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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2018 |

Kampf an allen Fronten: Fünf Jahre Streik bei Amazon

Bericht vom Amazon-Forum Bad Hersfeld
von Violetta Bock

Seit fünf Jahren streiken die Beschäftigten bei Amazon. Sie haben Lohnerhöhungen durchgesetzt, Weihnachtsgeld, erhielten bessere Pausenräume und konnten an manchen Standorten sogar die Quote an befristeten Beschäftigungsverträgen senken. All das ist natürlich eine «freiwillige Leistung», denn der Tarifvertrag ist noch in weiter Ferne. Deshalb kann auch weiter gestreikt werden und es gelten keine 30 Monate Friedenspflicht.

Am 13.April lud die Bundestagsfraktion DIE LINKE zum Amazon-Forum «Taktgeber des digitalen Kapitalismus» nach Bad Hersfeld ein. Rund 90 Beschäftigte aus Bad Hersfeld, Leipzig und Berlin, Abgeordnete aus dem Landtag und Bundestag, Aktive aus Initiativen, die sich mit verschiedenen Aspekten von Amazon befassen, und Interessierte folgten der Einladung. Die Bundestagsabgeordnete Sabine Leidig führte durch das Programm, nach den Grußworten wurden die verschiedenen Amazon-Aspekte aufgefächert.

Christian Krähling, Vertrauensmann in Bad Hersfeld, gab einen Rückblick über fünf Jahre Streik und die Erfolge, die in dieser Zeit errungen wurden. Im letzten Jahr öffnete Amazon weitere Standorte: Die Kolleginnen und Kollegen sind schon dabei, Beschäftigte dort direkt anzusprechen und über die Gewerkschaft und den Arbeitskampf zu informieren und Kontakte herzustellen. Achim Kessler, ebenfalls Bundestagsabgeordneter, ging auf die gesundheitlichen bzw. eher krankmachenden Aspekte und Arbeitsbedingungen ein. Gegen Amazon wehren sich nicht nur die Beschäftigten. Alfred Eibl (Attac) erzählte von den gezielten Maßnahmen der Steuervermeidung und ihre Methoden aufzuklären, wer die tatsächlichen Steuerflüchtlinge und Schmarotzer sind.

Dem schloss sich Jutta Sundermann (Aktion agrar) an. Das neue Angebot von Amazon fresh zur direkten Anlieferung von Lebensmitteln führe zum Sterben der Höfe. Aktion Agrar tritt für faire Preise und die Unabhängigkeit der Landwirte von Konzernen ein. Letztere weisen auf die Problematik des Amazonsystems hin, haben Aufkleber und Add-Busting entwickelt und zeigten größere Präsenz bei der letzten Leipziger Buchmesse. Das Problem an der Ausweitung des Sortiments sei bei den Lebensmitteln aber zugleich die Verknüpfung und direkte Übermittlung von Daten aus dem Kühlschrank. Amazon erstellt damit detaillierte Persönlichkeitsprofile, die über Algorithmen immer weiter verfeinert werden.


Gemeinsame Interessen gegen Amazon

Als Datenkrake findet Amazon neue Formen für die Sammelwut. Mit Alexa kann sich jeder Verbraucher sein individuelles Überwachungsobjekt in die eigenen vier Wände holen. Lars Wehring vom Autorenkollektiv Capulcu beleuchtete vor allem den Aspekt, wie Amazon Daten sammelt, auswertet und welche Folgen zu befürchten sind. So werden nicht nur Persönlichkeitsprofile erstellt, sondern ebenso Profile gesellschaftlicher Nachfrage. Die Buchhändlerin Andrea Euler warnte davor, dass Amazon als Plattform genau erfassen kann, welche Produkte sich gut verkaufen, um dann die meist nachgefragten selbst aufzulegen und die Vielfalt zu verdrängen. Denn Amazon unterhöhle konsequent die Buchpreisbindung, die gerade dem Schutz von kleinen Verlagen und weniger nachgefragten Büchern dient.

Um Druck auf Amazon aufzubauen, spielt der Arbeitskampf eine führende Rolle. An verschiedenen Orten gründeten sich daher Streiksolidaritätskomitees, das stabilste davon in Leipzig. Zum Abschluss der Inputs bekräftigte Lena Widmann von Ver.di die anstehenden Herausforderungen. Gerade ein Unternehmen wie Amazon kann nur international angegangen werden. Nach fünf Jahren hat die internationale Vernetzung eine neue Stufe erreicht. So werden nun auch konkrete gemeinsame Aktionen besprochen. Vor kurzem erst traten die Amazonbeschäftigten in Spanien in den Streik. Als die Beschäftigten in Deutschland davon erfuhren, schloss man sich in Deutschland an und ein Kollege machte sich auf den Weg, um die solidarischen Grüße persönlich in Spanien zu überbringen.

Diese erste Runde beleuchtete alle negativen Seiten von Amazon. Das Abschlusspodium und die Diskussion gaben Gelegenheit, auch auf die Widersprüche einzugehen. Amazon funktioniert wegen der gesellschaftlichen Verhältnisse, in die es eingebettet ist. So sind viele, die bei Amazon arbeiten, auch zufrieden, weil sie besser verdienen als in anderen prekären Jobs, die sie vorher hatten. Viele erhalten als Saisonarbeiterinnen auch nur zu Weihnachten einen Einblick, wenn plötzliche Events organisiert werden. Da stößt es manche dann vor den Kopf, wenn gerade Amazon immer als der schlimmste Arbeitgeber herhalten muss. Da sei es aber auch Aufgabe der Presse, gut zu recherchieren, und nicht nur die Jubelberichte von Pro Amazon abzudrucken, so Andreja Schmidtkunz, Amazon-Beschäftigte und DGB- Kreisvorsitzende.

Aufgrund der klaren Unternehmensvorstellung und Gewerkschaftsfeindlichkeit sei Amazon einer der härtesten Gegner, begründete Johannes Schulten vom Journalistenbüro «work in progress», dass es auch nach fünf Jahren noch keinen Durchbruch gebe. Deswegen ist der Kampf gegen Amazon nicht nur ein gewerkschaftlicher, sondern ein gesellschaftlicher Kampf, der uns alle betrifft. Dies sei Anstoß für die Kampagne «Make amazon pay» gewesen, so Mitinitiator Hamid Mohseni. Doch trotz aller Schattenseiten bediene Amazon das Narrativ, «wir machen das Leben für alle einfacher». Und sicherlich ist nicht zu leugnen, dass dies – auch wenn der Preis hoch ist – in manchen Aspekten zutrifft. Es wäre daher durchaus zu überlegen, ob auch Innovationen dabei sind, die wir in einer sozialistischen Gesellschaft gebrauchen können. Doch daran dachten die Herren im Axel Springer Haus sicher nicht, als sie entschieden, Jeff Bezos, Chef von Amazon und der reichste Mann der Welt, am 24.April in Berlin den Axel-Springer-Preis für «sein visionäres Unternehmertum in der Internetwirtschaft sowie die konsequente Digitalisierungsstrategie» zu verleihen. Bei Redaktionsschluss müssten sich bereits die ersten Demonstranten vor dem Gebäude eingefunden haben.

Vielleicht ist dies der Auftakt für ein gesellschaftliches Bündnis, das nicht nur an verschiedenen Fronten kämpft, sondern gemeinsam agiert, um an Amazon ein Exempel zu statuieren.


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