Standort statt Solidarität?
von Andreas Buderus
Es beginnt selten mit einem Paukenschlag. Eher mit einem schiefen Satz in der Pause, einer beiläufigen Bemerkung über »die da oben« – gemeint ist längst nicht mehr nur das Management, sondern auch der Betriebsrat – und einem Schulterzucken: »Bringt doch eh nichts.« Solche Sätze markieren eine Stimmung, die sich in vielen Betrieben ausbreitet. Leise, widersprüchlich, aber wirksam.
In diesem Zwischenraum aus Unzufriedenheit und politischer Deutung haben sich rechte Akteure festgesetzt. Wer auf die bisherigen Ergebnisse der Betriebsratswahlen 2026 blickt, könnte dennoch Entwarnung geben. AfD-nahe Listen und die Pseudogewerkschaft Zentrum blieben vielerorts hinter ihren eigenen Erwartungen zurück, die DGB-Gewerkschaften dominieren weiterhin die Betriebsratsgremien. Ausgerechnet am 1. Mai erklärte IG-Metall-Chefin Christiane Benner im heute-journal gar, die Rechten seien »als Tiger gestartet und als Bettvorleger gelandet«.
Doch Vorsicht mit vorschneller Entwarnung. Die Wahlen sind vielerorts noch gar nicht abgeschlossen; eine systematische Gesamtauswertung liegt bislang nicht vor. Vor allem aber greift die reine Mandatsarithmetik zu kurz. Der ausgebliebene Durchbruch rechter Listen ließe sich ebenso als Ausdruck eines autoritären Normalisierungsprozesses lesen. Dass diese Möglichkeit in den Gewerkschaftsführungen kaum ernsthaft diskutiert wird, ist Teil des Problems.
Rechte Normalisierung
Die bisher vorliegenden Ergebnisse zeigen vor allem eines: Der ausgebliebene Durchbruch rechter Listen ist keineswegs gleichbedeutend mit politischer Stabilität oder gewerkschaftlich solidarischer Hegemonie in den Betrieben. Betriebliche Solidarität endet häufig am Werkstor. Kollektive Handlungsfähigkeit übersetzt sich nicht automatisch in gesellschaftliche Orientierung.
Selbst dort, wo die gewerkschaftliche Dominanz formal ungebrochen scheint, entstehen sichtbare Risse. Bei VW in Braunschweig zog Zentrum erstmals mit zwei Mandaten in den Betriebsrat ein. In Zwickau und Chemnitz stabilisierte das AfD-nahe »Bündnis freier Betriebsräte« seine Ergebnisse und Mandate. Bei BMW Leipzig verlor die IG Metall massiv Sitze, während oppositionelle und teils offen rechte Listen deutlich zulegen konnten. Im Mercedes-Werk Untertürkheim erreicht Zentrum inzwischen über 20 Prozent und baut seine Position weiter aus.
Das ist noch kein »Machtwechsel«. Aber die Dominanz der DGB-Gewerkschaften wird brüchiger. Vor allem zeigt sich eine qualitative Veränderung: Rechte und rechtsoffene Listen treten mittlerweile mit Dutzenden Kandidat:innen an, führen offensiv Wahlkampf, erhalten öffentliche Aufmerksamkeit und normalisieren ihre betriebliche Präsenz – gerade in traditionellen Hochburgen der IG Metall. Gleichzeitig fehlt bislang weitgehend eine systematische Auswertung der Ver.di-Bereiche – insbesondere in der Pflege, in der sich ein Ableger von Zentrum in den vergangenen Jahren örtlich ausbreiten konnte.
Die Verschiebung zeigt sich deshalb weniger in Mehrheiten als in der Veränderung des politischen Klimas im Betrieb. Autoritäre, nationalistische und betriebsgemeinschaftliche Denkweisen breiten sich längst weit über das organisatorische Umfeld explizit rechter Listen hinaus aus. Spätestens seit dem Abschlussbericht der DGB-Kommission Rechtsextremismus aus dem Jahr 2000 müsste klar sein, dass Gewerkschaften nicht »im luftleeren Raum« existieren. Auch gewerkschaftlich organisierte Beschäftigte sind keineswegs automatisch gegen autoritäre oder rassistische Weltbilder immun.
Der Soziologe Klaus Dörre beschreibt diese Entwicklung als widersprüchlichen Alltagsverstand: Dieselbe Person kann im Betrieb überzeugter Gewerkschafter sein und außerhalb des Werktors AfD oder Freie Sachsen wählen – oder sogar deren Aktivist:in sein. Genau darin liegt die eigentliche Gefahr. Nicht die unmittelbare organisatorische Stärke rechter Listen ist entscheidend, sondern die gesellschaftliche Normalisierung ihrer Deutungsmuster.
Parallel dazu verändert sich das Verhältnis vieler Beschäftigter zu ihren Interessenvertretungen. Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahren. In vielen Großbetrieben ging sie 2026 deutlich Richtung 50 Prozent. Diese Entkopplung ist politisch hoch relevant. Denn die außerbetrieblichen Wahlerfolge der AfD beruhen wesentlich auf der Mobilisierung ehemaliger Nichtwähler:innen.
Hinzu kommt eine betriebliche Gewerkschaftspraxis, die von vielen Beschäftigten nicht mehr als kollektive Selbstermächtigung erfahren wird, sondern als bürokratische Stellvertretung mit begrenzter Durchsetzungskraft. Wo Mitbestimmung vor allem als Verwaltung von Krise, Standortlogik und sozialpartnerschaftlicher Einbindung erscheint, entsteht ein politisches Vakuum, das rechte Akteure nutzen können.
Gewerkschaften ohne Rezept
Das Bennersche Tiger-Bettvorleger-Bild aufgreifend könnte deshalb durchaus die ketzerisch anmutende Frage gestellt werden, warum ein von Arbeitsplatzverlust bedrohter Beschäftigter überhaupt Zentrum wählen sollte, wenn Teile der Gewerkschaftsapparate selbst längst tief in national und zunehmend militaristisch formierte Standortlogiken eingebunden sind.
Gerade bei VW zeigte sich exemplarisch, wie weit sich betriebliche Mitbestimmung von einer solidarischen Gegenmachtperspektive entfernen kann.
Trotz offener Tarifbrüche des Arbeitgebers, Arbeitsplatzabbau und massiver Angriffe auf die Beschäftigten klammern sich Betriebsräte und Gewerkschaftsspitzen an die Ideologie der »nationalen Wettbewerbsfähigkeit«, verteidigen den »Standort Deutschland« und geraten bis hinein in Debatten um militärische Konversion in eine Politik der Betriebsgemeinschaft, die den Rechten das ideologische Feld oft längst bereitet. Das ist keine Alternative zur autoritären Formierung. Es ist Teil von ihr.
Gerade deshalb greift auch jede historische Selbstberuhigung zu kurz. Die Geschichte der Zerschlagung der deutschen Arbeiterbewegung 1932/33 zeigt, dass organisatorische und institutionelle Stärke allein keinen Schutz gegen autoritäre Entwicklungen garantieren.
Obwohl die Nazis nach dem 30. Januar 1933 bereits große Teile des Staatsapparats kontrollierten, wurde die NSBO bei den Betriebsratswahlen deutlich von freigewerkschaftlichen und RGO-Listen geschlagen. Die Konsequenz: Die Nazis enthoben die gewählten Betriebsräte schlicht per Gesetz ihres Amtes, Angriffe auf Gewerkschaftshäuser häuften sich. Dennoch hielt die Führung des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbunds (ADGB) bis zur Gleichschaltung am 2.Mai an einer Strategie der Legalität, Anpassung und Selbstberuhigung fest.
Die Gegenwart macht diese Erfahrung nicht vergleichbar, aber lesbar. Während die AfD gesellschaftlich immer weiter erstarkt (Sonntagsfrage vom 7. Mai: stärkste Partei mit 27 Prozent; in Sachsen-Anhalt 41 Prozent), beruhigen sich Teile der Gewerkschaftsapparate noch immer gegenseitig mit dem Verweis auf betriebliche Mandatsmehrheiten und scheinbare institutionelle Stabilität.
Die Geschichte wiederholt sich nicht. Aber sie verschwindet auch nicht. Und wer autoritäre Formierung mit Mandatsarithmetik verwechselt, könnte irgendwann feststellen, dass organisatorische Stärke allein noch keine gesellschaftliche Gegenmacht erzeugt.
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