Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Leserbrief 1. März 2026

Betr.: Angela Klein, Wolfgang Pomrehn, ›Der Kampf ums Erinnern‹, SoZ 12/25
von Erhard Weinholz

Es heißt immer: Die Sieger, die Herrschenden also, schreiben die Geschichte. Aber die Unterlegenen tun es auch, sofern sie die Möglichkeit haben. Früher, zu DDR-Zeiten, erwies sich das allerdings als ausgesprochen schwierig. Denn die damals Herrschenden hatten das öffentliche Erinnern sehr weitgehend für sich in Beschlag genommen und in ihrem Sinne genutzt. Dennoch haben sich schon damals oppositionelle Kräfte um Aneignung der eigenen Geschichte bemüht, doch richteten sich diese Bemühungen meines Wissens – aus verständlichen Gründen – eher auf die SU-Geschichte als die der DDR.

So wie damals läßt sich öffentliches Erinnern heute nicht mehr monopolisieren, die nunmehr Herrschenden – ein Personenkreis, der im übrigen schwer einzugrenzen ist – haben nicht zuletzt deshalb auch nie den Versuch unternommen, die Erinnerung an die DDR auszulöschen. Mit Problemen hatte und hat ihre Geschichtspolitik dennoch zu kämpfen. Und zwar vor allem im Osten, fast nur im Osten.
Das verwundert zunächst: Der allergrößte Teil des Volkes hat schon bald nach dem Sieg im Herbst 1989 auf das, was es nie wirklich besessen hat, nun aber hätte besitzen können, die dem Namen nach volkseigene Wirtschaft nämlich, zugunsten des Kapitals verzichtet. Und es hat letztlich, nach bürgerlichen Maßstäben jedenfalls, von diesem Verzicht erheblich profitiert. Die große Kröte, die es dafür schlucken mußte, war die Entwürdigung durch die neuen Eigentümer, die lange nachgewirkt hat.
Auch im Politischen dachten die Sieger der ersten Stunde im Osten zumeist wie die Herrschenden im Westen: Ein Ja zu Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, wenig Interesse an direkter Demokratie, an basisdemokratischen Regeln. Konflikte gab es allerdings um die Nutzung der Stasi-Akten, wobei sich nicht unbedingt Ost und West gegenüberstanden: Der spätere Bundespräsident Joachim Gauck machte sich damals in vielem die Auffassungen des BMI zu eigen und wurde mit dem Posten des Bundesbeauftragten für die Stasiunterlagen belohnt.
Insgesamt jedenfalls viel Übereinstimmung zwischen der großen Masse im Osten und den Herrschenden im Westen, dennoch wich das DDR-Bild beider Seiten erheblich voneinander ab. Denn ein beträchtlicher Teil der hier Lebenden hatte trotz aller Kritik an den Verhältnissen auch einigen Stolz auf die eigene Leistung entwickelt. Der aber wurde nach 1990 auf zweierlei Weise arg strapaziert, zum einen, wie schon erwähnt, am Arbeitsplatz, der oft genug bald verlorenging, zum anderen ideologisch durch die herrschende Erinnerungspolitik. Eine wichtige Rolle spielte dabei das Bonner Haus der Geschichte mit seinen massenwirksamen Ausstellungen im Leipziger Zeitgeschichtlichen Forum und in der Berliner Kulturbrauerei, die die DDR, etwas vereinfacht gesagt, als irdisches Jammertal darstellten. Vierzig verlorene Jahre hieß es damals immer wieder – es war jene Vorstellung, die im März 1990 auch unausgesprochen hinter der CDU-Wahlkampflosung »Nie wieder Sozialismus!« gestanden hatte.
Doch auch wenn der Satz von den verlorenen Jahren im Osten mehr als genug zu hören war, die allermeisten setzten ihre eigene Erzählung dagegen. Und in der sah die DDR wiederum erheblich besser aus als in Wirklichkeit. Das lag u.a. daran, daß viele bei solchem Erzählen vor allem von eigenen Erfahrungen ausgehen, jedoch nur wenige die am stärksten repressiven Zügen des Realsozialismus erlebt haben. Dennoch bleibt ein Widerspruch zwischen dem Handeln dieser Zeitzeugen im Herbst 1989 und ihrer heutigen Sicht. Eine Öffentlichkeit hatte sie im übrigen kaum, wurde meist am sprichwörtlich gewordenen Küchentisch verbreitet, bestimmte aber das DDR-Bild Jüngerer oft viel mehr als das in der Schule Gehörte. Erst spät, eher widerwillig, wie mir scheint, räumte man von offizieller Seite ein: Okay, okay, man konnte auch in der DDR fröhlich sein und singen, eine glückliche Kindheit erleben, man durfte dort sogar verreisen usw. usf.
Mit dem Wort von der DDR als Mangelwirtschaft scheint es der Herrschaftsseite jetzt aber gelungen zu sein, die Auffassung der breiten Masse im Osten, von der ein beträchtlicher Teil inzwischen die DDR gar nicht mehr aus bewußtem Erleben kennt, der offiziellen Sicht anzugleichen – man liest die Wendung allerorten. Sie knüpft an real Erlebtes an, kein Zweifel, dennoch vermittelt sie ein Zerrbild, das im Interesse der Herrschenden liegt: Mangelwirtschaft … da springt einem die Ärmlichkeit geradezu ins Gesicht. Tatsächlich aber wurde spätestens in den achtziger Jahren auch im Osten von den meisten konsumiert, daß es nur so krachte.
Doch auch wenn das Motto »Nie wieder Sozialismus!« die Erinnerungspolitik der Herrschenden bis heute bestimmt, hat ihr Interesse an Aufarbeitung auch manches ermöglicht. Zwar war »Die Akten gehören uns!« eine Ost-Losung, doch ohne die Finanzen des Westens hätte es die BStU, die Stasiunterlagenbehörde also, deren Dokumente erst vieles in der DDR Geschehene erklärlich machen, in der Form wohl kaum gegeben. Wichtig war hier auch die Schaffung des ZAPMO, des Zentralen Archivs der Parteien und Massenorganisationen (der DDR). So sind hierzulande durchaus Voraussetzungen gegeben, sich auch von oppositionell-sozialistischer Position aus die DDR-Vergangenheit zu erschließen.
In der Tschechischen Republik wurden ebenfalls Archive geöffnet, doch konnten Kräfte des alten Regimes, die unter neuem Namen wieder Macht erlangt hatten, die Geschichtsarbeit erheblich erschweren, etwa durch absurd hohe Kopierkosten. In Polen sind es vor allem nationalistisch-konservative Kräfte, die sich mit einigem Erfolg um die Verschleierung der Vergangenheit bemühen. Noch viel schlechter sieht es in dieser Hinsicht bekanntlich in Russland aus. Manchmal frage ich mich, wie sich diese Aufarbeitung in einer selbständig gebliebenen DDR entwickelt hätte. Doch es ist im Grunde nicht absehbar, über die Kräfteverhältnisse in einem solchen Lande kann man nur spekulieren.

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