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Nur Online PDF Version Artikellink per Mail Drucken Soz Nr. 02/2013 |

Die Akademie für Marxismus on China

Eine kritische Stimme
von Hermann Dworczak
China wird – nicht ganz zu Unrecht – assoziiert mit Wachstumsfetischismus, blindem Vertrauen in die Segnungen des «Marktes» und ausufernder Konsumideologie. Aber es gibt auch Gruppierungen, die gegen den Strom schwimmen. Die Akademie für Marxismus in der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften ist eine von ihnen.
Kommt man nach China, ist man mit der allumfassenden Vermarktung des Lebens konfrontiert. Selbst die von zentralen staatlichen Fernsehsendern ausgestrahlten Nachrichten werden mehrmals durch Werbeblöcke unterbrochen. Konsum, Konsum und nochmal Konsum ist die dominierende Ideologie. Dies hängt nicht nur mit dem Nachholbedarf der chinesischen Bevölkerung zusammen, es wird auch bewusst von der chinesischen Führung unterstützt: Mit Brot und Spielen soll Gesellschaftskritik niedergehalten werden.
Während in den Medien zum Großteil nur oberflächliche Unterhaltung oder regimefreundliche Propaganda geboten wird, haben es linke Publikationen schwer. Immer wieder werden fortschrittliche Webseiten gestört. Angesichts der allgegenwärtigen Repression sind nur wenige bereit, sich gegen den Mainstream zu stemmen. Die Akademie für Marxismus in der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften ist einer der kritischen Stachel.
In ihren Publikationen wird der «Sozialismus mit chinesischen Merkmalen» einer kritischen Reflexion unterzogen. Der Leiter der Akademie, Professor Cheng Enfu, hat kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in dem er die wesentlichen ideologischen Strömungen in China (vom Neoliberalismus über den Keynesianismus bis hin zum kritischem Marxismus) unter Angabe von Namen und Zitaten analysiert. Dabei unterzieht er die Neoliberalen (in der KP!) einer scharfen Kritik – ein Vorgehen, die ich während meiner Kuba-Aufenthalte nicht feststellen konnte. Im Zuge der Vorbereitung des Parteitags im November 2012 machte er sich auch dafür stark, dass im Parteiprogramm der «Vorrang für das öffentliche Eigentum» fortgeschrieben wird.
Die Marxisten der Akademie sehen die Entwicklung ihres Landes sehr kritisch. Einige vertreten sogar die Position, dass von der Revolution «nur mehr die rote Fahne übriggeblieben ist». Sie sprechen dann sarkastisch von einem «Kapitalismus mit chinesischem Antlitz».
Die Akademie für Marxismus (mit ihren Instituten an etlichen Universitäten) spielt nicht nur innerhalb von China eine wichtige Rolle. Auch ihre internationale Tätigkeit ist beachtlich. Bereits 2006 gründete sie – in Kooperation mit Marxisten aus den USA und Japan – die World Association for Political Economy (WAPE). Jährlich findet das internationale «Forum» der WAPE in einem anderen Land statt. Auf den Foren wird offen und kontrovers über die globale Entwicklung des Kapitalismus und seine Krisen, aber auch über die sozialen, ökologischen und politischen Probleme in China diskutiert.
Ich selbst nahm an den letzten drei Foren teil und referierte unter anderem über «Welche Art von Sozialismus im 21.Jahrhundert?». Dabei nahm ich in Sachen Stalinismus oder Politik der chinesischen Bürolratie kein Blatt vor den Mund. Die Akademie für Marxismus lud mich auch zu einer Vortragsreihe nach China ein, wo ich an mehreren Universitäten Vorträge hielt über «Krisen in Europa– die Antwort der Linken» oder über die ansteigende Woge des internationalen Rechtsextremismus und Rechtspopulismus.
Die WAPE hat eine Entwicklung durchgemacht. Dominierten in den ersten Jahren theoretische Analysen, die ziemlich fern von praktischen Überlegungen waren, sind nunmehr auch aktuelle Querbezüge zu sehen: Auf dem letzten WAPE-Forum im Mai 2012 in Mexiko-Stadt wurde ein Passus in die Schlussresolution aufgenommen, der zur «konkreten Solidarität mit dem Widerstand gegen die Austeritätspolitik des internationalen Kapitals in Griechenland» aufruft. Ruft man sich die Politik der chinesischen Regierung oder chinesischer Unternehmen in Erinnerung (die Firma Cosco etwa kaufte einen Teil des Hafens von Piräus, verschärfte extrem die Arbeitsbedingungen und schränkte die Gewerkschaftsrechte drastisch ein!), ist das alles andere als eine «internationalistische Selbstverständlichkeit». Genossen der Akademie erwägen, auch am kommenden Weltsozialforum (26.–30. März in Tunis) teilzunehmen.
Die Akademie für Marxismus bzw. die WAPE verfügen über eine Reihe von Publikationen. Auf zwei möchte ich besonders verweisen: World Journal of Political Economy und International Critical Thought.
Das nächste WAPE-Forum findet vom 23. bis 26.Mai 2013 an der Universidade Federal de Santa Catarina in Florianopolis, Brasilien, statt. Themen wie «Modelle des Sozialismus», «Analyse der aktuellen Finanz- und Wirtschaftskrise» oder «Ökosozialismus und die Anti-AKW-Bewegung» lassen darauf schließen, dass es auch diesmal spannend werden wird.


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