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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 05/2018 |

«Ohne die CGT hätte 68 in Frankreich nicht ­dieselbe Bedeutung erlangt»

Erforschung neuer Quellen über die 68er Bewegung in Frankreich
Gespräch mit Ludivine Bantigny

50 Jahre nach 1968 ist Archivmaterial zugänglich, zu dem es vorher keinen Zugang gab. Neuere Forschungen ergeben deshalb stellenweise einen sehr anderen Blick als den, die die Akteure von damals bislang transportierten. Ludivine Bantigny ist Historikerin an der Universität Rouen in Frankreich. Sie hat in den Archiven über die 68er Bewegung geforscht und vor kurzem ein Buch darüber auf französisch veröffentlicht.* Victor Gysembergh sprach mit ihr für die SoZ, er arbeitet derzeit am Friedrich-Meinecke-Institut der FU Berlin.


Ludivine, welche Unterschiede hast du festgestellt zwischen der Erinnerung an 1968 in Frankreich und Deutschland?

In Deutschland fanden keine Betriebsbesetzungen statt, der Grad von Klassenkampf und Klassenorganisation war niedriger. Daher ist die Erinnerung zwischen studentischer Bewegung und Arbeiterbewegung sehr gespalten. Paradoxerweise waren deutsche Aktive auf der programmatischen und strategischen Ebene oft viel fortgeschrittener.


War die Zusammensetzung der sozialen Bewegung in Deutschland denn ausschließlich studentisch?

Es gab Versuche, mit der Arbeiterbewegung zusammenzukommen und z.B. gemeinsame Demonstrationen zu organisieren. Ohne die Gewerkschaftszentrale CGT hätte 68 in Frankreich nicht dieselbe Bedeutung bekommen. In Deutschland gab es dazu keine Entsprechung, auch nicht zu den KPs Frankreichs oder Italiens.


Eine der Neuerungen in deinem Buch ist, dass du die Vielfalt der Bewegung in Frankreich darstellst…

Ja, es ist eine Fehlinterpretation, Mai 68 allein auf die Studierendenbewegung zurückzuführen. Die Bewegung fängt viel früher an, mit Arbeiterstreiks und Erfahrungen der Betriebsbesetzung und der Selbstverwaltung. Es folgen Mobilisierungen der Bauernschaft mit Bündnissen zwischen Arbeitern, Bauern und Studierenden, z.B. in der Bretagne und der Normandie. Das muss man im Auge behalten, will man verstehen, was in Nanterre [die Universität Paris-Nanterre wurde ab dem 22.März Ausgangspunkt der studentischen Bewegung] und im Quartier Latin [Studentenviertel in Paris] passiert. Die Studierenden, die Anfang Mai aktiv werden, reden die ganze Zeit von den Arbeiterkämpfen in kleineren Städten wie Caen, Besançon, Redon oder Quimper.

An den Auseinandersetzungen im Quartier Latin nehmen schon früh auch Proleten teil: Fabrikarbeiter, Angestellte, Kellnerinnen usw. Von Anfang an wollen sich die Studierenden, die meistens aus wohlhabenden Schichten stammen, mit den Arbeitern verbinden. Sie wenden sich gleich an die Arbeiterschaft, aber ohne Fetischismus.


Die Bewegung hat in Deutschland eben früher angefangen als in Frankreich. Welchen Einfluss hatte die deutsche 68er Bewegung auf die französischen Ereignisse?

Mir war es ein Anliegen, die transnationale Dimension zu untersuchen. SDS-Aktive kommen vor Mai nach Nanterre und Paris. Es gibt auch Beziehungen zwischen Organisationen, gleich ob libertärer, anarchistischer, trotzkistischer oder «marxistisch-leninistischer» Prägung… Es finden Debatten und öffentliche Treffen mit westdeutschen Aktiven statt. Von Deutschland wird gelernt, Cohn-Bendit sagt ausdrücklich in den Medien, dass das eine Inspirationsquelle sein soll. Französische Aktive, die im Februar nach Deutschland fahren, sind von der Qualität der Organisation und dem Internationalismus der Meetings verblüfft. Das deutsche Beispiel spielt eine wesentliche Rolle für den Internationalismus der Studierendenbewegung in Frankreich, während die Arbeiterbewegung unter dem Einfluß der Französischen Kommunistischen Partei (PCF) viel weniger internationalistisch ist. [PCF-Organisationssekretär] Georges Marchais nennt Cohn-Bendit den «deutschen Anarchisten»! Er ist nicht nur Anarchist, sondern auch noch deutsch…


Gab es im Mai Überlegungen, den Streik international zu koordinieren?

Nein. Paradoxerweise war der Internationalismus in den Wochen davor viel präsenter, besonders in bezug auf Vietnam (das ist aus den Archiven der IV.Internationale ersichtlich). In Japan und Australien hatten sich die Hafenarbeiter geweigert, mit dem Vietnamkrieg verbundene Waren zu be- und entladen: das ist Internationalismus mit den Mitteln der Arbeiterbewegung. Aber sobald der Streik in Frankreich beginnt, ist es so, als hätten die Aktiven keine Zeit mehr für Internationalismus. Die Aktiven und die führenden Kader der Bewegung haben ihre Schwerpunkte aber auch immer wieder verlagert, je nach Entwicklung der Situation. So erschien die von Tariq Ali geleitete Zeitschrift Black Dwarf in London, er selbst aber war nach Vietnam und nach Pakistan gereist. Im Mai macht die Zeitschrift dann mit einer Schlagzeile über den Generalstreik auf, und er trifft sich mit Cohn-Bendit, Alain Krivine usw.


Kamen also aus Frankreich Aufrufe zum internationalen Streik?

Deine Frage erinnert mich an das, was während der Pariser Kommune passierte: da gab es einen Aufruf, weitere Kommunen zu bilden. 68 gibt es keinen Aufruf sondern die Feststellung, dass es überall passiert, dass wir nicht isoliert sind. Prag, Tokyo, Berkeley, Mailand… Die IV.Internationale analysiert damals sehr gut, dass die Kapitalisten hart bedrängt werden und dass sich Breschen öffnen, ja sogar eine Konjunkturwende stattfindet. Der Wettbewerb wird durch Freihandel verschärft, der US-Imperialismus ist geschwächt, die UdSSR ist bedrängt, kurzum ist die Situation offen und alles möglich.


Apropos IV.Internationale, welches Fazit kann man aus den Analysen Ernest Mandels ziehen?

Er hatte scharfe Analysen und sehr umfassende Kenntnisse über die internationale Lage. Die Analysen von Marcuse einerseits, Mandel andererseits zeichnen sich dadurch als wirklich einzigartig aus, dass sie gegenüber den Besonderheiten der Situation offen sind, z.B. was die Rolle der Studierenden als möglichem Zündfunken der Revolution und ihre Autonomie von der Bourgeoisie angeht. Das ist grundverschieden von den Maoisten, denen die Studierenden ziemlich egal sind.


Welche Rolle spielte die DDR?

Die DDR kommt kaum vor, viel eher spielen die CSSR und noch mehr Polen eine bedeutende Rolle. Der Offene Brief an die Vereinigte Polnische Arbeiterpartei von Kuron und Modzelewski, zwei echt revolutionäre Sozialisten, kritisiert die Bürokratisierung und das ganze bestehende System. Dieser Brief kursiert in Übersetzung, u.a. dank Aktiven jüdisch-polnischer Herkunft, er taucht auch in der besetzten Sorbonne auf. Auch hier spielt die IV.Internationale eine große Rolle in der Verbreitung dieser Erfahrung. Als Cohn-Bendit vor einem Disziplinarausschuss in Nanterre verhört wird, weist er sich als Kuron-Modzelewski aus.


Was fordern die wichtigsten Organisationen?

Drei Blöcke lassen sich unterscheiden. Die CGT, ohne die (wie ohne die CFDT) Mai 68 nicht stattgefunden hätte, erhebt sowohl materielle Forderungen – Lohnerhöhungen, Verkürzung der Arbeitszeit, Senkung des Arbeitstempos, Maßnahmen gegen Entlassungen und Betriebsschließungen, mehr Rechte für Gewerkschaften im Betrieb – als auch die politische Forderung nach einer Volksregierung, d.h. eines Zusammenschlusses der linken Kräfte mit einem reformistischen, keynesianischen Programm.

Die damalige CFDT ist eine sehr politische Gewerkschaft, die der PSU (Vereinigte Sozialistische Partei) nahesteht. Sie übernimmt die Forderungen der CGT, stellt aber auch die Machtfrage, insbesondere in den Betrieben: Macht für die Arbeiter, die Bauern, die Studierenden, Selbstverwaltung…

Die revolutionären Organisationen führen ein Übergangsprogramm ins Feld. Betriebe werden besetzt, die Situation ist objektiv revolutionär, darum stellen sie die Frage nach der Produktionsweise und entwickeln Forderungen, die der Macht der Bosse widersprechen: Offenlegung der Geschäftsbücher, Aufhebung des Bankgeheimnisses, Vetorecht der Arbeiterinnen und Arbeiter.


Was ist heute das Erbe von Mai 68?

Dieses Erbe ist mehrschichtig. Seine Errungenschaften  werden höchst verschieden interpretiert, weil die Organisationen grundverschiedene Linien vertraten. Die CGT hat versucht, den Generalstreik schnellstmöglich und mit allen Mitteln zu beenden: im Abkommen von Grenelle gab sie ihre meisten Forderungen sowie jede Perspektive einer strukturellen Veränderung auf (das Abkommen sah nur Lohnerhöhnungen und mehr Gewerkschaftsrechte vor). Als de Gaulle die Auflösung der Nationalversammlung verkündete, gab sie der Wahlstrategie die oberste Priorität, da durften keine «Ultralinken» den «französischen Weg zum Sozialismus» versperren. Als am 11. und 12.Juni zwei Arbeiter und ein Student umgebracht wurden, gab sich die CGT damit zufrieden, zu einem einstündigen Warnstreik aufzurufen, ohne die Information überhaupt richtig zu verbreiten… Von den Linksextremen bis zu den Rechtskonservativen war für alle offensichtlich, dass die PCF die Rolle eines objektiven Verbündeten des Regimes von de Gaulle spielte.


Kam denn nichts Positives dabei heraus?

Das andere Erbe besteht aus den sozialen Bewegungen, die nach 68 entstanden. Oft geht es um Fragen wie Ökologie, die im ersten Augenblick wenig Aufmerksamkeit erfahren. So auch der Feminismus, mit der FMA (der Gruppe Féminin – Masculin – Avenir, danach in Féminisme – Marxisme – Action umbenannt) und später der MLF (Frauenbefreiungsbewegung), nachdem in der Mai-Bewegung die Frauen sehr aktiv waren, aber oft unsichtbar gemacht oder auf untergeordnete Rollen beschränkt wurden. Oder die sexuelle Befreiung, mit der Homosexuellen Front für revolutionäre Aktion (FHAR), aber auch der Verbreitung von Texten Wilhelm Reichs… Paradoxerweise reproduzierte die französische 68er Bewegung vielerorts Formen der Männerherrschaft, die Bewusstwerdung dessen erfolgte erst später – während in den USA das feministische Bewusstsein von Anfang an sehr stark war. Von den Erfahrungen im Mai übernahm die feministische Bewegung in Frankreich das Frauenplenum als punktuelle Organisationsform um zu lernen, das Wort zu ergreifen.


Gilt gleiches für den Antirassismus?

Ja, übrigens haben sich ausländische Arbeiter, die an der Bewegung teilnahmen, manchmal selbst organisiert. Bei Renault Billancourt z.B. haben sich die Algerier selbst organisiert, um Lohngleichheit und ein Ende der Diskriminierung zu fordern. Die CGT aber weigerte sich, ihre Plattform zu unterstützen. Sie gab sich damit zufrieden, Flugblätter in mehreren Sprachen zu verteilen, machte sich aber keine antirassistische Forderungen zu eigen. Auch die Repression betraf Ausländer stärker – doch die PCF hat nicht für Solidarität gesorgt, sie hat im Juni nicht gegen Abschiebungen mobilisiert.


Zum Schluss: «Ohne revolutionäre Partei keine Revolution?»

(Lacht.) Die revolutionären Organisationen haben eine weit größere Rolle gespielet, als ihre zahlenmäßige Stärke vermuten lässt. Sie haben auch strategische Fragen gestellt, die uns heutzutage arg fehlen; z.B. haben Anführer der JCR (Jeunesse Communiste Révolutionnaire) wie Alain Krivine und Daniel Bensaïd und der CGT-Dissident André Barjonet gefragt, wie man die Tausenden von Streikkomitees zusammenschließen konnte. Cohn-Bendit war gegen diesen Versuch der «Zentralisierung». Damals hatten Aktive wirklich ein revolutionäres Übergangsprogramm – der Situation angepasst, ausgehend von den Kämpfen selbst. Heutzutage wäre es gut, wenn unsere Organisationen zu diesem programmatischen und strategischen Niveau zurückkehren würden. Insbesondere in Sachen Antiimperialismus müsste die Verwirrung aufhören, die manchmal dazu führt, imperialistische Interventionen zu unterstützen. Es ist wichtig, das revolutionäre Streben dadurch zu aktualisieren und aufzuwerten, dass eine kommunistische gesellschaftliche Alternative offen vertreten wird.

*Ludivine Bantigny: 1968. De grands soirs en petits matins. Paris: Editions du Seuil, 2018.


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