Sport, Trump und der Männlichkeitskult
von Gerhard Klas
Die Fußball-Weltmeisterschaft ist eine Inszenierungsmaschine geworden für zwei Männer, die sie dringend brauchen: Donald Trump und FIFA-Chef Gianni Infantino. Die WM 2026, die am 11. Juni in Mexiko-Stadt beginnt und am 19. Juli in New York mit dem Finale endet, ist im Begriff, zum teuersten, größten und politisch meistaufgeladenen Turnier der Geschichte zu werden.
Den vorläufigen Höhepunkt dieser Verbrüderung zwischen einem größenwahnsinnigen Präsidenten und einem korrupten Funktionär des Spitzensports bildete die Verleihung des FIFA Peace Prize bei der WM-Auslosung im Dezember 2025. Den Friedenspreis schuf Infantino eigens, nachdem Trump öffentlich darüber geklagt hatte, dass er den Nobelpreis nicht erhalten hatte. Ein Preis ohne transparente Kriterien, ohne Verfahren, ohne Legitimation – überreicht an einen Präsidenten, der kurz darauf den Iran angriff, einen WM-Teilnehmer.
Die Logik dieser Allianz ist nicht schwer zu begreifen. Trump bekommt das, was autokratisch regierende Politiker begehren: das Rampenlicht eines Milliarden-Sportevents. Die WM, die Olympischen Spiele 2028 in Los Angeles, die Olympischen Winterspiele 2034 in Salt Lake City – in den kommenden Jahren werden die USA zur weltgrößten Sportbühne der Welt. Wer diese Bühne bespielt, strahlt Normalität aus, Weltoffenheit, Stärke.
Die FIFA rechnet mit Rekordeinnahmen von elf Milliarden Dollar für die WM 2026, das Dreifache von Qatar 2022. 48 Teams, 104 Spiele, Rekordeinnahmen, eine pompöse Halbzeitshow im Finale.
Human Rights Watch hat in einem 79seitigen Leitfaden dokumentiert, wer bei dieser WM in Gefahr ist: Fans aus dem Senegal, dem Iran, Haiti und der Elfenbeinküste können de facto nicht einreisen. Muslimische Fans aus zahlreichen Ländern berichten schon jetzt von Schwierigkeiten bei Visaanträgen. LGBTQ-Fangruppen wie Three Lions Pride und das europäische Netzwerk Queer Football Fanclubs haben angekündigt, in den USA nicht sichtbar aufzutreten.
Zwischen Januar 2025 und März 2026 starben allein 43 Menschen in Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ICE. Minky Worden, Direktorin für globale Initiativen bei Human Rights Watch, erklärte: »Momentan sieht es eher danach aus, dass das Turnier eine potenzielle Menschenrechtskatastrophe wird.«
Sport als Wahlkampfmaschine
Um zu verstehen, wie Trump den Sport nutzt, muss man weiter zurückgehen als zur WM-Vergabe.
Seit Jahren arbeitet er an einer populär-kulturellen Selbstinszenierung als Kämpfer – und kein Sport kam ihm dabei so gelegen wie die Ultimate Fighting Championship (UFC). Dana White, CEO der UFC und einer der brutalsten und erfolgreichsten Kampfsportpromoter der Welt, war Trumps wichtigster Wahlkämpfer 2024. Er hielt beim Republikanischen Parteitag die Eröffnungsrede – nicht Familienmitglieder, nicht Parteiprominenz, sondern ein Mann, der reich geworden ist, weil er Männer gegeneinander kämpfen lässt.
Die Verbindung ist nicht neu. Als die UFC in den frühen 2000er Jahren wegen der Brutalität der Kämpfe ein Imageproblem hatte und keine Veranstaltungsorte fand, stellte Trump seine Casinos in Atlantic City zur Verfügung. Heute spielt die UFC eine wichtige Rolle in den Wahlkämpfen.
Wenn Trump bei UFC-Veranstaltungen erscheint, tut er das wie ein Boxer: mit Musik, Bodyguards, Applaus. Dahinter steckt Strategie. Trump versuche, »junge weiße Männer anzusprechen, auch junge Männer mit verschiedenen ethnischen Hintergründen, aus verschiedenen Schichten, die sich mit der Männlichkeitskultur der UFC identifizieren«, so der Populismusforscher Karl Kusz.
Das Kalkül ging auf. Junge Männer, die sonst zu den Gruppen mit der niedrigsten Wahlbeteiligung gehören, stimmten 2024 überdurchschnittlich häufig für Trump. Schwarze und Latinomänner, die traditionell die Demokraten wählten, liefen ihm in nie dagewesener Zahl zu. Und der Kampfsport war Vehikel. Mehrere Spieler der National Football League (NFL) tanzten nach Trump-Art in die Kameras, darunter Nick Bosa – ausgerechnet für die San Francisco 49ers, den Klub, bei dem einst Colin Kaepernick für seinen stillen Kniefall gegen Polizeigewalt aus der Liga gedrängt worden war (siehe Randspalte). Bosa bezahlte für seine Make-America-Great-Again-Kappe 11.000 Dollar Geldstrafe. Kaepernick musste seine Karriere beenden.
WM-Teilnehmer im Krieg
Infantino trägt das Motto »Football Unites the World« wie ein Mantra vor sich her. Absurd: Zusammen mit Israel griff Trump am 28.Februar den WM-Teilnehmer Iran an – wenige Wochen, nachdem er den »FIFA-Friedenspreis« erhalten hatte. Das größte Turnier der Welt, ausgerichtet von einem Land, das gleichzeitig ein anderes Teilnehmerland bombardiert. Das gab es noch nie.
Einige Tage später erklärte der iranische Sportminister, sein Team werde »unter keinen Umständen« teilnehmen. Die FIFA bestätigte den Rückzug nicht. Mitte April sagte Infantino, dass Iran trotz des Kriegs mit den USA »auf jeden Fall« an der WM teilnehmen werde. Trump erklärte daraufhin, dass es »okay« für ihn sei, »wenn Gianni das sagt«. Infantino sei »fantastisch, er ist ein Freund von mir«.
Der Stand bei Redaktionsschluss: »Wir werden definitiv an der Weltmeisterschaft 2026 teilnehmen, aber die Gastgeber müssen unsere Bedenken berücksichtigen«, so der iranische Verband auf seiner Website. Dazu gehören u.a. Sicherheitsgarantien. Hintergrund der Forderungen ist unter anderem ein Vorfall im April, als Kanada dem iranischen Verbandschef Mehdi Taj vor dem FIFA-Kongress die Einreise verweigerte. Taj steht wegen seiner Verbindungen zu den Revolutionsgarden, die von Kanada 2024 als Terrororganisation eingestuft worden waren, in der Kritik.
US-Außenminister Marco Rubio heißt iranische Spieler zwar willkommen, schließt jedoch Einreiseverbote für Delegationsmitglieder mit Bezug zu den Revolutionsgarden nicht aus.
Das Schweigen der Verbände
Was auf all das folgte, war vor allem: Stille. Die beiden deutschen Verbände, DFB und DFL (Deutsche Fußball-Liga), versuchen wie immer, sich aus politischen Diskussionen herauszuhalten. Beim Neujahrsempfang der DFL sorgte jedoch DFB-Vizepräsident Roke Göttlich (auch Präsident des FC St.Pauli) für Aufsehen, indem er vorsichtig wegen der Morde in Minneapolis durch ICE-Beamte eine Boykottdebatte anstieß. Seine Aussagen stießen auf deutlichen Widerstand, wie der ARD-Journalist Chaled Nahar berichtete. DFB-Präsident Bernd Neuendorf habe die Debatte als »zeitlich unpassend« zurückgewiesen: »Es ist für uns als DFB, die nicht in politischen Zusammenhängen unterwegs sind, die nicht über die Informationen verfügen, wie Politiker in Berlin oder in anderen Ländern, sehr schwer, das wirklich seriös zu bewerten.«
In den USA schweigen auch diejenigen, die zu Trumps erster Amtszeit noch lautstark Stellung bezogen hatten, wie der Basketballstar LeBron James. In Trumps zweiter Amtszeit haben Verbands- und Klubstrukturen gelernt, was es kostet sich zu positionieren. Und wer 2026 noch Sponsoring, Ausrichterrechte oder TV-Gelder braucht, überlegt es sich zweimal. Je größer die finanzielle Abhängigkeit, desto tiefer das Schweigen. Dass die FIFA ihre eigenen Ethikregeln verletzt haben könnte – die z.B. Infantino als Amtsträger zur politischen Neutralität verpflichten – wird in den zuständigen Gremien weder geprüft noch auch nur erwähnt.
Trump wird beim Finale den WM-Pokal überreichen. Das hat die FIFA bestätigt. Es wird die erste WM sein, bei der von vornherein feststeht, dass ein amtierender Präsident des Gastgeberlandes den Pokal übergibt. Es wird auch die erste WM sein, bei der dieser Präsident gleichzeitig einen Teilnehmerstaat angegriffen hat. »Football Unites the World« heißt das Motto des FIFA-Friedenspreises. Es könnte hohler kaum klingen.
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