Vor der Tarifrunde in der Metall- und Elektroindustrie
von Jörg Wuttke
Die IGM-Vorsitzende Christiane Benner verkündet im Handelsblatt
ihr Programm gegen den Industrieabbau
Jörg Wuttke ist freiberuflicher Ingenieur und freier Autor. In seinem Beitrag unterzieht er die Position der IG Metall einer grundlegenden Kritik: die Orientierung auf Standortnationalismus sei gescheitert.
Bis Ende Oktober laufen die Verhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie über einen neuen Entgelttarifvertrag; dann läuft die Friedenspflicht ab.
Dem Vernehmen nach soll auch über die Arbeitszeiten gesprochen werden, die Vorstände vor allem der Autoindustrie fordern die Rückkehr zur 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich. Die IG Metall hält sich in dieser Frage bedeckt. Trotz massiven Stellenabbaus in den letzten Jahren, trotz drohender Werksschließungen mag sie sich nicht dazu durchringen, die 30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich auf die Tagesordnung zu setzen.
Die Metall- und Elektroindustrie steht vor einer der schwierigsten Tarifrunden ihrer Geschichte. Seit 2019 sind 320.000 Jobs verloren gegangen, Hunderttausende weitere stehen laut Arbeitgebern auf dem Spiel. Nicht wenige sprechen von einer Kernschmelze des industriellen Kerns.
?Im Handelsblatt-Interview vom 28.7.2026 skizzierte die IG-Metall-Chefin Christiane Benner ihre Rezepte, um Arbeitsplätze zu erhalten: Zölle, Local Content, ein Bekenntnis zu Wachstumsbranchen wie Rüstung und Rechenzentren – und eine Kampfansage in der Rentenfrage.
?Ein genauerer Blick auf die Fakten hinter diesem Programm zeigt: Es ist weit weniger kämpferisch, als es klingt, und an entscheidenden Stellen schlicht die deutsche Kopie einer gescheiterten US-amerikanischen Blaupause.
Christiane Benner fordert europäische Zölle auf chinesische Hybridfahrzeuge, um die unter Druck stehenden deutschen Hersteller zu schützen. Ihr Argument ist nicht aus der Luft gegriffen: Der Anteil chinesischer Marken an den in Europa verkauften Plug-in-Hybriden erreichte im Juni 2026 einen Rekordwert von 34 Prozent, begünstigt durch staatliche Subventionen, die drei- bis achtmal höher liegen als in der OECD-Region, sowie eine geschätzte Unterbewertung des Yuan von mindestens 40 Prozent. Das ist kein fairer Marktwettbewerb.
Nur: Genau diese Politik – Zölle und Protektionismus als Antwort – hat Trump in den USA bereits vorexerziert, mit ernüchterndem Ergebnis. Seit Trumps »Liberation-Day«-Zöllen im April 2025 wurden dort 89000 Stellen im verarbeitenden Gewerbe abgebaut, das dritte Jahr in Folge sinkt die Beschäftigung im Sektor. Von der versprochenen Rückverlagerung der Produktion keine Spur: Das US-Handelsbilanzdefizit erreichte 2025 einen Rekordwert.
Und wer zahlt die Zeche? Die Zollpolitik kostet US-Haushalte im Schnitt rund 2400 Dollar im Jahr – eine Summe, die nach Berechnungen der Bank of America bereits rund ein Viertel aller US-Haushalte hart trifft, die von Gehaltsscheck zu Gehaltsscheck leben; nach Fed-Zahlen könnte gut ein Drittel der US-Amerikaner nicht einmal eine unerwartete Ausgabe von 400 Dollar stemmen. Wer also von Zöllen eine Rettung der deutschen Autoindustrie erwartet, sollte diese Bilanz kennen.
Hinzu kommt eine Doppelmoral, die Christiane Benner nicht anspricht: Wenn die EU China Marktverzerrung durch Subventionen vorwirft, sollte sie den Blick auch auf sich selbst richten. Die direkten EU-Agrarexportsubventionen sind zwar seit 2003 offiziell abgeschafft, doch die strukturellen Effekte europäischer Überproduktion wirken bis heute: Importiertes Milchpulver wird in Westafrika zu bis zu 40 Prozent niedrigeren Preisen an Verarbeiter weitergegeben als lokal produzierte Milch – mit der Folge zerstörter bäuerlicher Existenzen und Landflucht.
Local Content: Auch eine Kopie des Trumpschen Irrwegs
Auch bei Benners zweiter Forderung – verbindliche Local-Content-Quoten für Zulieferer, verankert im Industrial Accelerator Act – handelt es sich um den aus den USA importierten nationalen Protektionismus. Ausländischen Herstellern, die in Europa Werke bauen, die Freiheit zu nehmen, dort einzukaufen, wo es am günstigsten ist, ist eine klassische Marktverzerrung, ökonomisch verwandt mit einer Subvention. Die US-Erfahrung mit »Buy-American«-Vorgaben zeigt: Solche Zwangsquoten bringen selten die versprochene Reindustrialisierung, erhöhen aber Kosten und Reibung.
Christiane Benners eigene Position ist zudem in sich widersprüchlich. Sie kritisiert zurecht, dass Local-Content-Regeln zahnlos bleiben, solange Freihandelsabkommen wie die mit Mercosur Importe aus Drittstaaten als »europäisch« durchwinken – fordert aber gleichzeitig eine »strikte Konzentration« auf den europäischen Markt, die »unbürokratisch und mit flexiblen Quoten« funktionieren soll. Strikte Vorgaben, die flexibel gehandhabt werden, brauchen genau den bürokratischen Prüfapparat, den sie angeblich vermeiden möchte.
Auch die von Benner positiv erwähnte Selbstverpflichtung zum Local Content des Verbands der deutschen Automobilindustrie überzeugt nicht: Die dortigen Konzerne sind alles andere als rein deutsche Unternehmen, sie unterhalten Produktionsstandorte weltweit und haben den internationalen Standortwettbewerb – Belegschaften gegeneinander um die niedrigsten Löhne und schlechtesten Arbeitsbedingungen ausspielen – selbst mitbetrieben. Der von Trump kopierte nationale Protektionismus ist nur eine Fortsetzung dieser Standortlogik mit anderen Mitteln.
Die verworfene Alternative: Arbeitszeitverkürzung
Was auffällt: Das naheliegendste Mittel, um Arbeitsplätze tatsächlich zu sichern, fehlt in Christiane Benners Programm fast vollständig. Dabei hat genau dieses Mittel in der Geschichte der IG Metall bereits einmal nachweislich funktioniert. Am 14.Mai 1984 traten 57500 Beschäftigte in 23 Betrieben in Nordwürttemberg/
Nordbaden in den Streik für die 35-Stunden-Woche, eine Woche später folgten Zehntausende in Hessen. Die Arbeitgeber reagierten mit Aussperrungen, die am Ende Hunderttausende betrafen.
Bundeskanzler Kohl nannte die Forderung damals »dumm und töricht«. Nach sieben Wochen härtestem Arbeitskampf der nordwestdeutschen Nachkriegsgeschichte einigte man sich auf eine erste Verkürzung von 40 auf 38,5 Stunden – die vollen 35 Stunden wurden erst 1995, elf Jahre und mehrere Tarifrunden später erreicht. Das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung bezifferte den dadurch geschaffenen Beschäftigungseffekt bis 1992 auf rund eine Million Arbeitsplätze.
Von dieser Kampfbereitschaft ist heute nichts mehr zu spüren. Statt auf Zölle und Quoten zu setzen, die die Standortideologie nur fortschreiben, könnte eine weitere Arbeitszeitverkürzung angesichts der heutigen Produktivitätsgewinne durch E-Mobilität und KI dieselbe Wirkung entfalten wie 1984.
Ausgerechnet diese Forderung hat die IG-Metall-Spitze jedoch weitgehend fallen lassen – und Benner persönlich steht dabei in einem handfesten Interessenkonflikt: Bei Aumovio, wo sie nicht als Gewerkschafterin, sondern als stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende mit am Tisch sitzt, wurde exakt das Gegenteil einer Arbeitszeitverkürzung beschlossen – eine Verlängerung von 35 auf 38 Stunden ohne Lohnausgleich, also eine Rückabwicklung dessen, wofür 1984 gestreikt wurde.
Als sie danach gefragt wird, ob das ein Vorbild für die ganze Branche sei, antwortet sie ausweichend mit einem Verweis auf die Wichtigkeit »tariflicher Instrumente«. Wer als Aufsichtsrätin eine Arbeitszeitverlängerung mitträgt und als Gewerkschaftsvorsitzende gleichzeitig für eine Arbeitszeitverkürzung eintreten müsste, gerät zwangsläufig in einen Rollenkonflikt – vierzig Jahre nach dem größten Erfolg, den die eigene Organisation mit genau dieser Forderung je erzielt hat.
Standortnationalismus ist ein Anachronismus
Vom Zoll über Local Content bis zur betrieblichen Standortsicherung zieht sich durch Christiane Benners gesamtes Programm ein und dasselbe Muster: Standortnationalismus verspricht kurzfristigen Schutz für die eigene Belegschaft, erkauft ihn aber durch Konkurrenz zwischen Beschäftigten verschiedener Standorte und Länder – ein Spiel, das die Arbeiterklasse, gleich wer gerade nachgibt, auf Dauer nur verlieren kann.
Standortnationalismus ist im Kern derselbe Anachronismus wie die Vorstellung, der souveräne Nationalstaat könne in einer längst globalisierten Ökonomie noch eigenständig über sein Schicksal bestimmen. Beides ignoriert dieselbe Realität: dass Kapital, Produktion und Lieferketten längst international verflochten sind.
Die eigentliche Alternative läge nicht in einer besseren Verwaltung des Standortwettbewerbs, sondern in seiner Überwindung durch eine Gewerkschaftspolitik, die wieder bereit ist, den Konflikt mit dem Kapital nicht nur national, sondern auch international zu suchen. Umso mehr gilt heute, was die Arbeiterbewegung seit ihren Anfängen weiß: Proletarier aller Länder, vereinigt euch!
Und nebenbei bemerkt: Eine geeinte internationale Kampfperspektive wäre auch das beste Gegengift gegen den Aufstieg der extremen Rechten. Nationale Standortpolitik dagegen vernebelt den unüberwindlichen Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit. Sie ist eine Volksgemeinschaftsideologie des »Wir sitzen alle in einem Boot«, die strukturell in dieselbe Richtung weist wie der Wirtschaftsnationalismus, mit dem auch rechte Parteien in Krisenzeiten um genau jene Beschäftigten werben, die sich von der eigenen Gewerkschaft im Stich gelassen fühlen.
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