Die neue Delegierte von Iztapalapa (Mexiko-Stadt), und was sie anders macht
Gespräch mit María Antonieta Pérez Orozco
Iztapalapa ist mit seinen fast zwei Millionen Einwohner:innen das größte Armenviertel in der mexikanischen Hauptstadt. Als solches war es viele Jahrzehnte hindurch der Nährboden für Jugendbanden, die außer mit Drogen zu dealen oder Raubüberfälle zu organisieren wenig mit sich anzufangen wussten – so lange bis 2018 Claudia Sheinbaum zur Bürgermeisterin der mexikanischen Metropole gewählt wurde.
An ihrer Seite befand sich damals ihre jahrelange Mitstreiterin Clara Brugada von der Partei Morena, die das Amt einer sog. Delegierten von Iztapalapa innehatte.
Am 2.Juni 2024 wurde Claudia Sheinbaum zur Staatspräsidentin gewählt und Clara Brugada zur Bürgermeisterin einer der größten Städte der Welt. An ihre Stelle tritt jetzt María Antonieta Pérez Orozco, Delegierte von Iztapalapa, die zusammen mit ihren Vorgängerinnen das Konzept der sog. Utopías in die politische Praxis umgesetzt hat. Leo Gabriel hat mit ihr am Wahltag in Iztapalapa gesprochen.
Können Sie uns etwas über die soziale und historische räumliche Struktur der Gemeinde Iztapalapa erzählen?
Iztapalapa liegt an der östlichen Peripherie von Mexiko-Stadt. Es ist das Einfallstor für alle armen Menschen aus dem Südosten des Landes: aus den Bundesstaaten Oaxaca, Chiapas, Puebla und Veracruz. Daher wurde es von diesen Menschen bevölkert, die sich in Mexiko-Stadt niedergelassen haben in der Hoffnung, einen Arbeitsplatz zu finden. Wir haben hier eine Bevölkerung von fast zwei Millionen Menschen mit den charakteristischen Problemen der Randgebiete unserer Metropolen: 43 Prozent der Bevölkerung von Iztapalapa sind arm, leben zwischen mäßiger und extremer Armut; 33 Prozent unserer Bevölkerung sind jung, zwischen 15 und 30 Jahre alt, was ein wichtiges Potenzial darstellt.
Was sind in diesem Zusammenhang die Herausforderungen und Chancen für die Bürgerbeteiligung in Iztapalapa?
Wir haben das Glück, aus indigenen Gemeinschaften zu stammen, in denen die kommunalen Traditionen noch erhalten sind. In Iztapalapa gibt es viele Dörfer, in denen die Tradition der comparsas und mayordomías, die eng mit den religiösen und gemeinschaftlichen Traditionen verbunden sind, noch erhalten ist. Dieses Element hat uns in bezug auf die Beteiligung der Bürger:innen sehr geholfen, denn die Menschen in Iztapalapa sind organisiert und beteiligen sich, um ihre Lebensbedingungen zu verbessern, aber auch um ihre Traditionen und Feste zu pflegen.
Ein weiteres Thema sind die Bedürfnisse der Menschen, die sie dazu veranlasst haben, grundlegende Infrastrukturleistungen und Gemeinschaftseinrichtungen zu fordern. Die Menschen sind anspruchsvoll, weil sie in der Lage sind, für sich selbst Lösungen zu finden, aber auch weil sie in der Vergangenheit in der Lage waren, eigene Entscheidungen zu treffen. Die Menschen sind anspruchsvoll, weil sich historisch gesehen soziale Organisationen gebildet haben, die seit mehr als fünfzig Jahren für den Aufbau der Stadt kämpfen. Aus diesen Kämpfen ist unsere Bürgermeisterin, Clara Brugada, hervorgegangen, die eine historische, soziale Führungspersönlichkeit in Iztapalapa ist. Sie hat sich von klein auf in den sozialen Bewegungen engagiert und ist nach Iztapalapa gezogen, wo sie auch heute noch lebt. Sie und ihr Team kommen aus sozialen Kampfprozessen. Wir sagen: »Die Gemeinde Iztapalapa ist eine Bewegung, die sich selbst regiert.«
Welche Maßnahmen und Initiativen führt die Gemeinde Iztapalapa durch, um eine partizipative Demokratie zu fördern?
Es gibt zwei wichtige Prozesse, die zusammenlaufen und die wir in Iztapalapa gefördert haben. Der erste ist der Prozess der Dezentralisierung, der eine enge und unmittelbare Verwaltung gewährleistet, die Vertrauen schafft und die Probleme der Bevölkerung wirksam angeht und löst.
Wir haben auch Beteiligungsmechanismen, die wir verstärken, um eine Verbindung zu den Bürgern herzustellen. Unter Partizipation verstehen wir die Entscheidungsfindung der Bürger:innen im öffentlichen Leben. Wir haben sehr partizipative Prozesse, die mit der Planung in den einzelnen Wohnvierteln zu tun haben.
Da gibt es z.B. die partizipative Planung der Utopías. Das sind etwas längere Prozesse, bei denen wir von Haus zu Haus gehen und die Menschen auffordern, sich an der Planung ihrer Viertel zu beteiligen. Es wird ein Arbeitsprozess eingeleitet, um ihre Viertel für die Zukunft zu gestalten, es entsteht eine Gemeinschaftsagenda für die lokale Entwicklung, damit die Menschen die Zukunftsvision für ihr Viertel festlegen können.
Es gibt aber auch Bevölkerungsgruppen, die viel stärker ausgegrenzt sind. Bei diesen ist es wichtig, sie im Hinblick auf ihre Würde und ihr Überleben einzubeziehen. Das impliziert Prozesse der sozialen Eingliederung in bezug auf psychische Gesundheit, Ernährung, Zuneigung, psycho-emotionale und physische Fragen sowie physiologische Fragen, die dazu führen, dass sie als aktive Subjekte in die Veränderung ihrer Realität und in die Entscheidungsfindung und das öffentliche Leben einbezogen werden können.
Können Sie konkrete Beispiele nennen?
Wir haben Erfolgsgeschichten von Frauen und jungen Menschen erlebt. Ein Beispiel ist das Programm »Frauen im Studium«, es unterstützt Frauen über 30, die ihr Studium abgebrochen haben, um sich um ihre Familien zu kümmern. Im Rahmen dieses Programms werden sie finanziell unterstützt und wieder integriert, damit sie ihr Studium wieder aufnehmen können. Oft beziehen wir die ganze Familie in die Teilnahme an dem Programm ein: Frauen schließen dann die Grundschule gemeinsam mit ihren Kindern oder Enkeln ab, sodass sie ermutigt werden, weiter zu lernen.
Ein weiteres Beispiel ist die Arbeit mit Menschen, die psychoaktive Substanzen konsumieren, und auch mit deren Familien. Es gab Fälle, in denen es uns gelungen ist, Menschen, die in dieser Hinsicht große Probleme hatten, dazu zu bringen, dieses Problem zu überwinden. Jetzt nehmen sie an Workshops zur Risikoprävention teil. Es handelt sich um Personen, die seit zwei Jahren drogenfrei sind und die uns nun helfen, ihre Erfahrungen an eine andere Gruppe von Jugendlichen oder Personen, die sich in dieser Situation befinden, weiterzugeben.
Können Sie uns etwas über die Utopías erzählen? Was verstehen Sie genau darunter?
All dies findet in Räumen statt, die wir speziell für die Wiedereingliederung der Bevölkerung in das Gemeinschaftsleben geschaffen haben. Die Utopías sind Einheiten der Transformation und Organisation für Inklusion und soziale Harmonie. Wir nennen sie so, weil das Ziel darin besteht, das Leben zu verändern, die Menschen in eine Gemeinschaft einzubinden und ein integratives und harmonisches Zusammenleben zwischen ihnen zu ermöglichen.
Die Utopías sind eine Strategie für eine tiefgreifende soziale und urbane Transformation inmitten der sozialterritorialen Ungleichheit, in der wir in Iztapalapa leben. Es sind schöne und würdige Räume, damit die armen Gemeinschaften ihr Selbstwertgefühl und ihre Würde zurückgewinnen können, damit die Utopías ihr Schatz und ihr Gemeinschaftssymbol werden und ihnen die Möglichkeit bieten, voranzukommen.
Wir haben z.B. vier Sozialhäuser: das Haus der Evergreens für Frauen, das Tageszentrum für ältere Menschen, das Kolibrizentrum für Drogenabhängige und das Rehabilitationszentrum für Menschen mit Behinderungen. All dies bildet unser Betreuungssystem, das durch weitere Komponenten ergänzt wird.
Gleichzeitig bieten wir in den Utopías sportliche, kulturelle, Erholungs- und soziale Aktivitäten und Dienstleistungen an: Wir haben Schwimm-, Box- und Leichtathletikschulen. Es geht nicht nur darum, tägliche körperliche Aktivitäten und körperliche Konditionierung anzubieten, was für jeden nützlich ist, sondern auch darum, Hochleistungssportler hervorzubringen. Wir hatten großen Erfolg: Im Medaillenspiegel von Mexiko-Stadt sind wir in den zwei Jahren, in denen wir Utopías haben, vom sechsten auf den dritten Platz aufgestiegen. Diese Strategien wirken sich auf das Leben der Menschen ungemein positiv aus.
Wir haben auch Tanz-, Film- und Fotoschulen. Diese sind ein enormer Erfolg, unsere Jugendlichen haben z.B. als Schauspieler:innen und Produktionsassistent:innen an Netflix-Serien mitgewirkt. Mehr als zweitausend Menschen haben die Film- und Fotoschule mit Lehrer:innen besucht, die renommierte Regisseure und Künstler sind. Wir haben auch 140 Gemeinschaftsorchester, die sich zunächst aus dem öffentlichen Raum heraus entwickelt haben und sich dann mehr auf die Utopías spezialisiert haben, insbesondere in unserer Musikschule. Jetzt stellt die Regierung von Mexiko-Stadt unsere Gemeindeorchester für städtische Veranstaltungen an. Darüber sind wir sehr glücklich.
Es wird immer gesagt, dass Utopías unerfüllbare Träume sind, aber in Wirklichkeit sind sie Ideen, die verwirklicht werden, um ein besseres Leben und eine bessere Zukunft für alle zu ermöglichen.
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