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Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 04/2019 |

Berlinale 2019: Forum

Internationale Filmfestspiele Berlin
von Kurt Hofmann

Einige der gelungensten Produktionen der diesjährigen Auswahl des Forums waren dem (stets wichtigen) Wechselspiel zwischen Geschichte und Gegenwart gewidmet.
Ivry-sur-Seine, Frankreich: Das neue Projekt des Regisseurs Jean-Gabriel Périot startet mit einem Workshop über die Filme der «68er» im Rahmen des Filmkurses am örtlichen Gymnasium. Nach dieser Vorbereitung beginnen zwischen Mai und Juni 2018 die Dreharbeiten zu Nos défaites («Unsere Niederlagen», Frankreich 2019).
Re-Enactment: Die SchülerInnen stellen Szenen aus Filmen nach, die zwischen Ende der 60er und Ende der 70er Jahre entstanden sind und die Kämpfe und das Lebensgefühl der «68er» thematisieren. Wie nahe ist ihnen (diese) Aufmüpfigkeit, welches Verhältnis entwickeln sie zu den in den Filmen von Godard, Marker, Tanner u.a. widergespiegelten, radikalen Forderungen? Als Périot nachfragt, erscheint den meisten das, was sie eben noch mit Emphase dargestellt haben, zwar sympathisch, doch nur «in Maßen» nachvollziehbar.
Revolution? Die sei ja mit Gewalt verbunden. Aber, wirft eine ein, «teilen» wäre ein Ziel… Noch einmal hakt Périot nach, hinterfragt die Begriffe. Klassenkampf, Gewerkschaft: nie gehört… Dezember 2018: Ein ungeplanter zweiter Dreh. Mittlerweile hat die Bewegung der Gelbwesten eine gesellschaftliche Konfrontation in Frankreich entfacht. SchülerInnen des Gymnasiums in Ivry-sur-Seine haben ein Transparent aufgestellt, in dem sie sich mit den Gelbwesten solidarisieren – und werden dafür vom Unterricht suspendiert.
Nun geschieht Erstaunliches: Die SchülerInnen blockieren die Schule und fordern die Rücknahme der Maßnahme. Noch einmal Einzelinterviews durch Jean-Gabriel Périot: Plötzlich sind die erst so fernen 68er präsent, Widerstand wechselt vom toten Begriff zur realen Option, Veränderung scheint möglich.
Doch der Film heißt Nos défaites – unsere Niederlagen. Ja, die 68er haben ihre Ziele nicht erreicht, aber ihre Ideen (und ihre Filme) haben Wurzeln geschlagen, wie auch das Experiment der SchülerInnen mit der Filmklasse von Ivry-sur-Seine zeigt.

Ein Höhepunkt der Berlinale 2019 war Heimat ist ein Raum aus Zeit von Thomas Heise. 218 Minuten deutsche Geschichte anhand der Geschichte (s)einer Familie – über die Generationen hinweg.
Anfang des 20.Jahrhunderts setzt die Erzählung der (von Heise im Off gelesenen) Briefe ein, stets sind deren Protagonisten auf der «falschen», durch gesellschaftliche Repression sanktionierten Seite, doch sie schauen nicht weg und schweigen nicht. Wo Hoffnung war, folgt Enttäuschung, aber nicht Stillhalten.
Eine (frühe) Spur der Familiengeschichte führt auch nach Wien. Wie setzt man zeitliche Distanz, «verwitterte Spuren» ins Bild? Heise filmt während einer Straßenbahnfahrt von innen nach außen – durch eine beschlagene Scheibe… Im Schlussteil des Films gibt es ein Tondokument: Heises Vater, einst von den Nazis interniert, dann als Philosoph im «anderen» Deutschland (der DDR), dem er vertraute, gescheitert, sitzt mit dem Dichter Heiner Müller zusammen und spricht mit ihm über Brecht. Letzterer zitiert aus einer Fassung des 1932 entstandenen Fatzer: «Von heute an und für eine lange Zeit wird es keine Sieger geben, sondern nur Besiegte.» Dies wissend, hat sich Heises Familie im Scheitern geübt, allerdings im Sinne von Brechts Antagonisten Beckett, dabei das «wieder versuchen, besser scheitern» stets im Auge behaltend.

Im Fall von Die Kinder der Toten, entstanden als Auftragswerk des «Steirischen Herbstes» nach dem gleichnamigen Roman von Elfriede Jelinek, darf nicht unerwähnt bleiben, wie dieses Projekt entstand. Die Off-Theater-Regisseure Kelly Copper uns Pavol Liska kannten vor Beginn der Dreharbeiten den Roman nicht, der ihnen – Zug um Zug – von Claus Philipp, einem der Initiatoren des Projekts, erzählt wurde…
In eben jenem steirischen Ort, der Schauplatz des Geschehens ist, wurde die Bevölkerung überzeugt, die Rollen in einem Horrorfilm, der sich mit dem Horror der österreichischen Geschichtsvergessenheit befasst, zu übernehmen. Und dies alles als Stummfilm im Super-8-Format… Das Vergangene ist nicht tot, es ist nicht einmal vergangen: Wenn die Untoten im Ort auftauchen und die Pension Alpenrose, ein Idyll österreichischer Heimatfilm-Seligkeit, in Unruhe versetzen, ist es mit der seligen «Ruah» aus und vorbei. «Auf einmal, völlig zwecklos, ist die Vergangenheit wieder da, unmöglich sie zu lieben», heißt es dazu bei Jelinek.
Copper und Liska haben einen Heimat-Splatter-Film gedreht, in dem Zombies mit Palatschinken-Masken sogar (anders als im Roman) auf «syrische Poeten» treffen, die in einer geheimen Kuchl der Pension Alpenrose wohlriechende Speisen eines fremden Landes zubereiten – eine unerlaubte Verführung… Wolfgang Mitterers schräge (Blasmusik-)Töne konterkarieren das Gedudel der ewigen Harmonie unde die Jelineksche Ironie und Gedankenschärfe geht nicht verloren.
Die Regisseure entfesseln furiosen Slapstick mit doppeltem Boden. Man kennt das Personal: die lebenden Toten und die schon toten Lebenden. Es sind auch tödliche Pointen und es ist letztlich das Lachen, das im Halse stecken bleibt.


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