Für die Souveränität der Völker
von Leonardo Melgarejo und Antônio Andrioli
Mehr als 3500 Konferenzteilnehmer:innen versammelten sich vom 26. bis 29.März 2026 in der südbrasilianischen Hauptstadt Porto Alegre. Laut Angaben der Organisatoren nahmen an den Eröffnungsveranstaltungen bis zu 5000 Menschen aus mehr als 40 Ländern teil. Aus Europa waren u.a. vertreten La France Insoumise, Attac, CADTM (Komitee für die Abschaffung illegitimer Schulden), die Rosa-Luxemburg-Stiftung sowie verschiedene politische und gewerkschaftliche Organisationen.
Leonardo Melgarejo und Antônio Andrioli waren vor Ort dabei und berichten.
Porto Alegre galt zu den Zeiten der Weltsozialforen und mit seinem weltbekannten Beteiligungshaushalt als Ort der Hoffnung und der partizipativen Demokratie. Damals war die Stadt für das Motto »Eine andere Welt ist möglich« bekannt. Diesmal ging es dort darum, die Zeiten des Autoritarismus und des Klimaleugnens zu verstehen. Welche Mittel zur Eindämmung des Vormarsches faschistischer Kräfte und seiner Folgen sahen die Vertreter:innen verschiedener Organisationen aus verschiedenen Teilen der Welt und welche Alternativen trugen sie vor?
In zahlreichen Diskussionen konnten nicht nur Wege aufgezeigt, sondern auch die Gründe geklärt werden, warum ein großer Teil der Menschen sich nicht darum zu kümmern scheint oder sogar entschlossen ist, Ereignisse zu unterstützen, die – im Interesse einer Minderheit – das Leben aller gefährden. Wir haben versucht, auf der Konferenz verschiedene Gedanken zu sammeln. Zusammengenommen verweisen sie auf einen langsamen, schwierigen Prozess, der zugleich Endprodukt und Instrument der emanzipatorischen Kämpfe gegen den Faschismus in all seinen Ausprägungen ist.
Die meisten Teilnehmer:innen äußerten in ähnlichen Worten: Der Kapitalismus in all seinen Ausprägungen muss eingedämmt werden. Er umfasst Patriarchat, Rassismus, Homophobie, Sklaverei und alle Formen von Diskriminierung, die darauf aus sind, Ausgrenzungen zu schaffen, die sich ausweiten und Verbindungen zerstören, die für das Gleichgewicht der Biosphäre unerlässlich sind. Die Überwindung dieses historischen Moments wird aber nicht mehr durch die Entmachtung der Mächtigen mit Kriegswaffen erreicht werden. Die Herrschenden sind besser bewaffnet, sie verfügen über die Unterstützung privilegierter Ressourcen aus Technowissenschaft und digitalen Medien und unterwerfen sich unkritische Massen, die von Illusionen gefangen gehalten werden.
Veränderungen erfordern vielmehr ein wachsendes Bewusstsein dafür, dass wir es mit einem neuen psychopolitischen Phänomen zu tun haben: Die Subjektivität der neuen Generationen wird derart vereinnahmt, dass ihre Frustrationen und unbefriedigten Bedürfnisse sich in Ressentiments und Hass verwandeln, die sich gegen diejenigen richten, die für die Interessen aller kämpfen. Die Aneignung von Begriffen wie Freiheit, Gerechtigkeit, Sicherheit und Souveränität durch die extreme Rechte dient nicht nur dazu, diejenigen zu isolieren, zu verfolgen und zu kriminalisieren, die für Menschenrechte und soziale Gerechtigkeit kämpfen, mit diesen Begriffen wird inzwischen vielmehr sogar Raketenbeschuss von Krankenhäusern und Mädchenschulen gerechtfertigt.
Die Drohung aus den USA
Der Neofaschismus hat eine verzweifelte Strategie in Gang gesetzt, um ungerechtfertigte Privilegien zu verlängern, die eine Minderheit auf Kosten aller und der Ausgrenzung vieler angehäuft hat und die sie nun nicht mehr aufrechterhalten kann. Dies erklärt die Wut, mit der wenige Regierungschefs alles daran setzen, ihre imperialen Herrschaftsgebiete so weit wie möglich auszudehnen und sich alles unter den Nagel zu reißen, was an für sie Brauchbarem in fremden Gebieten existiert. Deshalb ist das Problem global und kann nur durch eine gemeinsame, internationalisierte Reaktion aller Völker eingedämmt werden, die derzeit unter der Last unmittelbarer Opfer oder unter Angst vor der Zukunft leiden.
Da sind die Nationen, die zu den Ereignissen in Gaza, in Palästina, im Iran, in Venezuela und in Kuba keine Stellung beziehen und damit zeigen, wohin die Realität sie führt. Diejenigen Südamerikaner:innen, die die Drohungen mit einem »Schild der Amerikas« gegenüber dem südamerikanischen Süden (Argentinien, Chile, Uruguay, auch Paraguay und einige Bundesstaaten Brasiliens) auf die leichte Schulter nehmen, werden nicht lange auf ihre Umsetzung warten müssen, angesichts der Unterwürfigkeit regionaler Führungskräfte, die geradezu obszön unterwürfige Positionen einnehmen. [Der »Schild der Amerikas« ist eine am 7.März 2026 verkündete multinationale Initiative Trumps zur Koordination gemeinsamer Militär- und Sicherheitsoperationen.] Da sind z.B. die Söhne Bolsonaros, die darauf brennen, gestützt auf einer Militäroperation jene zivilisatorisch entwürdigenden Verhältnisse unter uns zu etablieren, die Bolsonaro-Vater in die Wege geleitet hat.
Mit anderen Worten: Die »marktorientierte« Bildung, die Patriarchat, Rassismus, Faschismus, Kapitalismus und alle Formen der Diskriminierung begünstigt, ist die Wurzel der Entmenschlichung und muss überwunden werden. Indem sie Menschen dazu erzieht, miteinander zu konkurrieren und sich von der gemeinsamen Natur zu entfremden, verschleiert diese Bildung die Tatsache, dass alle Missstände, gegen die sich identitäre Forderungen auf der Grundlage von Geschlecht, Hautfarbe, Identität, religiöser Überzeugung, Alter oder was auch immer richten, ein einziges Mosaik bilden, das es gilt, als Ganzes in den Blick zu nehmen und zu korrigieren.
Eine Bewusstseinsrevolution
Das wird nicht ohne Kämpfe und ohne Opfer geschehen. Schließlich geht es darum, historische Reformen zu erzwingen. Es geht um den Aufbau von Mechanismen, die es Vertretern der bisher untergeordneten und ausgegrenzten Gruppen ermöglichen, Führungspositionen (in der Verwaltung der republikanischen Machtinstanzen) zu besetzen. Dies erfordert eine radikale Veränderung des Kräfteverhältnisses, das die heutigen Führungskräfte ins Amt gehoben hat; diese werden sich auch gegen eine Veränderung wehren und die Vorteile verteidigen, die sie als Diener des Kapitals genießen.
Letztendlich stehen wir vor der Notwendigkeit einer Bewusstseinsrevolution, die über eine Reform des Bildungssystems die Aufhebung von Gesetzen veranlassen wird, welche Menschen, die von den Machthabern als weniger würdig betrachtet werden, Zugang zu menschenwürdigen Lebensbedingungen zu haben, ihrer universellen Rechte beraubt haben. Dies würde auch zu einem Ende der Privatisierungen führen, zur Rückgewinnung des nationalen Erbes, das dem Spekulationskapital überlassen wurde, und zum Wiederaufbau von Regierungsformen, die Rechte, Umweltbelange und Gemeingüter respektieren.
Ist das möglich? Zweifellos.
Betrachten wir nur den Erfolg der indigenen Völker des Amazonasgebiets während der COP30 letztes Jahr in Belém. Nach 30 Tagen Besetzung von Cargill, dem zweitgrößten, nicht börsennotierten Unternehmen der Welt, das auch die Unterstützung der brasilianischen Regierung genoss, wurde die Aufhebung des Dekrets 12.600 erreicht, das die Konzessionierung und Privatisierung von Wasserstraßen im Amazonasgebiet genehmigte. Dieser Erfolg war das Ergebnis wirksamer Aktionen und ihrer Verbindung mit den überlieferten Kämpfen von Völkern, die entschlossen waren, unter allen Umständen ein neues Modell von Bündnissen und Beziehungen zwischen lokalen und internationalen Gemeinschaften aufzubauen.
Natürlich ist dieser Erfolg auf die Unterstützung von Präsident Lula zurückzuführen, doch es ist nicht weniger wahr, dass die ursprüngliche Position der Regierung eine andere war, dass sie beiseite geräumt wurde, weil die Regierung durch das organisierte Handeln der Gesellschaft unter Druck kam. Deren Kraft resultierte aus dem Zusammenschluss von Kämpfen, die alle einen grundlegenden Solidaritätsgedanken teilten: »Wenn ein Gebiet bedroht wird, sind alle bedroht.« Das zeigt, dass mit Mut und Entschlossenheit die Realität verändert und gemeinsam Stück für Stück von dem befreit werden kann, was der Kapitalismus uns aufzuzwingen versucht.
Entschlossenheit
Auf der Antifaschistischen Konferenz beschrieb Auricélia Arapiuns die Anstrengungen ihres Volkes im Kampf gegen die Privatisierung des Tapajós-Flusses, der in einen Logistikkorridor im Dienst des Kapitals, in einen Transportweg für Rohstoffe und einen Motor für die beschleunigte Zerstörung des Amazonas durch die Agrarindustrie verwandelt werden soll. Sie prägte dafür den direkten und einfachen Satz: »Nur der vereinte Kampf ist in der Lage, den Lauf unserer eigenen Geschichte zu ändern.«
Die internationale Dimension dieses Ansatzes lässt sich auch anhand der Ereignisse um Kuba veranschaulichen. Nur wenige mobilisieren dagegen, doch niemand kann ignorieren, dass das US-Imperium versucht, das kubanische Volk wegen seiner stolzen, würdigen und der internationalen Solidarität verpflichteten Haltung zu ersticken. Es muss auch eine gewisse Scham angesichts dieses Beispiels von Würde geben, das in unserer unmittelbaren Nähe der Gewährleistung von uneingeschränktem Zugang zu besseren Bildungs-, Gesundheits- und Ernährungsbedingungen von bestmöglicher Qualität verpflichtet ist – in so schreiendem Widerspruch zu dem, was das nordamerikanische Modell seinem eigenen Volk bietet. Oder glaubt jemand, dass der Druck auf Kuba und die Blockade gegen das Land stattfinden, weil die Insel »die nationale Sicherheit der Vereinigten Staaten von Amerika bedroht«?
Wir schließen diesen Bericht mit einem Gedanken von Glauber Braga, der während der Eröffnungssitzung der Konferenz daran erinnerte, dass die Herausforderungen im Kampf gegen den Faschismus von uns weder eine optimistische noch eine pessimistische Haltung verlangen. Es geht lediglich darum entschlossen zu sein, in der Gewissheit, dass damit der Moment kommen wird, in dem wir siegen werden.
Leonardo Melgarejo ist Agronom und Kolumnist der Zeitschrift von Via Campesina, Brasil de Fato.
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