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Barry Commoner (1917–2012)

Pionier des Ökosozialismus
von Daniel Tanuro

Am 30.September starb im Alter von 95 Jahren Barry Commoner. Von Beruf Biologe, Professor für Pflanzenphysiologie, war er vor allem an der globalen Funktionsweise von Ökosystemen interessiert.
An der Washingtoner Universität, an der Commoner lehrte, gründete er 1966 das «Zentrum für die Biologie natürlicher Systeme». Zuvor war er Ende der 50er Jahre wegen seiner Ablehnung der Atomkraft, insbesondere der oberirdischen Atomwaffenversuche, bekannt geworden.
Commoner veröffentlichte 1971 The closing circle (dt. Wachstumswahn und Umweltkrise, München 1973). In diesem Bestseller zeigt er, dass in der Natur alles aus etwas kommt und wieder in etwas eingeht, das impliziert ein Denken in Kreisläufen, das sich von der utilitaristischen Vision verabschiedet, die Umwelt sei einerseits ein Reservoir von Ressourcen, andererseits ein Abladeplatz für Abfälle.
Das Werk war stark von seiner Polemik gegen das Ehepaar Paul und Anne Ehrlich geprägt, den Verfassern der Bevölkerungsbombe (München 1971), was ebenfalls ein Bestseller war. Als Malthus-Jünger behaupteten die Ehrlichs, die Umweltzerstörung sei hauptsächlich dem demografischen Wachstum geschuldet. Commoner setzte dem eine gründliche Untersuchung der Umweltverschmutzung in den USA entgegen und kam zu dem Schluss, dass der technologische Faktor (die bei der Auswahl der angewandten Techniken gemachten Fehler) fünfmal mehr für die Umweltzerstörung verantwortlich zu machen war als der demografische Faktor.
The closing circle zeigte auch, dass Commoner über eine solide marxistische Bildung verfügte. Tatsächlich hatte er Das Kapital aufmerksamer gelesen, als manche Autoren, die vorgeben das Denken von Marx zu beherrschen:
– Deutlich arbeitete er den Antagonismus zwischen der kapitalistischen Akkumulation und der Endlichkeit der Natur heraus: «Wenn wir die Schlussfolgerung ziehen müssen, dass das System des freien Unternehmertums gezwungen ist, sich schrankenlos zu entwickeln, während seine ökologische Basis eine unbegrenzte Ausbeutung nicht ertragen kann, merken wir, dass das eine mit dem anderen grundsätzlich unvereinbar ist.»
– Er folgerte daraus den systemischen Charakter der kapitalistischen Krise. «In diesem Sinne sollte das Auftreten einer Krise im Ökosystem als erstes Anzeichen einer bevorstehenden Krise im ökonomischen System begriffen werden.»
– Er stellte einen Unterschied zwischen den Schriften von Marx und der sowjetischen Realität fest und bestritt, dass der Sozialismus seinem Wesen nach produktivistisch sei: «Ein sozialistisches Regime könnte letztlich mehr Vorteile bieten als ein Regime des freien Unternehmertums, weil es die unerlässliche Harmonie zwischen dem ökonomischen Prozess und den Erfordernissen der Ökologie herstellen kann. Die ökonomische Theorie des Sozialismus scheint keineswegs ein unbegrenztes Wachstum zu verlangen.»
– Schließlich würdigte Commoner den Verfasser des Kapitals wegen seines Konzepts der «rationellen Durchführung des stofflichen Austauschs zwischen Menschheit und Natur» und weil er begriffen habe, dass die kapitalistische Agrarwirtschaft und Industrie die beiden einzigen Quellen des Reichtums erschöpfen: die Erde und den Arbeiter. Er plädierte für eine «gründliche Modifizierung» der ökonomischen Systeme im allgemeinen und des Sozialismus im besonderen.

Die Konzentration von Energie und Reichtum
Ein zweiter Bestseller von Barry Commoner erschien 1976: The poverty of power (dt. Ausgabe: Energieeinsatz und Wirtschaftskrise, Reinbek 1977). Dieses Werk ist mindestens ebenso bemerkenswert wie das vorherige. Commoner behandelt darin die untrennbare Verbindung zwischen der Umweltkrise, der Energiekrise und der Wirtschaftskrise. Wenn er in The closing circle für ein umfassendes Verständnis von Umwelt und ihren Kreisläufen plädiert, fordert er in The poverty of power ein ganzheitliches Herangehen an das Energiesystem, insbesondere den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht nur auf Energieanlagen anzuwenden, sondern auf den gesamten Energieverbund. Dieser Ansatz hat zahlreiche andere Autoren inspiriert.
The poverty of power ist eine regelrechte Abrechnung mit den Monopolen der Erdöl- und petrochemischen Industrie. Noch deutlicher als in The closing circle tritt Commoner hier für eine (öko)sozialistische Lösung ein: «Noch vor einigen Jahren provozierte die Idee der Verstaatlichung verlegene Reaktionen. Heute zwingt die Notwendigkeit dazu, sie – natürlich mit Umsicht – als eine mögliche Lösung der Probleme der Eisenbahngesellschaften und sogar der Energieindustrie in Betracht zu ziehen.»
Seine damalige Schlussfolgerung hat an Aktualität nur gewonnen: «Eine blinde und sinnlose Verkettung von Ereignissen hat die industrielle und landwirtschaftliche Technologie verändert, den Verkehr verändert und den Ertrag des Produktivsystems erhöht, aber zum Preis eines erhöhten Bedarfs an Kapital, Energie und anderen Ressourcen. Sie hat Arbeitsplätze vernichtet und die Umwelt geschädigt, sie hat die physische Kraft der Energie und die gesellschaftliche Macht des Reichtums, die aus einer kleinen Anzahl riesiger Unternehmen kommt, konzentriert, und sie hat diese Kraft und diese Macht mit Erwerbslosigkeit und Armut genährt. Hier haben wir das Grundübel, das die Umwelt- und Energiekrise hervorbringt und uns unter den Trümmern eines wankenden Wirtschaftssystems zu verschlingen droht.»

Barry Commoner ist es wert, gelesen und wiedergelesen werden. Es wäre die größte Ehre, die wir diesem engagierten und gewissenhaften Wissenschaftler erweisen können, diesem freien und mutigen Geist und Vorläufer des Ökosozialismus.

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