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Ausbeutung real

Nach kräftigen Lohnsenkungen will die Supermarktkette Real ihre Märkte jetzt verkaufen
von Violetta Bock

«Der Einzelhandel ist ein elementarer Teil des täglichen Lebens. Doch die komplexe Gesamtleistung von Zehntausenden von Menschen wird häufig überlagert durch ein Bild von vermeintlich geringen Einkommen, langen Arbeitszeiten und körperlich anstrengenden Arbeitsbedingungen. Und doch setzen täglich rund 50 Millionen Kunden Vertrauen in die Branche. Mit 400000 Unternehmen, 3 Millionen Mitarbeitern und einem Umsatz von rund 400 Milliarden Euro ist der Einzelhandel zudem die drittgrößte Branche in Deutschland. Mit unseren rund 285 real-Märkten sind wir einer der größten Lebensmittelhändler in Deutschland. Und bieten zudem in diesem Format das größte Nonfood-Sortiment. Dadurch sind wir vielerorts nicht nur professioneller und zuverlässiger Nahversorger, sondern sehen uns auch in der Verantwortung, uns für unsere ca. 35000 Mitarbeiter, Umwelt und Gesellschaft zu engagieren.»
So schreibt Real auf seiner Internetseite. Nun hat das Unternehmen einen weiteren Weg gefunden, sein Engagement voran zu treiben. Es hat den Verkauf seiner Märkte angekündigt.
Ver.di ist empört. «Erst haben die Beschäftigten auf Lohn verzichtet, um das Unternehmen zu retten, dann hat das Unternehmen den gültigen Tarifvertrag geschreddert, und nun soll Real verkauft werden – wir erwarten, dass die [Muttergesellschaft] Metro wenigstens jetzt Verantwortung für die Beschäftigten übernimmt», erklärte die Ver.di-Bundesvorstandsfrau Stefanie Nutzenberger.
Die Ankündigung des Verkaufs ist ein weiteres Beispiel, wie Unternehmen zuerst versuchen, sich auf Kosten der Beschäftigten gesundzusanieren und Risiken auf Beschäftigte umzuwälzen, um sie dann im Regen stehen zu lassen.
Real steht schon seit längerem unter wirtschaftlichem Druck. Der Einzelhandel ist eine der Branchen, in der ein unerbittlicher Verdrängungswettbewerb herrscht. Nur noch 30 Prozent sind in der Tarifbindung. Durch Franchisemodelle bei den Marktriesen Edeka und Rewe und Gewerkschaftsbekämpfer wie Lidl steht eine gewerkschaftliche Erschließung vor großen Herausforderungen. Der Onlinehandel tut sein übriges, um den Wettbewerb weiter zu verschärfen.
2015 kündigte auch der Mutterkonzern Metro den Flächentarifvertrag. Im Jahr darauf wurde zwischen Ver.di und Real ein Zukunftstarifvertrag geschlossen. Zukunft bedeutet bei Tarifverträgen immer, dass Beschäftigte Lohneinbußen hinnehmen. Das dadurch zusätzlich ausgebeutete Geld sollte dem Erhalt der Standorte dienen und für Investitionen verwendet werden, um Real stabil aufzustellen. Dieses Jahr nun ließ Real die Verhandlungen über Entgeltstrukturen scheitern und wechselte zum hauseigenen Arbeitgeberverband «Unternehmervereinigung für Arbeitsbedingungen im Handel und Dienstleistungsgewerbe». Dann schloss die Supermarktkette einen Tarifvertrag mit der christlichen Gewerkschaft «Deutschnationaler Handelsgehilfenverband» und drückte die Löhne weiter nach unten. Die Beschäftigten gingen in die «Metro Services GmbH» über. Neueingestellte erhalten nun 25 Prozent weniger Lohn.
Im Sommer rief Ver.di zu Protestaktionen auf, und auch am Freitag, dem 13. (Juli) – inzwischen ein durch aktion./.arbeitsunrecht fest etablierter Tag, um einen Gewerkschaftsfresser mit Aktionen zu küren – traf es Real.
Statt darauf einzugehen, wurde nun der Verkauf aller Märkte angekündigt. Der Käufer steht noch nicht fest. Dass die großen Einzelhandelsketten der Schwarz-Gruppe, Edeka oder Rewe einsteigen, scheint wegen des Kartellrechts unwahrscheinlich. Zu konzentriert ist der Markt bereits. Amazon wird als möglicher Käufer genannt, hat sich selbst jedoch noch nicht geäußert. In sechs bis acht Monaten soll der neue Käufer gefunden sein. Damit stößt Metro seinen letzten Einzelhändler ab und will sich fortan auf den Großhandel konzentrieren.
Die Börse reagierte erfreut, die Beschäftigten sauer und verunsichert. Der Fall zeigt erneut, dass all die Zugeständnisse der letzten Jahre nicht für die Beschäftigten da waren, sondern einzig um die Märkte für den Verkauf aufzuhübschen. Oder, wie es in der Pressemitteilung von Real heißt, die den Verkauf anpreist: «Mit der Umsetzung des neuen Tarifmodells hat real die Grundlage für wettbewerbsfähige Kostenstrukturen geschaffen.»
Ver.di fordert seit längerem die Allgemeinverbindlichkeit der Tarifverträge im Handel. Doch auch wenn Real die Höhe der Personalkosten als Wettbewerbsnachteil nennt, unterstützt es die Forderung nach Allgemeinverbindlichkeit nicht. In einer ausführlichen Stellungnahme, die Real aufgrund eines angekündigten Monitorberichts auf seine Internetseite gestellt hat, und in der Real vor allem Ver.di eine Blockadehaltung vorwirft, nimmt das Unternehmen auch zur Allgemeinverbindlichkeit Stellung. Der erste Satz lautet: «Die Allgemeinverbindlichkeit ist eine Idee, die zu mehr Fairness im Wettbewerb führen würde.» Danach wird ausführlich erklärt, warum real dennoch dagegen ist.

Siehe auch den Hintergrundbericht von Anton Kobel auf www.labournet.de/wp-content/uploads/2018/07/kobel_express0718.pdf.


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