Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Film 30. April 2026

Fahle Bilder der Unausweichlichkeit
von Kurt Hofmann

Einmal mehr bot das Festival des österreichischen Films den Cinephilen ein vielfältiges und spannendes Programm. Ab der nächsten Saison ist mit Einsparungen durch die Förderer zu rechnen, trotz aller Lippenbekenntnisse ist der Stellenwert der Kultur längst nicht so hoch wie in Sonntagsreden beschworen. Bloß an den »richtigen Stellen« sparen – bei manchen Sozialausgaben und vor allem bei den Asylwerbenden hat es schon angefangen und in Landesregierungen mit FPÖ-Beteiligung stehen viele kleine Kulturinitiativen schon jetzt vor dem Aus. Der Bund zögert in Sachen Kürzungen in manchen Bereichen (noch), macht vage Versprechungen in Sachen Alternativen, aber auch die Diagonale muss sich wohl auf kalte Zeiten vorbereiten.

AMS – Arbeit muss sein
Österreich 2026
Regie: Sebastian Brauneis
Das Arbeitsamt heißt schon lange Arbeitsmarktservice, aus den Arbeitslosen sind »Kundinnen« geworden, aber mehr Jobs gibt es deswegen nicht, allenfalls mehr sinnlose Kurse oder Strafmaßnahmen. Und der respektvolle Umgang mit den »Kundinnen« findet auch nur im Semantischen statt.
Hier setzt AMS – Arbeit Muss Sein von Sebastian Brauneis an. Marie ist 58 Jahre alt und deshalb ein hoffnungsloser Fall. Aber sie hat, wovon ihre Betreuerin am AMS nichts ahnt, subversive Gedanken, wie sie dieser die täglichen Demütigungen heimzahlen kann. Junge, Alte, Arbeitswillige und (hauptsächlich) Demoralisierte sitzen gemeinsam mit Marie in einem Kurs, der sie sichtlich nicht weiterbringen wird. Gemeinsam schmieden sie einen Plan, wie sie sich wehren und ein kreatives Chaos stiften können.
AMS – Arbeit Muss Sein ist eine Komödie, satirische Überhöhung von deren Mittel. Da sind zum einen die vom AMS. Wer mehr Arbeitsuchende sperrt, kommt im internen Ranking voran. Ein Leitungsposten soll neu besetzt werden, jede/r belauert den/die Andere/n, Intrigen werden gesponnen. Hier setzen Marie und die Ihren an, wollen die Konkurrent:innen mit vielen Tricks noch mehr auseinanderbringen. Die realistische Ebene wird im Film bald ausgehebelt, was sonst im Subtext verborgen bleibt, wird hier zur Sprache gebracht, jede/r sagt die brutale Wahrheit, doch der Sager wird, bisweilen gesungen, rasch zum Gag (zur »Wuchtel«, wie es in Wien heißt).
AMS – Arbeit Muss Sein« ist zunächst als (durchaus bissige) Satire, über Hochmut und den darauf folgenden Fall, über Ausgrenzung und die Kunst des wirksamen Fouls durch die Ausgegrenzten angelegt mit Slapstick und Gesang, samt diversen »Extras«, endet dann aber doch als ironisches Märchen, welches folgerichtig wie alle Märchen in einen (leidlich) guten, doch augenzwinkernden Schluss mündet.
Immerhin: Stefan Brauneis hat sich mit AMS – Arbeit Muss Sein an einem gesellschaftspolitisch wichtigen Thema versucht, welches Witz, Verve und ein sicheres Gefühl für Timing vorweisen kann. Dies alles: bisweilen zu harmlos, doch im Ansatz treffend.

Rose
Deutschland/Österreich 2026
Regie: Markus Schleinzer
Der Soldat kommt aus dem (Dreißigjährigen) Krieg zurück, eine Narbe, verursacht durch eine feindliche Kugel, verunziert dessen Gesicht. Er sei der Erbe eines Gutshofs, erzählt er den (protestantischen) Dörfler:innen, die ihn misstrauisch beäugen. Aber er hat Geld, will den Hof ausbauen und erzählt ihnen, was sie hören wollen. Frauen haben im Dorf auf ihrem Platz zu bleiben, den ihnen ihr Mann, ihr Herr, zugewiesen hat. Niemand ahnt, dass der martialische neue Gutsbesitzer eine Frau in Männerkleidung namens Rose ist.
Rose baut langsam, aber stetig ihre Stellung im Dorf aus. Schließlich zwingt ihr ein Nachbar dessen Tochter als Frau auf, denn ledig darf der Mann hier nicht sein und Kinder braucht er auch. Bald schon ist die Gattin schwanger, kein Wunder, sondern Zeichen der neuen Freiheit. Jede der Frauen, die nun ihre eigenen Regeln wider die »ewigen Gesetze« des Dorfes aufgestellt haben, bewahrt in der Ehe das Geheimnis der anderen, bis sie von einer Magd denunziert werden und sich der grausamen Realität stellen müssen. Markus Schleinzers Rose, erstmals bei der Berlinale mit großem Erfolg vorgestellt, erzählt historisierend über die Rolle der Frau in patriarchalischen Verhältnissen und dass es nicht genügt, gleichwertig zu sein, wenn Anpassung und Unterwürfigkeit verlangt werden. Fahle Bilder der Unausweichlichkeit, doch versehen mit der Gewissheit, dass auf Rose (verkörpert durch eine großartige Sandra Hüller) andere folgen werden.

Drei geschlechterfluide Komödien aus den 1930er Jahren wurden diesmal für die historische Reihe der Diagonale von Synema ausgewählt und in Referaten analysiert: Peter, das Mädchen von der Tankstelle (AUT/HUN 1934; Regie: Hermann Kosterlitz); Der Page vom Dalmasse-Hotel (GER 1933; Regie: Victor Janson); Reinhard Schünzels Meisterwerk Viktor und Viktoria (GER 1933; das unschlagbare Original).
In allen drei Filmen geht es um arbeitslose junge Frauen, die keinen Job finden und sich deshalb als Mann verkleiden. Camouflage in Hosen, Fragen der Geschlechtsidentität, pointiert vorgetragen. Auch wenn die Frauen in ihren neuen Rollen die Männer dabei stets übertreffen, sieht das »Happy End« in allen drei Filmen am Ende für alle drei »verkleideten« Protagonistinnen die Begegnung mit dem »Richtigen« vor, mit dem sie endlich wieder auf der »richtigen« Seite sind – Ordnung muss sein…

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