Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Aufmacher 1 21. Mai 2026

Die Fußball-WM in den USA: Repression im Schatten der Trumpschen Selbstinszenierung
von Gerhard Klas

Es war eine Szene, die alles sagte: Gianni Infantino, Präsident des Weltfußballverbands FIFA, überreichte Donald Trump im Dezember 2025 den eigens geschaffenen »FIFA-Friedenspreis«. Eine Farce, die Programm sein wird für die Fußball-Weltmeisterschaft 2026.

Noch nie hat eine US-Administration Sport und Politik so eng miteinander verknüpft wie die aktuelle. Trump wird die WM nutzen, um seinen sinkenden Stern mit zahlreichen Selbstinszenierungen wieder aufzupolieren, während es unter der Oberfläche brodelt. Die WM 2026, die von Mitte Juni bis Mitte Juli hauptsächlich in den USA mit Nebenschauplätzen in Kanada und Mexiko stattfinden wird, dürfte eine der politischsten Weltmeisterschaften werden.
Fußball ist in den USA mittlerweile populärer als Baseball, nur American Football und Basketball rangieren noch höher in der Zuschauergunst. Dennoch wäre es vermessen, ausgerechnet die WM unter der Kategorie »Volkssport« zu verbuchen. Das zeigt schon der Preis für die Tickets: Für das Finale sollen Zuschauer mehr als 10.000 Dollar hinlegen. Ein Turnier für die Elite, während die Gesellschaft gespalten ist wie selten zuvor.

Welches Amerika ist gemeint?
Lilian Thuram, französischer Weltmeister von 1998 und antirassistischer Aktivist und Buchautor, fragte im Frühjahr 2025 provokant: »Warum hat man die WM an die USA gegeben? Make America Great Again – aber wann war Amerika groß? Welches Amerika ist gemeint, das der Sklaverei, das der Massaker gegen die indigene Bevölkerung?«
Die Fragen des ehemaligen Nationalspielers hallen nach, während die FIFA die WM 2026 als »Turnier der Einheit« vermarktet. Die Realität sieht anders aus. Schon im Sommer 2025, während der Club-WM in den USA – der »Generalprobe« für die anstehende Weltmeisterschaft – zeigte sich, was die Fans erwartet: 32 Mannschaften kämpften um den Titel. Doch das sportliche Spektakel wurde von politischen und sozialen Kontroversen überschattet. Die FIFA strich vor dem Turnier geplante Antidiskriminierungsbotschaften, was von Menschenrechtsgruppen und Fans als »ernster Rückschritt« kritisiert wurde. Noch schwerer wog, dass Trump während der Club-WM Militär im eigenen Land einsetzte, um antirassistische Proteste gegen die brutalen Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE zu unterdrücken.
Auch in der Fußballwelt der USA formierte sich zu dieser Zeit bereits Widerstand: Die Ultras des Los Angeles FC (LAFC) etwa verteidigten bei einem Ligaspiel die Rechte von Migranten. »ICE abschaffen« stand auf ihren Transparenten, und sie skandierten: »Wenn Recht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht.« Die Vereinsführung stimmte in diese Töne ein: »Heute, da viele Angst und Unsicherheit in unserer Stadt empfinden, steht der LAFC Schulter an Schulter mit allen Mitgliedern unserer Gemeinde.«

Sicherheitswarnung
Auch für die WM stehen die Zeichen stehen auf Sturm. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch warnen vor massiven Repressionen während der WM 2026. Fans müssen mit staatlichen Überwachungsmaßnahmen, diskriminierenden Einreisekontrollen, willkürlichen Festnahmen und Abschiebungen rechnen. Besonders betroffen sind Fans aus bestimmten Ländern: Staatsangehörige aus Senegal, Iran, Haiti und der Elfenbeinküste können de facto nicht in die USA einreisen, sofern sie nicht bereits vor 2026 ein Visum besaßen. Zudem gibt es seit Januar 2026 massive Einreiseverbote für Bürger aus 19 weiteren Ländern sowie für Personen mit Ausweisen der Palästinensischen Autonomiebehörde.
Für Transpersonen und LGBTQ+-Reisende besteht die Gefahr der Einreiseverweigerung, wenn die im Reisepass angegebene Geschlechtsidentität von der bei der Geburt zugewiesenen abweicht oder der Buchstabe »X« vermerkt ist. Grundsätzlich mahnen die Menschenrechtsorganisationen migrantische Communities und Protestierende zur Vorsicht vor den Beamten der US-Einwanderungsbehörde ICE und vor Einschränkungen der Meinungsfreiheit. Wer protestiert oder Kritik äußert, müsse mit Repressalien rechnen.
Die FIFA hat zudem den Stadium Code of Conduct, die Verhaltensregeln für die Stadien, verschärft: Politische Botschaften, Regenbogenfahnen oder andere als »politisch, beleidigend oder diskriminierend« eingestufte Symbole sind im Stadion verboten. Bei Verstößen drohen die Beschlagnahmung von Plakaten, Platzverweise oder sogar Stadionverbote. Für ausländische Fans könnte zusätzlich die Einwanderungsbehörde ICE eingreifen – mit Festnahmen oder künftigen Einreiseproblemen als mögliche Konsequenzen.

Was ist mit dem Team aus dem Iran?
Eine der brennendsten Fragen ist: Wie wird das qualifizierte Team aus dem Iran mit der Situation umgehen? Werden die Spieler Kritik an ihrem Regime artikulieren? Wird ICE sie dann inhaftieren, abschieben und in den sicheren Tod schicken?
Seit den Protesten und der Bombardierung des Iran durch Israel und die USA Anfang des Jahres hat die Zahl der Hinrichtungen im Iran sprunghaft zugenommen: Darunter auch erfolgreiche Sportler, die vor allem bei der Jugend populär sind und sich an Protesten gegen das Regime beteiligt haben: Am 30. April wurde der 21jährige Karate-Champion Sasan Azadvar gehängt.

Außerhalb der Stadien
Der Widerstand formiert sich vor allem außerhalb der Stadien. Am 1. Mai 2026 fand in den USA ein landesweiter Protesttag unter dem Motto »May Day Strong« statt, der sich gegen die Politik der Trump-Administration richtete. Organisiert von einem Bündnis aus hunderten Organisationen, gab es über 5000 Kundgebungen in den gesamten USA. Die Proteste richteten sich insbesondere gegen Trumps Einwanderungspolitik, den Krieg gegen den Iran und die Einsätze von ICE. In Washington DC versammelten sich Hunderttausende, um gegen ICE und den Präsidenten zu protestieren und gleichzeitig die Rechte von Arbeiter:innen zu unterstützen. Die Aktionen umfassten Arbeitsniederlegungen und Schulboykotte. In Washington DC kam es zu Straßensperren. In Städten wie New York, Los Angeles und Chicago fanden die größten Demonstrationen statt. Die Organisator:innen sprachen von Millionen Teilnehmenden landesweit, die sich gegen die Politik der Regierung und die zunehmende Militarisierung des Alltags stellen wollen.
Die Proteste waren Teil einer länger anhaltenden Bewegung, die sich bereits in den Monaten zuvor unter dem Slogan »No Kings« formiert hatte. Dieser Slogan wurde nun vielerorts zugespitzt in »No Tyrants« oder »No Dictators«. Die Reaktionen der Behörden waren unterschiedlich: In einigen Städten kam es zu Zusammenstößen zwischen Demonstrierenden und der Polizei, während die Regierung die Proteste herunterspielte. In Dallas und Los Angeles gab es Berichte über Festnahmen.
Wer behauptet, Sport und Politik seien zwei verschiedene Dinge, der sei an 1938 erinnert: Bei der WM in Frankreich, zu einer Zeit, als dort die Volksfront regierte, gewannen zwar die italienischen Schwarzhemden das Turnier – doch von den französischen Fans wurde vor allem der brasilianische Torschützenkönig Leonidas da Silva, ein Stürmer mit afrikanischen Wurzeln, gefeiert. Er wurde zum Symbol gegen den Vormarsch von Rassismus und Chauvinismus in Europa.
Vielleicht braucht es auch 2026 solche Momente, die zeigen, dass der Fußball mehr ist als nur ein Werkzeug der Mächtigen.

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