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Aufmacher Klima 1. Januar 2026

Von gegenseitiger Vernichtung zu planetarischer Langlebigkeit
von Sabrina Fernandes

Der nachstehende Beitrag von Sabrina Fernandes wurde zu Beginn der COP30 (10.–22.November) und mit Blick auf diesen veröffentlicht. Er diskutiert den Zusammenhang zwischen Antiimperialismus und Klimaschutz aus Sicht der Linken in Ländern des globalen Südens und aus ökologischer Perspektive. Wir bringen Auszüge daraus.

Viele Augen sind derzeit auf Brasilien gerichtet, da es Gastgeber der COP30 in der amazonischen Stadt Belém ist. Symbolisch gesehen ist dies ein Sieg. Schon früher war erwartet worden, dass Brasilien eine COP ausrichten würde, doch diese Bemühungen wurden durch die Leugnung des Klimawandels und das ausgrenzende Verhalten der rechtsextremen Regierung von Jair Bolsonaro (2019–2022) zunichte gemacht.
Die junge Demokratie Brasiliens könnte, nach Jahren, in denen die COPs in Ländern stattfanden, die Basisbewegungen und demokratischen Stimmen für Klimagerechtigkeit Freiheit und Raum verwehrten, mehr Möglichkeiten für den Widerstand der Bevölkerung bieten. Dies wird insbesondere von indigenen Völkern gefordert, deren Territorien weiterhin von Agrarindustrie, Bergbau und Ölgesellschaften (staatlichen wie privaten) verletzt werden und deren Souveränitätsansprüche selbst von Regierungen heruntergespielt werden, die Umweltfragen und indigenen Bevölkerungsgruppen gegenüber aufgeschlossen sind. Schließlich kann der wahre Souverän nur der Staat sein…
Ein deutliches Beispiel dafür ist der aktuelle Konflikt zwischen den Stimmen der Indigenen und der Regierung Lula. Der Widerstand gegen Ölbohrungen am Äquatorialrand, einem empfindlichen Meeresökosystem in der Nähe des Amazonas-Regenwalds, ist groß. Indigene Führer haben ihre Ablehnung zum Ausdruck gebracht, darunter Cacique Raoni, der Lula bei seiner Amtseinführung 2023 die Präsidententreppe hinaufbegleitete. Umweltgruppen und NGOs haben dargelegt, wie katastrophal die Bohrungen für das lokale Ökosystem wie auch für den Klimawandel im allgemeinen wären.

Unsere eigene Verantwortung
Brasilien ist so etwas wie ein heimlicher Klimasünder: Die Kolonialzeit hinterließ ein Erbe extremer Landungleichheit und einer Wirtschaft, die auf der Gewinnung von Rohstoffen basiert. Seit 1822, als Brasilien die Unabhängigkeit von Portugal erlangte, ist es nicht gelungen, das Land anders zu nutzen und die Entwaldung zu bekämpfen. Das hat zu einer starken Zunahme der Emissionen im Zusammenhang mit der Landnutzung geführt, sie begann im letzten Jahrhundert und hält bis heute an.
Wenn ich auf diesen Tatbestand hinweise, höre ich von anderen Brasilianern und Kollegen aus dem globalen Süden meist, dass Brasilien nicht dafür verantwortlich gemacht werden kann, denn dies sei die Schuld des Kolonialismus. Die Emissionen lassen sich jedoch eindeutig auf die brasilianische Republik und das moderne Ideal zurückführen, das sowohl die rechte als auch die linke Staatsführung geprägt hat – in bezug auf die Landnutzung, die Gewinnung natürlicher Rohstoffe als Ressourcen und auf die wachsende Abhängigkeit von Rohstoffexporten für Kapitaleinkünfte.
Das heißt: Wir haben unseren abhängigen Kapitalismus nicht geschaffen, aber wir haben ihn perfektioniert – auf Kosten der indigenen und Quilombola-Gemeinschaften, der Landarbeiter und Bauern und natürlich unserer Wälder und des globalen Klimas.
Brasilien mag historisch gesehen ein postkolonialer Staat sein, aber es hat sich nie wirklich dekolonialisiert. Unsere indigenen Völker und die Nachfahren ehemals versklavter Völker warten immer noch auf eine angemessene Wiedergutmachung und darauf, dass ihre Sichtweise über symbolische Gesten der Repräsentation hinaus Beachtung findet.
Wenn ihre Anliegen als voll legitim behandelt würden, wäre das eine große Hilfe. Doch unsere territorial lebenden Völker werden immer noch als Feinde der »Entwicklung« behandelt, wenn sie Bedenken in bezug auf fossile Brennstoffe, Bergbau, Megainfrastrukturprojekte und die Expansion der Agrarindustrie äußern.

Kognitive Dissonanz
Von brasilianischen Linken hören wir immer wieder, fossile Brennstoffe seien das eine, die Abholzung der Wälder etwas ganz anderes. Sie gehen den Klimawandel nicht als eine globale Katastrophe an, die durch Treibhausgasemissionen aus verschiedenen Quellen verursacht wird. Sie versäumen auch anzuerkennen, dass unser Kohlenstoffbudget schrumpft und die Emissionen radikal und überall reduziert werden müssen, wie viele wissenschaftliche Institutionen eindringlich fordern.
Auf diese Weise lassen sich Maßnahmen zur Bekämpfung der Abholzung fördern und gleichzeitig Finanzfonds legitimieren, die Wälder weiter kommerzialisieren – dabei kommt nur ein kleiner Prozentsatz der eingenommenen Gelder den Gemeinden zugute, die sich tatsächlich um die Wälder kümmern (TFFF, Tropical Forest Forever Facility).
Damit verschleiern wir, wie wir wirklich mit fossilen Brennstoffen umgehen:
Wir sagen, dass wir nicht so viel CO2 emittiert haben, deshalb bekommen wir eine »Quote«, um damit weiterzumachen;
wir sagen, dass es in Ordnung ist, weiter zu bohren, da wir den größten Teil exportieren und die Emissionen nicht unsere sind;
wir sagen, dass wir mehr Öl fördern müssen, weil wir damit unsere Energiewende finanzieren können;
wir sagen, dass wir den Einsatz fossiler Brennstoffe ausweiten dürfen, weil unsere Strommatrix aufgrund der Wasserkraft bereits so stark dekarbonisiert ist;
und wir sagen, dass wir weiter nach allem Öl bohren müssen, das wir finden können, weil: (1) andere es auch tun; (2) wenn wir es nicht tun, werden die Imperialisten kommen und unsere Ressourcen nutzen.

Die Art und Weise, wie die Länder des globalen Südens, insbesondere die mit progressiven Regierungen den antiimperialistischen Kampf als Rechtfertigung für den Ausbau fossiler Brennstoffe instrumentalisieren, ist nicht nur argumentativ problematisch, sondern auch selbstmörderisch.
Jeder liebt die Wissenschaft, wenn es gegen die Klimawandelleugner Trump oder Bolsonaro geht. Aber ihren eigenen Beitrag zum Leugnungsdiskurs mögen staatliche Entwicklungsforscher auf der Linken nicht anerkennen.
Der Klimawandel ist ein globales Problem, das durch Ungleichheit verursacht und durch Ungleichheit spürbar wird. Dieser Tatbestand sollte das Hauptmotiv für einen radikalen ökologischen Wandel sein, der stark auf Reparations- und Entschädigungsmechanismen basiert. Die Anerkennung der Erkenntnisse der Klimawissenschaft sollte zu großen Schritten bei der weltweiten Abschaffung fossiler Brennstoffe führen, und die einzige Debatte, die zu führen wäre, ist die, wie dies gerecht und schrittweise geschehen kann, um einen Zusammenbruch und weiteres Leid für die Entwicklungsländer zu vermeiden.
Aber der Ausstieg aus fossilen Brennstoffen steht nicht wirklich auf der Verhandlungsagenda. Ölabhängige Schwellenländer fordern zurecht, dass die reichen Länder den größten Teil der Last tragen. Aber wenn wir darauf warten, dass diejenigen, die den Planeten zerstört haben, auch die stärkste Initiative ergreifen, um uns alle zu retten, dann machen wir uns etwas vor. Es ist auch höchst problematisch, eine gerechte und ausgewogene Transformation nur unter dem Gesichtspunkt zu behandeln, wer als erster gefordert ist, sie umzusetzen.

Der Süden ist gespalten
Derzeit ist der globale Süden in mindestens zwei Gruppen gespalten: Die einen fordern den vollständigen Übergang und die Mittel (einschließlich Reparationen), um ihn selbst zu vollziehen, die anderen fordern grundsätzlich den Übergang ebenfalls, hoffen aber, dass andere vorangehen, damit sie Zeit gewinnen und auch noch den letzten Tropfen Öl aus jedem verfügbaren Feld fördern können.
Länder wie Tuvalu und Kolumbien neigen eher zur ersten Gruppe, Brasilien hingegen hat sich leider der OPEC+ angeschlossen und drängt trotz heftiger Proteste mit Nachdruck auf eine Bohrgenehmigung im Äquatorialrandgebiet. In typischer »Tunnelblick«-Manier ging Lula sogar so weit zu behaupten, Bohrungen in diesem Gebiet stellten kein Problem dar, da es ohnehin nicht so nah am Wald liegen würde. Als würde Brasiliens Klimaverpflichtung nur dem Amazonasgebiet gelten und sonst nicht. Und selbst dafür müssten wir uns tatsächlich gegen die Macht der Agrarindustrie stellen, die Brasiliens Cerrado zerstört hat, ihr Geschäft mit alarmierender Geschwindigkeit auf den Amazonas ausweitet und sich gleichzeitig mit fadenscheinigen Behauptungen über »regenerative Viehzucht« und mit gefälschten Emissionszertifikaten grün wäscht.
Aber wir finanzieren die Agrarindustrie mehr denn je. Lula hat sich sogar mit Trump getroffen, um die Interessen des größten brasilianischen Fleischkonzerns JBS zu verteidigen.

Falsche Vorstellung von Souveränität
Das alles wird uns als sehr, sehr, sehr antiimperialistisch verkauft!
Zumindest sagen uns das viele linke Politiker, Ökonomen und Experten. Ihre Argumentation basiert auf einer sehr engen und chauvinistischen Sichtweise von Souveränität, die nicht nur mit den ökologischen Herausforderungen unserer Zeit unvereinbar, sondern auch in bezug auf andere Souveränitätsansprüche auf Territorien und Ökosysteme zutiefst kolonialistisch ist.
Sie beruht auf der Vorstellung, verfügbare Ressourcen sollten vom Staat zum Wohle aller genutzt werden. Das Prinzip ist nicht schlecht und ich unterstütze es voll und ganz, wenn es z.B. um öffentliche Sanitäranlagen, öffentliche Stromversorgung und öffentliche Verkehrsmittel geht. Ich unterstütze es, weil ich mir wünsche, dass es nicht nur staatliche Kontrolle bedeutet, sondern die vollständige Entkommodifizierung von Gütern und Dienstleistungen und damit eine Verbesserung des Lebens der Arbeiter und eine Stärkung der Gemeinschaften, die sich tatsächlich um unseren Planeten kümmern und indirekt unser Leben ermöglichen und gesünder machen.
Bei fossilen Brennstoffen gibt es jedoch einen großen Unterschied zwischen der Durchsetzung staatlicher Kontrolle über Ressourcen gegen imperialistische Bedrohungen und der Gleichsetzung dieser Kontrolle mit ihrer konkreten Förderung und vollständigen Nutzung. Ein Land, das bohrt und seine eigenen nationalen Aktivitäten fördert, schützt es damit noch nicht vor der großen globalen Öl-Aneignung durch die USA. Venezuela ist ein Beweis dafür. Ölreiche Länder wie Saudi-Arabien können ihre Position behaupten, weil sie staatliche mit kapitalistischen Interventionen kombinieren, regionale Allianzen bilden und gemeinsame Investitionsabkommen abschließen, die sie zu einem weniger leichten Ziel machen.
Ölraub gibt es in vielen Formen, beispielsweise wenn die brasilianische Nationale Erdölagentur Ölfelder an ausländische Unternehmen versteigert und diese sie in Zusammenarbeit mit Petrobras ausbeuten. Ausländische Mächte haben gelernt, dass sie durch Kooperation, Vereinbarungen und Joint Ventures Zugang zu unserem Öl, unseren Mineralien, unserem Wasser, unserem Boden und – so hoffen sie – unseren erneuerbaren Energien erhalten können. Wenn wir also in solchen Fällen bohren und neue Fördergebiete erschließen, öffnen wir damit tatsächlich Türen für die Nutzung unserer Ressourcen durch das Ausland. Der Unterschied besteht darin, dass wir uns einreden, wir täten dies zu unseren eigenen Bedingungen und nicht unter der Knute imperialistischer Herrschaft. Aber das ist eine Lüge, die wir uns selbst erzählen um so zu tun, als folgten unsere großen nationalen Investitionen nicht den Vorgaben des internationalen Marktdrucks.

Wir brauchen »ökologische Souveränität«
Unser Problem ist, dass der antiimperialistische Kampf zwar real ist und im Mittelpunkt unserer staatlichen Maßnahmen stehen sollte, dieser antiimperialistische Kampf aber auch ein ökologischer sein muss. Die Vorstellung, dass wir unsere Souveränität nur durch die Ausbeutung von Ressourcen zur Sicherung von Kapitaleinkünften auf Kosten des globalen Klimas behaupten können, unterscheidet sich nicht sehr davon, wie Imperialisten ihre Souveränitätsansprüche definieren.
Ich plädiere für eine Ökologisierung der Souveränität. Vor kurzem habe ich beschrieben, was ich unter »ökologischer Souveränität« oder »populärer ökologischer Souveränität« verstehe:
»Wenn Souveränität durch kapitalistische Interessen geprägt ist, wird der Anreiz für internationale Solidarität geschwächt und die Zusammenarbeit beschränkt sich letztlich auf kurzfristige wirtschaftliche und sicherheitspolitische Ziele. Ein ökoterritorialer Internationalismus, der Staaten einbezieht, sich aber nicht auf diese beschränkt, muss die souveränen Interessen vieler Völker gleichzeitig berücksichtigen, was einen alternativen Rahmen und eine alternative konzeptionelle Grundlage von Souveränität erfordert. Ökologische Souveränität trägt zu dieser Alternative bei, indem sie sich auf die Interdependenz mit dem Rest des Planeten konzentriert, was die ökologischen und materiellen Bedingungen betrifft, die wir auf verschiedenen Ebenen teilen.
Ökologische Souveränität ist ein umfassender Ansatz, der vom Aufbau und der Verflechtung verschiedener Arten von Souveränität auf globaler Ebene – Ernährungssouveränität, Energiesouveränität, territoriale Souveränität – lernt und damit eine andere Art des wirtschaftlichen Denkens fördert, die weniger auf komparative Vorteile abzielt und sich mehr auf die globale Immunität gegenüber Katastrophen konzentriert. Es ist ein Konzept von Souveränität, das sich zum Aufbau von Alternativen eignet und auf der »Beständigkeit, der Fähigkeit zu bleiben und zu gedeihen« beruht. Ökologische Souveränität trägt dazu bei, das gegenseitige Überleben zu sichern, indem Grundsätze einer solidarischen Lebensweise bestimmt werden.«
Vor einigen Jahren veröffentlichte ich einen kurzen Artikel mit dem Titel »Sovereignty and the polycrisis«, eine kritische Reflexion über das westfälische System der Staatssouveränität, um darüber nachzudenken, wie begrenzt dieser Rahmen im Kontext globaler Katastrophen wie Kriegen, Pandemien und Klimawandel ist. Dieses System und sein Verständnis von Staatshoheit dominiert jedoch nach wie vor unser Verständnis von Ressourcennutzung und -gewinnung, territorialer Kontrolle, Grenzen, Wirtschaftswachstum und sogar Zusammenarbeit.
12.November 2025

Sabrina Fernandes, Jg. 1988, ist brasilianische Soziologin, Autorin und Aktivistin. Sie promovierte in Soziologie an der Carleton University in Kanada. Derzeit leitet sie das Forschungsinstitut Alameda, das gegründet wurde, um engagierte und kritische Forschung zum Übergang aus dem Zeitalter der Katastrophe zu fördern. Sie ist beteiligt am Ökosozialen und Interkulturellen Pakt des Südens, Mitglied der Redaktion des NACLA-Reports und Buchautorin.

Quelle: https://the.ecocene.blog/p/ecological-sovereignty-from-­mutual

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