Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Zur Person 1. November 2025

Der Traum von einer veränderbaren Welt
von Volker Brauch

Am 19.November jährt sich der 125.Geburtstag von Anna Seghers.

Als Netty Reiling wurde sie in Mainz in einer jüdischen Familie geboren. Ihr Vater, ein erfolgreicher Antiquitäten- und Kunsthändler, weckte bereits früh ihr Interesse an Kunstgeschichte. Mit zwanzig Jahren studierte sie in Heidelberg Sinologie, Kunstgeschichte und Geschichte. Sie promovierte mit einer Arbeit über Juden und Judentum im Werk Rembrandts und widerspricht damit dem Autor Julius Langbehn, der im Rembrandt-Deutschen einen Erzieher für nationalistische und antisemitische Haltung sah.
In dieser Zeit lernte sie ihren späteren ungarischen Ehemann László Radványi kennen, ein Kommunist, der als Exilant nach der gescheiterten ungarischen Räterepublik nach Deutschland geflohen war und hier die Marxistische Arbeiterschule gründete.

Die Anfänge
Bereits mit zwanzig Jahren veröffentlichte sie erste Prosastücke in der Frankfurter Zeitung, noch unter dem Pseudonym Antje Seghers. Verhältnisse zwischen Menschen im historischen Kontext und schnelle Wendungen der Handlung blieben zeitlebens ihr Markenzeichen. Soziale und politische Zusammenhänge stellten regelmäßig den Rahmen ihrer literarischen Handlungen dar.
Ihren Künstlernamen Anna Seghers entlieh sie einem Hercules Seghers, einem Zeitgenossen Rembrandts, der hochbegabt, aber ausgestoßen und in Armut endete. Die Toten auf der Insel Djal, Jans muß sterben und Grubetsch waren erste Werke, mit denen sie bereits Aufmerksamkeit erweckte.
Ihren literarischen Durchbruch hatte sie 1928 mit der Novelle Aufstand der Fischer von St.Barbara, in der Geschehnisse des Spanischen Bürgerkriegs vorweggenommen werden. Sie erkannte immer wieder, dass Ereignisse kommen werden, die den Verlauf der Geschichte verändern. Durch viele Romane und Erzählungen zieht sich ihre Gewissheit, dass gescheiterte Versuche nicht das Ende darstellen. Immer gibt es eine berechtigte Hoffnung für einen humanen Neuanfang, immer gibt es die Antithese in der Entwicklung. Für diesen Roman bekam Anna Seghers den Kleist-Preis verliehen.
Noch im gleichen Jahr trat sie in die KPD und den Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS) ein.

Flucht
Ab 1933 änderte sich das Leben für sie und ihre Familie radikal. Mit der Machtübernahme Hitlers floh sie, wie viele andere, über die Schweiz ins noch unbesetzte Frankreich und lebte in Bellevue bei Paris. Viele bekannte Kulturgrößen und Nazigegner mussten sich im französischen Exil irgendwie durchschlagen. Ein Zusammenschluss dieser Antifaschisten organisierte 1935 einen großen internationalen Schriftstellerkongress in Paris und Madrid, der ein Widerstandsbündnis gegen Hitler und Mussolini zum Ziel hatte. Der Kongress fand ein enormes Echo.
In dieser Zeit, für Seghers geprägt von großer Kreativität, entstanden Romane wie Kopflohn (1933), Der Weg durch den Februar (1935), Die Rettung (1937) und vor allem ihr bekanntester Roman, Das siebte Kreuz (1939), der allerdings erst 1942 veröffentlicht wurde – in den USA auf englisch, in Mexiko auf deutsch. Der Roman erlangte internationale Bekanntheit auch durch die Verfilmung in den USA mit Spencer Tracy in der Hauptrolle (1944).
Sechs von sieben KZ-Flüchtlingen aus dem KZ Westhofen werden wieder gefangen und an Platanenstümpfe gefesselt und gequält. Einem Häftling gelingt dennoch mit Hilfe einfacher, mutiger Menschen die Flucht auf einem Frachtschiff nach Holland. Ein Beispiel, dass Freiheit und Menschlichkeit trotz scheinbarer Übermacht faschistischer Totalität eine Chance haben. Amerikanischen Soldaten wurde dieser Roman in gekürzter Form zur Ermutigung mit auf die Schlachtfelder gegeben.

Exil und Rückkehr
Im Mai 1940 überfällt Hitlerdeutschland Frankreich. Panikartig fliehen tausende Exilanten und erklärte Feinde der Nazis. Unter dramatischen Umständen, inmitten der Fluchtkolonnen, auch Anna Seghers mit ihren Kindern. Wehrmacht und Gestapo immer im Nacken, werden sie einmal sogar davon überrollt, retten sich aber und schlagen sich mit Hilfe einheimischer Helfer in die unbesetzte Zone durch. Ziel ist das Internierungslager Le Vernet, in dem Seghers Mann interniert ist.
Mit großem Organisationsgeschick und ­unzähligen Konsulatsgängen besorgt Anna ­Tickets, Visa, Empfehlungsschreiben, Passdokumente. Letztes verbliebenes Fluchtziel ist Marseille, von dort gehen noch Schiffe in die freie Welt. Mit viel Glück gelingt der Familie Seghers-Radványi die Flucht über New York und die französische Karibikinsel Martinique nach Mexiko.
Hier beginnt ein neuer Lebensabschnitt. Im mexikanischen Exil verarbeitet sie ihre Fluchterfahrungen im Roman Transit, ein weiterer Erfolg. Zusammen mit anderen gründet sie den Heinrich-Heine-Club, der jüdischen und linken Exilanten eine politische und emotionale Heimat gibt – ein sozialer Anker für die Entwurzelten.
In der mexikanischen Exilzeit 1941–1947 ­erfuhr Anna Seghers auch vom Tod ihrer Mutter, die deportiert wurde. In Mexiko-Stadt, ­ihrem neuen Lebensmittelpunkt, lernte sie unter anderem den Maler Diego Rivera und seine Frau, die bekannte Malerin Frida Kahlo kennen.
Ende des Zweiten Weltkriegs stellte sich die Frage wie weiter? Während ihre Kinder sich dafür entschieden, in Paris zu studieren, zog es Seghers zurück ins zerbombte Deutschland. Zunächst im Westen Berlins, dann im Osten der Stadt war es ihr Ziel, beim Aufbau einer neuen, besseren Gesellschaft mitzuhelfen. Neben der Realität der zerstörten Stadt litt sie unter der »Eiszeit, in die sie geraten« sei, die ihr »kalt und versteinert« vorkam. Die Unfähigkeit der Deutschen, Verantwortung für die Entwicklung bis hin zum Zusammenbruch zu übernehmen, die Verheerung in den Köpfen der Menschen, setzten ihr mächtig zu.

Stil und Inhalt
1948 wurde ihr der Georg-Büchner-Preis zuerkannt. Im Fortgang der Entwicklung in der DDR wurde Anna Seghers zur Grande Dame der Literatur im Staat. In staatlichen Schul­büchern wurde ihre Literatur zur Pflicht. Sie schrieb fast bis zuletzt.
Anna Seghers schreibt über sich, über selbst Erlebtes, und damit über eine irre gewordene Zeit. Sie macht das Wolfsgesetz des Kapitalismus und der Diktaturen sichtbar. Immer geht es ihr zuerst um menschliche Schicksale und Konflikte, und wie sich ihre Figuren darin bewähren. Mit sicherem Gefühl formt sie Worte, die Menschen, Verhältnisse, Sehnsüchte und Hoffnung aufblitzen lassen, um Verhältnisse bewusst zu machen.
Es ist immer wieder ihre dramaturgische Kraft, ihre präzise Beschreibung, die Plastizität ihrer Figuren und der Verhältnisse, die gefangen nehmen. Durch das genaue Skizzieren sozialökonomischer und politischer Verhältnisse und denr Menschen, die ihnen unterworfen sind, erzielt sie Einsicht und Identifikation, die im realen Leben Wirkung im Sinne gesellschaftlicher Veränderung erzielen sollten. Sie beschreibt die Welt immer als veränderbar, auch nach großen Entmenschlichungen, Zusammenbrüchen und Niederlagen. Gescheiterte Befreiungsversuche sind häufig ihr Thema – ein Spiegelbild der Erfahrungen ihres Lebens.

Anspruch und Wahrheit
Zur Wahrheit gehört auch, dass sie ihre Seele letztlich an den SED-Staat verkaufte, so sehr sie literarisch für eine bessere, selbstbestimmte Gesellschaft eintrat. Zunächst Vorsitzende des DDR-Schriftstellerverbands, später dessen Ehrenvorsitzende, schwieg sie öffentlich bei Vorkommnissen, die ihrem Anspruch nicht genügen konnten. Die Erzählung Der ­gerechte Richter, der in der DDR spielt, zeigt, dass ihr Methoden stalinistischer Herrschaft wie Verrat, Denunziation, erzwungene Geständnisse, Haft, gefälschte Gerichtsdokumente sehr wohl bekannt waren. Den Entscheidungen der Partei widersprach sie jedoch nie.
Sie schwieg sehr oft, zu oft. Das war ein wesentlicher Grund dafür, warum sich nicht nur konservative Kräfte in ihrer Heimatstadt Mainz schwer taten, ihr die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. 1981 kam es schließlich doch dazu. Gesagt werden muss aber auch, dass Anna Seghers immer wieder persönliche Initiativen ergriff, um Genossen und Nahestehende zu schützen, und dabei auch ihr Ansehen in die Waagschale warf.
Bei allen persönlichen Unzulänglichkeiten, ist die Skizzierung einer Gesellschaft mit menschlichem Gesicht das, was Anna Seghers uns hinterlässt – trotz alledem. Sie starb am 1.Juni 1983. Sie bekam ein Staatsbegräbnis auf dem Berliner Dorotheenstädtischen Friedhof. Ganz in ihrer Nachbarschaft liegen Bertolt Brecht und Helene Weigel, zwei enge Weggefährten, die auch über Kontinente fliehen mussten.

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