerbslos sind, und eine Umverteilung der Erwerbsarbeitszeit nicht zeitgemäß sei, muss entgegengehalten werden, dass erstens die Erwerbslosigkeit in Deutschland noch immer zu hoch ist, selbst wenn sie heute niedriger ist als in anderen Ländern. Zweitens sind die Geflüchteten noch nicht integriert, drittens versteckt sich Erwerbslosigkeit in Minijobs, befristeter und unregelmäßiger Beschäftigung, ungewollter Teilzeitarbeit, Frühverrentung usw. Viertens werden durch die Digitalisierung (Industrie 4.0) erneut Erwerbsarbeitsplätze eingespart werden.

70 Prozent der geringfügig Beschäftigten sind noch immer Frauen und (nicht nur) sie würden gerne längere Zeiten in der Erwerbsarbeit verbringen, das zeigen viele Untersuchungen. Unter anderem kommt eine Auswertung von Erwerbsarbeitszeitwünschen des Statistischen Bundesamts zu dem Ergebnis, dass rund 1,2 Millionen Vollzeitbeschäftigte und 1,4 Millionen Teilzeitbeschäftigte in Deutschland gerne mehr arbeiten würden, als sie es derzeit tun. Dagegen gibt es nur gut eine Million Vollzeitbeschäftigte, die gerne ihre Arbeitszeit verringern würde. Zwar beziehen sich die Zahlen auf die Gesamtwirtschaft. Das Ergebnis, dass auch eine Lockerung der tariflichen Arbeitszeit «nach oben» unter Arbeitnehmern Zuspruch finden würde, bestätigt auch die IGM: Die Obergrenze von 40 Stunden wird schon heute in vielen Betrieben überschritten.

 

Männer arbeiten länger, Frauen kürzer?

«Mit dem Tarifergebnis haben wir weitreichend die Ziele erreicht, die wir uns gesteckt hatten. Es bringt den Beschäftigten ein dickes Plus im Geldbeutel, mehr Selbstbestimmung bei der Arbeitszeit und die Arbeitgeber leisten einen Beitrag für Gesundheit und Vereinbarkeit», so der Vorsitzende der IG Metall.

Die Arbeitgeberseite brüstet sich damit, auf die Bedürfnisse der Beschäftigten eingegangen zu sein, so deren Verhandlungsführer Stefan Wolf. Dies helfe den Beschäftigten, «berufliche und private Lasten gleichermaßen zu schultern». So stellen sich die Unternehmer der sozialpolitischen Herausforderung nach Vereinbarkeit von Familie und Beruf und brauchen sich nicht von der Politik Gesetze vorschreiben zu lassen. Auch der Verhandlungsführer der IG Metall, Roman Zitzelsberger, zeigte sich zufrieden. Es sei gelungen, «gegen den Widerstand der Arbeitgeber Verbesserungen für Beschäftigte mit Kindern, zu pflegenden Angehörigen und in restriktiven Arbeitszeitmodellen wie Schichtarbeit zu erreichen».

Dass die Betriebe nach dem Tarifabschluss bei Bedarf für deutlich mehr Beschäftigte als heute die Arbeitszeit verlängern dürfen, d.h. verstärkt 40-Stunden-Verträge abschließen können, wird kaum erwähnt. Die Gefahr, dass Familienväter länger arbeiten und Mütter und pflegende Töchter die Erwerbsarbeitszeitverkürzung in Anspruch nehmen, kann nicht übersehen werden. An der geschlechtsspezifischen Verteilung der Arbeitszeit in Produktion und Reproduktion wird sich kaum etwas ändern, dazu braucht es anderer Modelle. Vor allem braucht es eine allgemeine Verkürzung der Vollzeiterwerbsarbeit und eine egalitäre Verteilung der unbezahlten Arbeiten auf alle Geschlechter, nicht nur individuell, sondern auch kollektiv. Ohne eine Veränderung des traditionellen Familienbilds wird es nicht gehen.

 

* Gisela Notz lebt und arbeitet in Berlin. Zuletzt erschien von ihr: 50 Jahre 1968. Warum flog die Tomate?, völlig überarb. Neuaufl., Neu-Ulm: AG SPAK, 2018.


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