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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 09/2017 |

5 x 4 Stunden sind genug!

Arbeit neu denken – aus Anlass der Tarifrunde der IG Metall
von Manfred Dietenberger

Im Zusammenhang mit der Ende 2017 beginnenden Tarifrunde für die rund 3,7 Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie hat die IG Metall unter dem Motto «Mein Leben, meine Zeit – Arbeit neu denken» die Diskussion über ihre künftige Arbeitszeitpolitik eröffnet. Damit greift sie endlich den Fehdehandschuh auf, der ihr von der Kapitalseite immer wieder vor die Füße geworfen wird.

In seinen «Handlungsempfehlungen» für die nächste Bundesregierung fordert der Unternehmerverband BDI, der Staat müsse die «Arbeitswelt» auf die Digitalisierung vorbereiten, «flexible Arbeitsformen» dürften nicht länger «durch Regulierung» behindert werden. Die gerade frisch gekürte CDU-FDP-Landesregierung in Nordrhein-Westfalen hat bereits angekündigt, nach der Bundestagswahl mit einer Bundesratsinitiative die gesetzliche Höchstarbeitszeit sowie die Ruhezeit von elf Stunden zwischen zwei Schichten schleifen zu wollen. Gegenwehr ist also angesagt. Nicht zuletzt deshalb hat die IG-Metall-Führung eine Befragung der in der Branche beschäftigten Kolleginnen und Kollegen durchgeführt (siehe SoZ 3/2017), an der sich 680000 Beschäftigte beteiligten und bei der sie ihre «Erwartungen hinsichtlich der Arbeitszeitgestaltung» ankreuzen konnten.

Aus diesem großen Steinbruch leitet nun die IG Metall ihre Forderungen ab. Ende Juni zog der IG-Metall-Vorsitzende Jörg Hofmann auf einer Funktionärskonferenz vor über 800 Mitgliedern der regionalen Tarifkommissionen in Mannheim erste Schlussfolgerungen: «Das Konzept ‹Vollzeit plus Überstunden plus Leistungsverdichtung plus Flexibilität› hat ausgedient. In der Arbeitswelt der Zukunft arbeiten die Menschen selbstbestimmt und sicher, um kreativ, gesund und zufrieden zu sein.» Deshalb will die IG Metall ihre kommenden Tarifgespräche unter dem Motto «Mein Leben – meine Zeit» führen. Konkret: Um etwa Kinder betreuen oder Angehörigen pflegen zu können, sollen Vollzeitbeschäftigte künftig ihre Arbeitszeit für die Dauer von maximal zwei Jahren auf 28 Stunden reduzieren und danach wieder zur Vollarbeitszeit zurückkehren können. Der Monatslohn würde üblicherweise der Arbeitszeit angepasst. Einen gewissen Lohnausgleich würde es aber für die unteren Tarifgruppen geben. «Wir wollen diesen Entgeltausgleich als eine zeitgemäße Sozialleistung tariflich regeln, weil Zeit für Kinder und Pflege gesellschaftlich notwendig ist», so Hofmann.

Anscheinend verzichtet die IG Metall schon im Vorfeld der Entwicklungen, die unter dem Stichwort Industrie 4.0 diskutiert werden, auf die Forderung nach kollektiver Arbeitszeitverkürzung zur Kompensation der mit Sicherheit zu erwartenden Produktivitätsschübe. Stattdessen zeigt sie – scheinbar durch ihre Beschäftigtenbefragung auf den Boden der gesellschaftlichen Realität geholt – plötzlich Aufgeschlossenheit für die Wechselfälle und die Vielfalt des Lebens. Das hat weniger mit Realismus als vielmehr mit der Preisgabe fortschrittlicher gewerkschaftlicher Vorstellungen von Arbeit zu tun, die nicht Maloche, sondern Bestandteil einer noch zu erkämpfenden humanen Gesellschaft ist. Der Vorschlag der IGM-Spitze ist ein Bückling vor dem Zeitgeist, der ein kollektives Interesse an einer neuen politischen Ökonomie des guten Lebens, der «lebendigen Arbeit» und der «befreiten Zeit» (Oskar Negt) laut bestreitet.

Während in Industrie und Handwerk oft deutlich über 40 Stunden gearbeitet wird, sind dies im immer größer werdenden Versorgungs- und Dienstleistungsbereich oft nur 15–20 Stunden, manchmal sogar nur 5–10 Stunden, mit entsprechend geringem Einkommen. Da aber kurze Arbeitszeit bisher immer auch wenig Lohn und Gehalt bedeutet, ist eine Verkürzung der Wochenarbeitszeit bei den Kollegen derzeit nicht unbedingt hoch im Kurs, wie der Tarifabschluss bei der Deutschen Bahn zeigt. Hier hatten die Beschäftigten drei Optionen: 2,6 Prozent mehr Lohn, Verkürzung der Arbeitszeit von 39 auf 38 Stunden oder sechs Ferientage mehr. 56 Prozent der Bahnbeschäftigten wählten die Ferientage, 42 Prozent die höhere Bezahlung – aber nur 2 Prozent die niedrigere Wochenarbeitszeit.

Die Verkürzung der Wochenarbeitszeit auf 35 Stunden war allerdings vor der gewerkschaftlichen Mobilisierung Mitte der 80er Jahre auch nicht gerade Herzenssache der Beschäftigten. Weil sie sich zunächst nicht vorstellen konnten, wie dieses Ziel samt Forderung nach vollem Lohn- und Personalausgleich erreicht werden kann. Dies Bewusstsein zu bilden war und ist Aufgabe der Gewerkschaften.

Es gibt unbestreitbar einen Grundwiderspruch zwischen Kapital und Arbeit und deshalb passen unsere Vorstellungen über die Qualität der Arbeit und die Arbeitszeit nicht mit denen der Kapitalbesitzer überein – weil jedes «Mehr» an Lebensqualität dem Kapitalisten ein «Weniger» an Profit beschert. Darauf können wir keine Rücksicht nehmen.

Wir sollten den Vorschlag der IGM zur anstehenden Tarifrunde solidarisch vorwärtstreibend kritisieren und zum Anlass nehmen, unser Verhältnis zur Arbeit radikal «neu zu denken» – und nicht nur nebenbei die Eigentumsfrage mit in die Diskussion werfen. Nur so kommen wir in die Lage, den Arbeitsbegriff weiter als bisher zu fassen. Bisher bezahlte «produktive» Erwerbsarbeit wird durch Produktivitätssteigerungen, Nachfragerückgang und erschöpfte Energie- und Rohstoffquellen immer weniger. Unbegrenztes, Mensch und Umwelt zerstörendes Wachstum muss gestoppt werden. Das verbleibende Quantum an Arbeit muss durch radikale Arbeitszeitverkürzung zur «Umfairteilung» aller Arbeit führen. Dazu ist mit der Profitlogik zu brechen. Ab sofort brauchen wir eine umfassende gesellschaftliche Debatte über «kurze Vollzeit». Kurze Vollzeit meint eine radikale Arbeitszeitverkürzung, den Vier-Stunden-Tag bzw. die 20-Stunden-Woche bei vollem Lohn- und Personalausgleich.

Wir brauchen diese radikale kollektive Arbeitszeitverkürzung nicht nur wegen der zu erwartenden Folgen des Kapital-Projekts Industrie 4.0, sondern auch aus Gründen der Beschäftigungs- und Geschlechtergerechtigkeit, zur Steigerung der Lebensqualität und der gesellschaftlichen Teilhabe.

Unmöglich? Gemach: Der katholische Sozialethiker Oswald von Nell-Breuning war in der Frage Arbeitszeitverkürzung noch viel radikaler. Schon 1985 vertrat er die Ansicht, «dass zur Deckung des gesamten Bedarfs an produzierten Konsumgütern ein Tag in der Woche mehr als ausreicht». Also versuchen wir das scheinbar Unmögliche, denn es gibt ein Leben vor dem Tod – das gilt es zu leben, dafür lohnt es sich zu kämpfen!


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