Klimakrise soll auf Teufel komm raus befeuert werden
von Wolfgang Pomrehn
Es ginge auch anders: Frankreich plant nach einem Bericht der Nachrichtenagentur Reuters, bis 2030 20 Prozent seiner Erdgaseinfuhren durch Strom zu ersetzen. Zu diesem Zweck soll unter anderem der Einsatz von Wärmepumpen massiv vorangetrieben werden. Angesichts der Kapriolen schlagenden Gaspreise ein vernünftiger Ansatz und im Lichte der sich entfaltenden Klimakrise sowieso.
Doch die Bundesregierung ist von soviel energiepolitischer Rationalität weit entfernt und scheint vielmehr geradezu süchtig nach Gas und allerlei Fantastereien zu sein. Der Bundeskanzler träumt von neuen Atomkraftwerken und lässt wissen, dass die Windenergie nur eine Übergangslösung sei, bis es Fusionskraftwerke gibt. Derweil setzt seine Wirtschaftsministerin ganz auf neue Gaskraftwerke und Frackinggas aus den USA.
Dafür wurden bereits unter ihrem Vorgänger Robert Habeck (Grüne) zunächst provisorische Flüssiggasterminals (LNG-Terminals) auf Rügen, in Lubmin bei Greifswald, in Brunsbüttel an der Mündung des Nord-Ostsee-Kanals, in Stade an der Unterelbe und in Wilhelmshaven am Jadebusen eingerichtet. Lubmin und Stade sind derzeit nicht im Betrieb. An einigen Standorten wird inzwischen an festen Terminals gebaut, vielerorts gibt es Widerstand und Protest aus der betroffenen Bevölkerung. Auf Rügen auch von den Nachbargemeinden, die ihr Tourismusgeschäft gefährdet sehen.
25 bis 30 Milliarden Kubikmeter LNG pro Jahr sollen künftig angelandet werden. Das entspricht etwa einem Drittel des hiesigen Erdgasverbrauchs oder 64,5 bis 77,4 Millionen Tonnen CO2-Emissionen, wenn das Erdgas verbrannt wird. Letzteres sind grob gerechnet ein Zehntel der deutschen Treibhausgasemissionen, wobei die Klimaschädlichkeit des LNG noch deutlich darüber hinaus geht. Das über die deutschen Terminals importierte Gas stammte im letzten Jahr fast ausschließlich aus den USA und wird dort überwiegend mittels des sogenannten Frackings gewonnen.
Neue Abhängigkeiten
Derzeit deckt das aus Übersee direkt oder über Belgien indirekt eingeführte, besonders klimaschädliche Erdgas bereits über zehn Prozent des deutschen Erdgasverbrauchs. Doch das ist erst der Anfang. Um die US-Regierung davon abzuhalten, Importe aus der EU mit schmerzhaften Zöllen zu belegen, haben Bundesregierung und EU-Kommission dem orangen Trommler im Weißen Haus die Abnahme großer Mengen Flüssiggas versprochen.
Am 26.März hat auch das EU-Parlament dem entsprechenden Deal der Union mit den USA zugestimmt, obwohl die Kommission für die Verhandlungen mit Washington nicht einmal, wie sonst üblich, über ein formales Mandat verfügt hatte. Die EU wird nun in den kommenden drei Jahren Gas, Öl und Atomtechnologie im Wert von 750 Milliarden US-Dollar (638 Milliarden Euro) von der anderen Seite des Atlantiks beziehen. Deutschland tauscht die Abhängigkeit von russischen Gasimporten mit der Abhängigkeit von einer anderen Großmacht ein, deren Regierung hierzulande offen für die AfD wirbt und mit der Annexion Grönlands droht.
Hinzu kommt, dass für diese ausgetauschte – nebenbei auch noch deutlich kostspieligere – Abhängigkeit milliardenschwere Investitionen in die LNG-Infrastruktur getätigt werden, die schon in wenigen Jahren wieder abgebaut werden müsste, wenn man es denn mit dem Klimaschutz ernst meinen würde. Denn die gesetzlich fixierten – völlig unzureichenden – Klimaziele sind mit den LNG-Importen nicht zu erreichen. Wir können allerdings sicher sein, dass die erfolgten hohen Ausgaben schon bald als Argument gegen »unrealistischen« Klimaschutz ins Feld geführt werden.
Neue Gaskraftwerke
Ähnliches wird für die Gaskraftwerke gelten, deren Bau die Bundesregierung so hartnäckig verfolgt. Schon unter dem Grünen Habeck waren die ersten entsprechenden Pläne aufgelegt worden, aber die Neue im Wirtschaftsministerium, Katherina Reiche (CDU, Ex-E.on), setzt noch mal eins drauf. Noch in diesem Jahr will sie ein rundes Dutzend neuer Gaskraftwerke ausschreiben. Offiziell wird nicht von Gas gesprochen, aber die Ausschreibung soll so gestaltet werden, dass nur Gasprojekte zum Zuge kommen können.
Als Begründung werden Probleme mit der Netzstabilität und die sogenannten Dunkelflauten angeführt. Zu letzteren kommt es mitunter im Winter, wenn sich über Mitteleuropa ein Hochdruckgebiet festsetzt. Dann ist der Himmel wolkenverhangen und die Luft fast windstill. Entsprechend gibt es dann in Deutschland kaum noch Wind- und Solarstrom.
Nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes traten seit dem Winter 1950/51 solche Wetterlagen an durchschnittlich etwas mehr als acht Tagen im Jahr auf. In einem seltenen Extremjahr waren es 23 Tage. Meist sind derlei Ereignisse schnell wieder vorbei – das Längste dauerte zehn Tage. Einen Trend gibt es in den Daten nicht, das heißt, in Zukunft wird man vermutlich mit diesen Tageszahlen rechnen können, wenn es um die Stromversorgung mit Erneuerbaren geht.
An Ideen, mit dem Problem umzugehen, mangelt es nicht. Eine Möglichkeit wäre grenzüberschreitender Stromaustausch und gemeinsame Planung mit Nachbarländern. Wenn nämlich über Deutschland ein Hoch mit wenig Wind liegt, dann sind die Winde an dessen Ränder oft um so stärker. Eine andere wäre die Wasserkraft in Norwegen, die dort reichlich vorhanden ist und auch verstärkt in Mitteleuropa aushelfen könnte. Natürlich in Kombination mit dem vor der norwegischen Küste reichlich vorhandenen Wind. Eine dritte wären kleine, große und riesige Akkus, deren Preise immer weiter sinken und die durchaus nicht immer auf dem in mancherlei Hinsicht problematischen Lithium basieren müssen.
Akkus unerwünscht
Doch Akkus sind nicht gewollt, wie der Braunkohle- und Kraftwerkskonzern RWE Ende Februar in einem Brief die Bundesregierung wissen ließ. Nicht, dass die E.on-Ministerin daran hätte erinnert werden müssen. Aber sie hat dann doch, wie eine Recherche des Spiegel ergab, noch einmal beim Strom-Konzern EnBW gezielt nach Vorschlägen gefragt, wie die Ausschreibungsbedingungen gestaltet werden müssen, damit Akkus (Batteriespeicher) möglichst nicht zum Zuge kommen.
Das Ergebnis: »Noch in diesem Jahr« werden zwölf Gigawatt ausgeschrieben, heißt es auf der Internetseite des Wirtschaftsministeriums. Davon seien »zehn Gigawatt für neue Kapazitäten reserviert, die über einen längeren Zeitraum am Stück Strom erzeugen können. Solche Anlagen können beispielsweise moderne und hocheffiziente Gaskraftwerke sein.«
Batteriespeicher können hingegen nicht für viel länger als einen Tag Strom abgeben und müssten eher koordiniert mit anderen Lösungen eingesetzt werden. Das wäre durchaus möglich, ist aber offensichtlich nicht gewollt.
Ausgeschrieben müssen die Lösungen für die Dunkelflaute übrigens deshalb werden, weil das ganze Versorgungssystem inzwischen marktwirtschaftlich organisiert ist, die benötigten Anlagen aber nicht profitabel in einem Markt agieren können. Sie brauchen Subventionen, und zwar vermutlich reichlich. Daher das Ausschreibungsverfahren.
Fazit: Wir kaufen teures Frackinggas aus den USA, das dort für erhebliche Umweltschäden, Treibhausgasemissionen und Erkrankungen bei Anwohnern verantwortlich ist, um es hierzulande in hochsubventionierten Kraftwerken zu verbrennen. Was scheren uns Anwohnergesundheit, Klimakrise und Energiekosten. Und als sei das alles noch nicht genug, soll auch noch die inländische Gasförderung ausgedehnt werden. Zum Beispiel mit Bohrungen im Wattenmeer vor Borkum, das als Weltkulturerbe gilt. Würden wir in J.R.R.Tolkiens Welt des Herrn der Ringe leben, könnte Sauron sich jetzt reichlich über den Aufstieg seines Mordors freuen.
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