Für eine neue Entspannungspolitik
von Peter Nowak
Michael Brie, Erhard Crome, Frank Deppe, Peter Wahl: Weltordnung im Umbruch. Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt. Köln: Papyrossa, 2025. 171 S., 14,90 Euro
Der Verlauf des Krieg der USA und Israels gegen den Iran zeigt, dass die von den USA und Europa dominierte Weltordnung der Vergangenheit angehört. Länder wie China und Indien gewinnen an Einfluss. Das Schlagwort von der multipolaren Welt, die keinen eindeutigen Hegemon mehr kennt, gewinnt an Bedeutung.
»Krieg und Frieden in einer multipolaren Welt« heißt denn auch der Untertitel des Buches. In alphabetischer Reihenfolge sind die Autoren Beirat der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Geschäftsführender Direktor des Welttrend-Instituts für Internationale Politik, emeritierter Politikprofessor und Mitbegründer von Attac.
Schon im Vorfeld betont das Quartett, dass es sich um keinen Sammelband handelt. Die Autoren haben den in sechs Kapiteln gegliederten Text gemeinsam diskutiert. Dabei bekennen sie sich zu einer alternativen Geopolitik und einen aufgeklärten Realismus. »Das ist kein Realismus der opportunistischen Anpassung an das Bestehende, sondern der Ausgangspunkt für eine realitätssüchtige Strategie der Veränderung der Verhältnisse«, heißt es im Vorwort.
›Aufgeklärter Realismus für eine friedliche Welt‹
Die ersten vier Kapitel befassen sich mit den Umbrüchen im internationalen System, der neuen Rolle des globalen Südens und der Funktionsweise der multipolaren Weltordnung. Das vorletzte Kapitel thematisiert die Kontroversen in der deutschen Friedensbewegung. Auf den letzten zwanzig Seiten werden Vorschläge für eine Friedensbewegung auf der Höhe der Zeit gemacht. Da wird noch einmal der »aufgeklärte Realismus für eine friedliche Welt« aus den angeblich guten alten 1970er Jahre beschworen. »Die positiven Erfahrungen mit der Entspannungspolitik in der Ära Brandt/Breschnew zeigen, Entspannung funktioniert. Das ist auch heute wieder machbar, wenn der politische Wille dazu da ist.«
Da hat das Quartett über viele Seiten argumentiert, wie stark sich die Weltordnung in den letzten Jahrzehnten verändert hat, und dann sollen die Methoden einer bipolaren Welt mit zwei Großmächten einfach auf eine multipolare Welt übertragbar sein, wenn nur der gute Wille vorhanden ist?
Moralische Begründung
Hier werden die Grenzen der von den Autoren gewählten Ansätze von Geopolitik und aufgeklärtem Rationalismus besonders deutlich. Da fragt man sich, warum sie sich nicht stärker der Instrumente der Kapitalismuskritik beim Blick auf die Veränderungen in der Weltordnung bedient haben. Dann wäre ihnen aufgefallen, dass die Rückkehr zur multipolaren Welt sehr stark dem Zustand vor dem Ersten Weltkrieg ähnelt, als verschiedene kapitalistische Staaten und Staatenbündnisse um Einfluss, Seewege und Kolonien rangen.
Die Autoren gehen darauf in Kapitel 4 unter der Überschrift »Die multipolare Ordnung des 19.Jahrhundert« sogar knapp ein. Doch sie ziehen keine Parallele zur aktuellen Situation, sondern sehen völlig andere Rahmenbedingungen und liefern dafür eine rein moralische Begründung: »Schließlich steigen mit dem Globalen Süden Akteure auf, die jahrhundertelang exzessiver Unterdrückung und Ausbeutung ausgesetzt waren. Damit bekommt die neue Weltordnung eine emanzipatorische Dimension, die es im Europa des 19.Jahrhunderts nicht gab.«
So der überraschende Befund von vier Männern, die durchaus auch mit marxistischer Theorie vertraut sind. Dabei hat sich doch in den letzten Jahrzehnten in vielen Ländern gezeigt, dass selbst politische Bewegungen im globalen Süden, die einmal mit emanzipatorischen Zielsetzungen angetreten sind, zu Treibern neuer kapitalistischer Ausbeutung wurden. Als Beispiele seien hier die zu kapitalistischen Staatsparteien mutieren ehemaligen Befreiungsbewegungen in Angola, Mosambik oder Nicaragua genannt.
Humanistischer Idealismus
Doch die kapitalistische Verfasstheit der Brics-Staaten wird von den Verfassern des Buches ignoriert. Autor:innen wie Patrick Bond aus Südafrika und Kavita Krishnan aus Indien, die hinter dem Beschwören der Multipolarität vor allem den Schlachtruf der neuen kapitalistischen Eliten im globalen Süden erkennen wollen, werden von den Autoren als humanistische Idealisten belächelt, die gar den Maßstab der »Utopie der sozialistischen Weltrepublik« anlegen.
Dabei sind es die Autoren, die mit der weitgehenden Ausblendung der kapitalistischen Verfasstheit der multipolaren Weltordnung idealistische Vorschläge machen, wenn sie den Eindruck erwecken, man müsse die Menschen nur überzeugen, dass Kooperation und Entspannung für alle von Nutzen ist, und schon klappe es mit dem Frieden in der Welt.
Da ist es nur konsequent, wenn sie bei ihrer Beschäftigung mit der Friedensbewegung Initiativen wie Rheinmetall Entwaffnen vergessen. Dabei befinden sich gerade solche Initiativen auf der Höhe der Zeit, weil sie nicht an die Friedensfähigkeit von kapitalistischen Staaten appellieren, sondern den Kampf vor die Rüstungskonzerne wie Rheinmetall und Co. tragen.
Dennoch lohnt es sich, das Buch zu lesen – wegen der nüchternen Beschreibungen des Konflikts zwischen Russland und der Ukraine und der Verfasstheit und der Rolle der EU. Hier findet man gute Argumentationshilfen, wenn man sich an manchen Stellen auch eine stärkere Kritik am russischen Nationalismus gewünscht hätte.
Kommentar zu diesem Artikel hinterlassen
Spenden
Die SoZ steht online kostenlos zur Verfügung. Dahinter stehen dennoch Arbeit und Kosten. Wir bitten daher vor allem unsere regelmäßigen Leserinnen und Leser um eine Spende auf das Konto: Verein für solidarische Perspektiven, Postbank Köln, IBAN: DE07 3701 0050 0006 0395 04, BIC: PBNKDEFF
Schnupperausgabe
Ich möchte die SoZ mal in der Hand halten und bestelle eine kostenlose Probeausgabe oder ein Probeabo.
Kommentare als RSS Feed abonnieren