Wer kann schon von sich sagen, ein Gedankengang gehöre ihm?

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›Die Hardliner haben sich im Moment durchgesetzt‹
Gespräch mit Eskandar Abadi

Der Krieg in Westasien, angefangen von Israel und den USA gegen den Iran, erschüttert die ganze Region und mittlerweile auch die Welt. Ayse Tekin sprach mit Eskandar Abadi über die Lage im Land und die Möglichkeiten zur Beendigung des Krieges.

Eskandar Abadi, geboren im Iran, ist ein persischer Journalist, Musiker und Autor. Seine Erlebnisse aus den Zeiten der Studierendenrevolte während des Machtwechsels 1979/1980 hat er in dem Buch Aus dem Leben eines Blindgängers wiedergegeben. Er ist von Geburt an blind.

Wie steht es um die Menschen vor Ort? Findet überhaupt noch eine Kommunikation mit ihnen statt?

Es existiert eine Internetkommunikation nach chinesischem Vorbild – eine Art nationales Intranet. Wer eine iranische SIM-Karte besitzt, kann über die Messenger-App Bale Kontakt halten. Doch der Austausch beschränkt sich auf Privates. Politisches wird sofort zensiert. Telefonate sind kaum möglich. Es klingelt zwar, aber im Iran hört niemand das Signal oder kann abheben. Aus dem Iran kann man ins Ausland telefonieren. Es ist eine kommunikative Einbahnstraße, da das Regime konsequent mithört.

Dennoch erreichen uns Bilder und Videos aus Teheran. Wie gelangen diese nach außen?

Das verdanken wir Menschen, die über eine Starlink-Satellitenverbindung verfügen. Solange sie nicht entdeckt werden, können sie visuelles Material aus dem Land schicken.

Die Angreifer rufen das Volk zum Aufstand auf, doch bisher blieb dieser ohne großen Nachhall. Die Führung warnt jedoch massiv vor Protesten. Haben die Machthaber Angst?

Eindeutig. Die schweigende Mehrheit lehnt das Regime und die Mullahs völlig ab. Spätestens seit der Katastrophe im Januar, als Zehntausende Menschen abgeschlachtet wurden, hat die Führung jede verbliebene Legitimation verloren. Das Problem ist jedoch die enorme Übermacht: Es gibt 37 verschiedene Sicherheitsorgane, von der Polizei über die Basij-Milizen bis hin zur Moralpolizei. Insgesamt stehen anderthalb bis zwei Millionen bewaffnete Kräfte bereit. Zählt man deren Familien dazu, profitieren etwa 10–15 Prozent der 93 Millionen Einwohner direkt vom Regime. Dem gegenüber stehen etwa 10 Prozent aktiver Widerstand.

Wie äußert sich dieser Widerstand?

Oft ist es passiver Widerstand: Man meidet staatliche Kundgebungen, verweigert gemeinsame Gebete, das Fasten oder das Kopftuch. Beim Schleierzwang waren die Frauen bereits so erfolgreich, dass das Regime dort weniger hart durchgreift. Die große, schweigende Mehrheit ist nicht mehr islamistisch gesinnt, sondern sehnt sich nach einem demokratischen System.

Es heißt, die Bevölkerung wolle keinen Krieg, auch wenn sie nicht offen protestiert. Die Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi warnte aus dem Gefängnis heraus schon im Zwölf-Tage-Krieg vor Einmischung von außen. Die Diaspora hingegen scheint den Krieg teilweise herbeizusehnen. Wie bewertest du das?

Die Menschen im Land spüren die Bombardements. Meine Wahrnehmung ist, dass die Mehrheit gegen den Krieg ist. Allerdings hat das Regime das Land wirtschaftlich so ruiniert, dass viele vor dem Krieg hofften, jemand von außen würde sie retten. Tatsächlich gab es einen Moment, wo die Menschen gesagt haben, jemand aus dem Ausland solle zur Rettung kommen. Mit der Härte der aktuellen Angriffe haben sie jedoch nicht gerechnet. In der Diaspora haben vor allem die Monarchisten die Massenmedien fest im Griff. Sie vermitteln das Bild eines Volkes, das Israel und Amerika verherrlicht und den Krieg will.
Als Anfang Januar Menschen auf die Straße gingen, um gegen die wirtschaftliche Krise zu protestieren, haben die Monarchisten zum Sturz des Regimes aufgerufen. Ihre übermäßige Präsenz in sozialen Netzwerken war nicht ohne Einfluss, sodass viele junge Menschen im Iran auf die Straße gingen, um zum Sturz des Regimes aufzurufen und gar die Miliz zu bekämpfen, zumal die Monarchisten und Trump ihnen versicherten, es sei Hilfe unterwegs. Die Hilfe kam nicht und das Regime griff hart und unmenschlich durch und veranstaltete einen Massenmord.

Aber die Opposition, die für den Krieg ist, scheint nicht nur in der virtuellen Welt präsent zu sein, sondern auch auf der Straße etwa bei Großdemonstrationen in München oder Düsseldorf. Wie kam es dazu?

Das ist das Ergebnis einer zwanzigjährigen Strategie der Monarchisten. Sie haben in den Redaktionen von Sendern wie Iran International, der BBC oder der Deutschen Welle Fuß gefasst. Sie präsentieren mit Reza Pahlavi eine einfache, populistische Lösung: den starken Retter. Da es scheinbar keine sichtbare Alternative gibt, beeindruckt das viele Menschen.

Was ist mit den anderen Kräften? Bei der Bewegung »Frau – Leben – Freiheit« sah man Linke, ethnische Gruppen und andere Oppositionelle. Gibt es Bestrebungen für eine mögliche Einheitsfront?

Es gibt kleine Ansätze, aber die Monarchisten sind in der Übermacht und lehnen Koalitionen weitgehend ab. Zudem ist die Linke zerstritten. Die ernsthafteste Konkurrenz für Pahlavi sind die Volksmujaheddin. Sie sind straff organisiert wie eine Sekte und verfügen über militärische Erfahrung. Nachdem sie aus dem Irak vertrieben wurden, agieren sie heute primär von Albanien aus, wo sie größere Freiheiten genießen als in Frankreich. Die USA könnte in ihnen einen Verbündeten sehen, denn sie besitzen sowohl militärische als auch organisatorische Kräfte und haben bisher immer zum Sturz des Regimes aufgerufen und daraufhin gearbeitet.

Wie haben sie geschafft, weiter als Alternative gesehen zu werden?

Sie haben eine oder zwei Generationen zu einer richtiggehenden Sekte erzogen.

Nach dem Regimewechsel in Iran kamen viele linke Oppositionelle nach Europa. Was ist mit denen?

Das ist lange her und mittlerweile ist die Verbindung nicht mehr so gut. Das heißt, sie haben für sich gekämpft, aber sie hatten keine enge politische Verbindung mehr zum Inland. Ein anderer Grund ist, dass viele von denen jetzt zu Liberalen geworden sind.

Und welche Rolle spielen die Kurden?

Die Kurden waren für die USA und Israel oft ein Mittel zum Zweck. Ein Teil der iranischen Kurden würde eine Intervention unterstützen, um Autonomie zu erlangen. Deshalb bombardiert das Regime auch Gebiete im Nordirak. Pahlavi hat zwar versucht, auf die Kurden zuzugehen, das Wort »Autonomie« hat er dabei jedoch nie verwendet.

Deine Prognose klingt wenig hoffnungsvoll.

Ich sehe tatsächlich schwarz. Im besten Fall geht die Sache im Iran aus wie in Ägypten nach der Revolte auf dem Tahrir-Platz in 2011, im schlimmsten Fall wie Syrien. Da sich die Mullahs gegen die gesamte Weltgemeinschaft gestellt haben, ist die Zukunft völlig ungewiss. Es ist denkbar, dass die USA am Ende den Süden des Landes besetzen, um die Straße von Hormus und damit die Weltwirtschaft zu sichern.
Man hätte das Regime technisch und wirtschaftlich in die Knie zwingen können, ohne das Land zu zerstören. Doch man hat es nicht getan, weil die Geschäfte zu gut liefen. Ein hartes Embargo wäre besser gewesen als ein Bombardement. Man hätte den Menschen auch helfen können, die Internetzensur technisch zu umgehen – doch dafür wurde kein Geld investiert.

Gab es keine Chance auf eine Spaltung der Elite oder des Militärs?

Ich hatte gehofft, dass sich Teile der Geistlichkeit abwenden. Präsident Pezeshkian hielt anfangs des Krieges eine für meine Begriffe mutige Rede gegen den Raketenbeschuss von Nachbarstaaten. Doch als es um die Nachfolge des Führers ging, setzten die Revolutionsgardisten mit Gewalt Mojtaba Khamenei durch. Die Hardliner haben gesiegt. Eine Spaltung sehe ich momentan nicht. Was bleibt, ist die Teilbesetzung und einen langwierigen Krieg, der nur den Islamisten nützt.

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