Zu den Debattenbeiträgen von Renate Hürtgen und Erhard Weinholz
von Wolfgang Pomrehn
Der Beitrag von Angela Klein und mir in der Dezember-SoZ über den Kampf ums Erinnern hat zu einigen, teils erbosten Reaktionen geführt. Renate Hürtgen stieß sich zum Beispiel – ihren Leserbrief hatten wir in der Februar-Ausgabe abgedruckt – daran, dass wir die DDR als »Alternative zur Bundesrepublik« bezeichnet haben.
Konkret hatten wir geschrieben: »Jede Erinnerung an die letzten 41 Jahre DDR musste ausradiert werden, denn sie ist zugleich eine Erinnerung daran, dass es einmal eine – aus unserer Sicht höchst unperfekte – reale Alternative zur Bundesrepublik gab, einen Versuch, eine nichtkapitalistische Gesellschaft zu schaffen.«
Das war keinesfalls als ein Schönreden der DDR-Verhältnisse gemeint, sondern der Hinweis auf die Rolle, die der Staat für die Politik in Westdeutschland gespielt hatte.
Westberlin wurde zum Beispiel mit Subventionen vollgepumpt, um seine Attraktivität zu steigern. Von westdeutschen Gewerkschafterinnen und Gewerkschaftern konnte man später oft den Satz hören, die DDR habe bei Tarifverhandlungen immer mit am Verhandlungstisch gesessen. Sollte heißen: Ihre bloße Existenz hatte die Verhandlungsmacht der Gewerkschaften erhöht, und zwar, weil sie allgemein – ob geliebt oder verfemt – als Alternative wahrgenommen wurde und als Maßstab für den Lebensstandard galten.
Wer die SoZ, Angela und mich kennt, sollte eigentlich wissen, dass wir nie in der DDR ein nachahmenswertes Vorbild sahen. Wir kommen aus zwei sehr unterschiedlichen Organisationen, die sich aber immer darin einig waren, dass die DDR zutiefst undemokratisch war und einer politischen Revolution bedurft hatte, auch wenn wir zum Beispiel in der Bodenreform oder der Enteignung der großen Kapitalien einen wichtigen Fortschritt sahen.
1989 gab es diese Revolution dann schließlich. Für einen kleinen Augenblick sah es so aus, als hätte sich ein Fenster der Möglichkeiten geöffnet, als am 4.November 1989 auf dem Berliner Alexanderplatz bis zu 500.000 Menschen für eine andere DDR demonstrierten – für Meinungsfreiheit und freie Wahlen, aber keinesfalls für den Anschluss an die BRD.
Es kam anders. Rasche Währungsunion, Fall der Zollgrenze, erdrückende ökonomische Übermacht des Westens und eine zerrüttete Ostökonomie sowie die massive Einmischung der seinerzeitigen schwarz-gelben Bundesregierung in den beginnenden letzten Wahlkampf der DDR sorgten dafür, dass der Versuch, die nichtkapitalistische DDR endlich radikal zu demokratisieren, frühzeitig scheiterte. Der Verfassungsentwurf des Runden Tischs landete in der Tonne.
Die Erinnerung daran wird nicht unterdrückt, wie Erhard Weinholz unsere Analyse offensichtlich missverstanden hat. Es findet einfach kein offizielles Erinnern statt. Die Erinnerung an die linke Opposition in der DDR, an die Bodenreform, an die Enteignung der Kriegsverbrecher und so weiter ist kein Bestandteil des offiziellen Erinnerungskanons, weder des regierungsamtlichen noch jenes der Mainstreammedien.
Natürlich kann man in die Archive gehen, so wie man sich dort und in alten Zeitungen auch Informationen über den seit Jahrzehnten grassierenden rassistischen Terror zusammensuchen kann.
Doch all das und manches von uns Erwähnte mehr, wird aus dem kollektiven Gedächtnis gesäubert, in dem es kein öffentliches, kein gemeinsames Erinnern gibt. Ob das nun bewusste Akte der Mächtigen sind oder eher intuitiv ablaufende Prozesse von Herrschaftsregeneration und Anpassung in Medien und Staatsapparat, sei dahin gestellt. Das ist eine gänzlich andere Frage.
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