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Asien/Australien 1. März 2026

Die Arbeitsbedingungen in Chinas Autoindustrie
Gespräch mit Peter Franke

Vom 20. bis 22.März findet in Köln eine internationale China-Konferenz statt, die Zerrbilder über China korrigieren will: Die einen halten das Reich der Mitte immer noch für eine Alternative zum westlichen Kapitalismus, die anderen betrachten China als Konkurrenz und Bedrohung.

Ein Schwerpunkt der internationalen China-Konferenz in Köln sind die Arbeitsbedingungen in den Werken der dortigen Autoindustrie, das Forum Arbeitswelten (FAW) aus Bochum hat ihn wesentlich mit vorbereitet. Das Forum pflegt seit seiner Gründung 2007 betriebliche Basiskontakte und den solidarischen Austausch zwischen China und Deutschland.

Peter Franke ist Gründungsmitglied des Forum Arbeitswelten (FAW). Er ist 1950 in China geboren, hat eine chinesische Mutter und einen deutschen Vater. Aufgewachsen ist er in Deutschland, wo er sich seit Ende der 1970er Jahren im internationalen Betriebs- und Gewerkschaftskontext engagiert.

Mit Peter Franke sprach ­Gerhard Klas.

Die chinesische Autoindustrie taucht heute in deutschen Medien vor allem als Konkurrenz auf: technisch hoch entwickelt, kostengünstig, gefährlich für Arbeitsplätze hierzulande. Entspricht dieses Bild der Realität?

Aus Sicht von Kapital und Konzernen stimmt dieses Bild durchaus: Für Unternehmen wie VW etwa ist China extrem wichtig, noch 2020 setzten es mehr als ein Drittel seiner Autos dort ab. Wenn einheimische Hersteller in China stärker werden, hat das also unmittelbare Auswirkungen auf die Absatzmärkte von Konzernen in Deutschland.
Wir verfolgen einen anderen Ansatz. Wir sehen Beschäftigte in China nicht als Bedrohung für Beschäftigte in Deutschland. Entscheidend ist vielmehr, dass sich die Arbeitsbedingungen in der Autoindustrie weltweit verschlechtern – in China ebenso wie in Deutschland. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit gemeinsamer Strategien und internationaler Solidarität statt nationaler Konkurrenzlogik.
Man darf zudem nicht nur auf die großen Autobauer schauen. Die Industrie besteht zu einem erheblichen Teil aus Zulieferern – viele davon sind Unternehmen aus Deutschland, die längst in China produzieren: Bosch, ZF und andere. Konkurrenz entsteht auch dadurch, dass Konzerne Produktionsstätten nach China verlagern und von dort aus wieder nach Europa liefern. Die Arbeitsbedingungen unterscheiden sich je nach Unternehmenstyp, Standort und Eigentümerstruktur, aber sie sind Teil eines global organisierten Produktionssystems.

Arbeitsbedingungen kommen hierzulande in der medialen Darstellung über die chinesische Autoindustrie kaum vor. Wie sieht dort ein typischer Arbeitstag aus?

Die Arbeit ist körperlich extrem belastend. Zweischichtbetrieb und Zwölf-Stunden-Tage sind nach wie vor verbreitet, eine Sechs-Tage-Woche ist die Regel. Gearbeitet wird meist im Akkord am Fließband, unter permanenter Kontrolle von Vorarbeitern und Meistern. Es gibt Berichte, dass selbst Toilettenpausen streng reglementiert sind. Der Leistungsdruck ist enorm.
Zwar liegen die Löhne in der Autoindustrie vergleichsweise höher als in anderen Branchen – bei umgerechnet 30 Euro pro Tag, manchmal bis zu etwa 1200 Euro im Monat – doch dieses relativ hohe Einkommen ist fast immer auf viele Überstunden zurückzuführen. Hinzu kommen gravierende Mängel beim Arbeitsschutz. Arbeitsunfälle sind häufig, es gibt sogar Todesfälle durch Überarbeitung: Die Arbeiter sterben dann vor Erschöpfung in ihren Wohnheimen. Uns haben auch Berichte über Suizide und massive soziale Konflikte erreicht, die teilweise eskalieren und in gewalttätigen Auseinandersetzungen münden – mit Vorgesetzten, aber auch untereinander, z.B. bei Arbeitsmigranten aus verschiedenen Regionen.
Besonders problematisch ist die Diskriminierung bei Einstellungen: Oft werden nur Männer eingestellt, meist unter 30 oder sogar unter 26 Jahren. Bestimmte ethnische Minderheiten werden systematisch ausgeschlossen. Viele Beschäftigte arbeiten zudem für Leiharbeitsfirmen oder Subunternehmen – ein hoch prekäres System, an dem Vermittlungsagenturen gut verdienen.

Wie sammelt ihr Informationen über die Arbeitssituation der Beschäftigten, ohne euch oder die Kolleg:innen zu gefährden?

Früher gab es offene Gruppen, Austauschprogramme und sogar Treffen von Kolleg:innen aus China und Deutschland. Aber seit 2017 ist das unkontrolliert nicht mehr möglich. Einige unserer Kontakte wurden gewarnt: Auslandskontakte seien nicht erwünscht. Die Zusammenarbeit mit uns ist für sie gefährlich.
Inzwischen sind so gut wie alle kleinen, unabhängig organisierten Arbeitergruppen aufgelöst. Viele unserer damaligen Aktivitäten in China liefen über Hongkong. Dort herrschen jetzt aber ähnliche Verhältnisse wie auf dem chinesischen Festland. Einer unserer langjährigen Kontakte, Au Loongyu, der jetzt im Exil in London lebt, wird auf der Konferenz in Köln sprechen. Viele Informationen beziehen wir heute über chinesische soziale Medien und Internetforen, in denen Beschäftigte über ihre Arbeitsbedingungen in verschiedenen Branchen berichten.

Auf eurem Blog (forumarbeitswelten.de/blog/) berichtet ihr immer wieder über Arbeitskämpfe in chinesischen Betrieben auch außerhalb der Autobranche. Wie kommen Streiks unter solch repressiven Bedingungen zustande?

Aus wachsender Unzufriedenheit: zu lange Arbeitszeiten, schlechte Arbeitsbedingungen, Lohnkürzungen, ausbleibende Lohnzahlungen, Werkschließungen. Derzeit wird z.B. viel über die 40-Stunden-Woche diskutiert: Maximal dürften 36 Überstunden pro Monat geleistet werden, wenn es nach den gültigen Gesetzen ginge. Aber mit den 12-Stunden-Tagen liegen die Arbeitszeiten immer darüber.
Die meisten Streiks sind spontan. Beschäftigte blockieren Werkstore, halten Manager in ihren Büros fest, organisieren Forderungen über interne Kommunikationssoftware. Streiks wie beim E-Auto Hersteller BYD im März 2025, als in zwei Werken gleichzeitig die Arbeit niedergelegt wurde, sind eher die Ausnahme.
Die Streiks sind meist kurz, heftig und lokal begrenzt. Es gibt keine unabhängigen Gewerkschaften, aber inzwischen viel Erfahrungswissen von älteren Kolleg:innen. Wird eine »rote Linie« überschritten – z.B. Löhne über eine längere Zeit nicht gezahlt –, reagieren Beschäftigte sehr entschlossen und militant.
Die staatlichen Lokalbehörden greifen regional unterschiedlich ein – manchmal repressiv, manchmal vermittelnd. Es ist nicht so, dass sie sich immer auf die Seite der Unternehmer schlagen. Positiv ist: Das Rechtsbewusstsein der Beschäftigten wächst, vor allem durch die sozialen Medien. Sie klagen nun häufiger vor Arbeitsgerichten und es kommt zu Schlichtungen.

Was wollt ihr mit der Konferenz in Köln* erreichen, die ihr gemeinsam mit Attac Deutschland und dem Lehrstuhl für moderne Chinastudien an der Universität Köln organisiert?

Wir wollen China nicht als monolithischen Block betrachten, sondern als kapitalistische Klassengesellschaft. Uns geht es vor allem um die realen sozialen Verhältnisse, unter denen die große Mehrheit der Menschen in China lebt – weniger um geopolitische Projektionen. Das FAW will als Mitveranstalter der Konferenz Wissen über die soziale Lage der Lohnabhängigen vermitteln, Austausch ermöglichen und besonders jüngere Menschen erreichen, auch aus der chinesischen Diaspora in Deutschland.
Für uns ist die Konferenz auch ein Versuch, internationale gewerkschaftliche Solidaritätsarbeit an eine neue Generation weiterzugeben.

Eine Langversion des Interviews ist auf dem Blog der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt zu finden, bei der wir uns für die Abdruckgenehmigung bedanken: www.stiftungmunda.de.

*China-Konferenz, 20.–22.März an der Uni Köln: www.attac.de/china-konferenz/programm.

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