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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 11/2017 |

30-Stunden-Woche: Beliebt, aber falsch angepackt?

Tarifrunde der IG Metall 2017/18
von Thies Gleiss

Die IG Metall bereitet ihre nächste Tarifrunde vor. Die laufenden Gehaltstarifverträge laufen Ende des Jahres aus, die ersten Tarifverhandlungen finden im November statt.

Nach der für die IG Metall üblichen Meinungsfindungsrunde in betrieblichen, örtlichen und bezirklichen Versammlungen und nach Diskussionen in den regionalen Tarifkommissionen wird die Gewerkschaft aller Voraussicht nach mit zwei Hauptforderungen ins Gefecht ziehen: 6 Prozent mehr Lohn und eine individuelle und befristete Arbeitszeitverkürzung für besonders belastete Beschäftigte oder solche, die aus persönlichen oder familiären Gründen bis zu 7 Stunden wöchentlich kürzer arbeiten möchten.

Dazu wird die Angleichung bei Arbeitszeiten und Entgelten für die ostdeutschen Bundesländer gefordert. Und Auszubildende und Dual-Studierende sollen einen freien Tag vor den Prüfungen erhalten.

 

Ein ehrgeiziges Paket

Die Forderung nach deutlich mehr Gehalt war in den Diskussionen der Kolleginnen und Kollegen völlig unstrittig. Die Unternehmen der Metall- und Elektroindustrie machen gute Umsätze und die meisten auch satte Gewinne. Da viele Unternehmen fast voll ausgelastet sind und überall über den Mangel an Facharbeitern geklagt wird, der die termingerechte Auftragserfüllung gefährde, sind die Chancen relativ gut, einen schnellen Lohnabschluss zu erzielen, der nicht umwerfend sein und kaum die – nur noch bei älteren Gewerkschaftern bekannte – «Umverteilungskomponente» enthalten wird, aber die Inflationsrate ausgleicht und bei den meisten Kollegen auf Zustimmung stoßen wird. Der Auftragsdruck erhöht die Bereitschaft der Unternehmer, es nicht auf einen Streik oder auch nur längere Warnstreiks ankommen zu lassen.

Die IG Metall droht seit letztem Jahr mit einer neuen Warnstreiktaktik, die eintägige Warnstreiks erlaubt. Gleichzeitig stehen 2018 ab März Betriebsratswahlen an, bei denen die Gewerkschaft sowohl mit einem guten Abschluss werben als auch gerne verhindern möchte, dass die Tarifrunde von einer friedlichen Wahlstimmung in den Betrieben ablenkt.

Schwieriger wird es werden, diesen Abschluss auch auf die Ostbezirke auszudehnen. Nach 28 Jahren deutscher Einheit wäre eine Angleichung mehr als überfällig, aber es ist zu befürchten, dass es höchstens wieder zu einem Angleichungskorridor kommt, der erst in weiteren Jahren beendet ist und womöglich sogar noch mit Härteklauseln und dergleichen durchlöchert wird. Die Beschäftigten in Ostdeutschland hätten auf jeden Fall eine starke Berücksichtigung ihrer Sonderinteressen – die sich ja auch auf die Arbeitszeit beziehen – verdient.

 

Bei der Arbeitszeitverkürzung droht ein Flop

Die Kämpfe um eine Verkürzung der Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche begannen 1978 in der Stahlindustrie, der große Streik in der Metallindustrie liegt fast 34 Jahre zurück. Seitdem ist das Thema Arbeitszeitverkürzung in den Betrieben stets ein großes Thema, aber für die meisten ein Projekt «zu schön, um wahr zu sein». Das trifft seit Jahren auf die Zurückhaltung der IG Metall und ihrer Funktionäre, dieses große Thema noch einmal anzufassen. Dennoch haben sowohl die große Beschäftigtenbefragung der IGM als auch diverse Studien ergeben, dass die heute Teilzeit Arbeitenden gerne etwas länger, und die Vollzeit Arbeitenden gerne kürzer arbeiten wollen. Sie treffen sich ungefähr bei einer 30-Stunden-Woche. Dennoch wird die Forderung nach einer allgemeinen Arbeitszeitverkürzung für alle bei Lohn- und Personalausgleich heute nur von der Partei DIE LINKE und von wenigen Gewerkschaftslinken aufgestellt.

Jetzt fordert die IG Metall nur ein individuelles Recht auf persönliche Arbeitszeitverkürzung auf 28 Stunden pro Woche, und das für einen Zeitraum von zwei Jahren. Danach ist eine Rückkehr zu garantieren. Damit sollen Beschäftigte angesprochen werden, die besonders belastet sind, wie Schicht- und Nachtarbeitende und solche, die Kinderbetreuung, Pflegearbeiten oder Weiterbildung für sich realisieren möchten.

Vollmundig wird versprochen, darauf «zu achten, dass es dabei auch zu einem Personalausgleich kommt» (IG-Metall-Chef Hofmann). Gleichzeitig fordert die Gewerkschaft, dass die Unternehmen einen Teil des Entgeltverlusts ausgleichen sollen – vorrangig bei besonderen Belastungen. Es wird in der Debatte auch mal wieder mit dem Vorschlag gewedelt, dass dieser Ausgleich nur für Gewerkschaftsmitglieder gezahlt werden soll. Schauen wir mal, ob sich Unternehmer darauf einlassen, ihre Beschäftigten auf diese Weise in die IG Metall zu drängen.

Das wird in Klein- und Mittelbetrieben kaum der Fall sein. Dafür wird dort etwas anderes wirken: Die individuelle Arbeitsverkürzung wird sehr vielfältig sein und in Dutzende verschiedene Ausführungsmodelle aufgesplittet werden. Das bedeutet, den größten Teil der Arbeit haben die Betriebsräte in der betrieblichen Umsetzung zu leisten. Die sind allerdings sowieso schon in Tausenden Klein- und Mittelbetrieben häufig restlos überfordert, sodass zu befürchten ist, dass eine solche Arbeitszeitvereinbarung entweder kaum umgesetzt wird (wie z.B. ähnliche individuelle Weiterbildungstarifverträge) oder zu großen Enttäuschungen führt, die sich ganz sicher nicht in neuen Mitgliedern für die IG Metall ausdrücken.

Es gibt keine Alternative zu einer Arbeitszeitverkürzung für alle und in einem geregelten Rahmentarifvertrag, mit Lohn- und Personalausgleich. Das wäre eine sozialpolitisch angemessene Antwort auf die wachsende Prekarisierung der Arbeitsverhältnisse und auf die besondere Geschlechterverteilung der Arbeit zwischen Männern und Frauen. Vor allem käme es einem tiefen und lang anhaltenden Bedürfnis von Millionen Beschäftigten entgegen.


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