Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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Europa 1. Februar 2026

Erfolg und Ende einer Basisinitiative
von Kai Böhne

»Als die Kommunisten versuchten, ein Paradies in der Steppe zu errichten«, betitelt die Journalistin Klára Votavová ihre Reportage, die 2024 zunächst im tschechischen Magazin Voxpot erschien und kurz darauf durch einen Nachdruck im US-amerikanischen Magazin Jacobin internationale Aufmerksamkeit erlangte. Votavová beschäftigt sich mit einem fruchtbaren Solidaritätsprojekt, das im September 2025 auch von der Kirgisischen Expresspost (KEP) mit Sonderbriefmarken gewürdigt wurde. Worum geht es?

Vor einhundert Jahren brachen linksgerichtete Tschechen und Slowaken auf, um im fernen Kirgisistan eine Kommune zu gründen. Die Idee war, Aufbauarbeit in der jungen Sowjetunion zu leisten. Zu den Aussiedlern gehörten auch die Eltern des damals vier Jahre alten Alexander Dubcek, des späteren Repräsentanten des Prager Frühlings im Jahr 1968.
1923 wurde in der tschechoslowakischen Industriestadt Zilina, auf dem Gebiet der heutigen Slowakischen Republik, die Genossenschaft Interhelpo gegründet. Das Wort »Interhelpo« stammt aus der Ido-Sprache, einer reformierten Version der Plansprache Esperanto, und bedeutet »gegenseitige Hilfe«. Ziel von Plansprachen wie Ido ist es, Sprachbarrieren zu überwinden und eine reibungslose Kommunikation zwischen Menschen verschiedener Nationalitäten zu ermöglichen.

Qualifizierte Facharbeiter
Die Interhelpo-Mitglieder waren Arbeiter verschiedenster Berufe – Bauarbeiter, Ingenieure, Elektriker, Textilarbeiter und Handwerker – sowie Ärzte und Lehrer. Einschließlich ihrer Familienangehörigen zählte die Gemeinschaft über 1300 Personen. 1925 erreichte die erste Gruppe von Interhelpo-Mitgliedern – so heißt es in einer Pressemitteilung der KEP – den Bahnhof Pischpek im sowjetischen Kirgisistan. Heute heißt der Ort Bischkek und ist mit 1,1 Millionen Einwohnern die Hauptstadt des zentralasiatischen Binnenstaats.
Eine besondere Bedeutung in der Geschichte von Interhelpo spielte Rudolf Pavlovic Marecek (1888–1970), ein tschechoslowakischer Ingenieur, Revolutionär, Anhänger der Plansprache Esperanto und Organisator von Siedlungsprojekten zum sozialistischen Aufbau in Zentralasien. Nach seiner Schulzeit machte Marecek eine Ausbildung zum Schreiner, anschließend reiste er durch Europa, um Berufserfahrung zu sammeln. Schließlich gelangte er nach Russland, wo er 1917 der Partei der Bolschewiki beitrat und auf deren Seite am Bürgerkrieg in Zentralasien teilnahm. 1921 kehrt Marecek in seine Heimat zurück.
Dort wurde er einer der Hauptinitiatoren der Umsiedlung tschechoslowakischer Arbeiter nach Kirgisistan. Laut KEP beteiligte er sich am Bau der ersten Industrieanlagen in Pischpek und initiierte zahlreiche Infrastrukturprojekte. Dem Engagement und Einsatz von Marecek und seinen Kollegen ist es zu verdanken, dass Ziegel-, Textil-, Näh- und Möbelfabriken gegründet und die ersten Wasserversorgungssysteme, Straßen und Stromleitungen verlegt wurden. Auch Schulen, Krankenhäuser und Wohnhäuser im europäischen Stil wurden gebaut.

Ende des Schienenstrangs
Viele der von Interhelpo-Mitgliedern errichteten Gebäude und Industrieanlagen sind bis heute in Bischkek erhalten. »Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Interhelpo-Kooperative auch zu einer bedeutenden Ausbildungsstätte für Fachkräfte der jungen Kirgisischen Republik wurde«, heißt es in einer Pressemitteilung der Kirgisischen Expresspost, die seit März 2012 als zweiter, und seit Mai 2013 vom Weltpostverein (UPU) anerkannter, Postbetreiber in Kirgisistan aktiv ist.
Deutlich kritischer beurteilen Till Janzer und Klára Stejskalová, beide Auslandsredakteure bei Radio Prag, das Unternehmen Interhelpo: Über vier strapaziöse Wochen Fahrzeit benötigte der 24-Waggons-lange Zug, der neben den Idealisten, die sich auf dem »Weg in ein neues Leben« befanden, auch zahlreiche landwirtschaftliche Geräte, Werkzeuge und Ausrüstung für unterschiedliche Werkstätten transportierte. An der Grenze musste, wegen der unterschiedlichen Spurweite der Schienen, auf umgebaute Viehwaggons umgestiegen werden. Ursprüngliches Reiseziel war der See Yssyk-Köl, doch dorthin führten damals noch keine Gleise. So kam die Fahrt am Ende des Schienenstrangs, mitten in der trockenen Steppe, zum Stillstand. Die Aussiedler mussten zunächst in Erdhütten oder halbverfallenen Häusern leben.
Trotz dieser kräftezehrenden Anfänge gelang es den unerschrockenen Freiwilligen, bis 1934 mit ihren Werkstätten und Fabriken 20 Prozent der Industrieproduktion Sowjetkirgisistans zu erzeugen. Als die Kooperative in den 1930er Jahren zu florieren begann, waren zahlreiche ihrer Kinder unter drei Jahren an Malaria und Typhus gestorben.

Im Fadenkreuz der Behörden
Neben den klimatischen Herausforderungen verschlechterte sich Mitte der 1930er Jahre auch die politische Wetterlage dramatisch. Paradoxerweise gerieten ausgerechnet die erfolgreichen Aktivitäten der Internationalisten ins Fadenkreuz der Behörden. Die selbstbestimmte Gemeinschaft, die aufbrach, um die Entwicklung der Sowjetunion voranzutreiben, wurde stark eingeschränkt. Rund ein Drittel der ursprünglichen tschechoslowakischen Siedler verließ 1937 und 1938 die Kirgisische Sowjetrepublik. Unter ihnen war auch die Familie Dubcek. Sohn Alexander hatte zuvor in Bischkek eine Ausbildung zum Maschinenschlosser absolviert.
Während der stalinistischen Verfolgungen wurden über ein Dutzend Interhelpo-Mitglieder des Landesverrats und der Spionage bezichtigt und hingerichtet. Die von der Genossenschaft errichteten Betriebe verloren ihre Eigenständigkeit und wurden nach und nach verstaatlicht. 1943 wurde Interhelpo schließlich aufgelöst.
Damit endete eine der erfolgreichsten Basisinitiativen des realpraktizierten Internationalismus in der Geschichte der Sowjetunion. »Doch das Andenken an dieses Phänomen und die selbstlose Hilfe hunderter Tschechen und Slowaken wird vom kirgisischen Volk bis heute hochgehalten«, heißt es in der Pressemitteilung der Kirgisischen Expresspost.

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